Coronavirus

Corona-Impfung: Patienten-Ansturm überrollt Arztpraxen – „Es ist unfassbar“

Der gelbe Impfausweis liegt bereit. Bevor es losgeht, müssen die Patienten noch einen Fragebogen ausfüllen.
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Die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen in Hanau übersteigt die Kapazitäten der Arztpraxen deutlich.

Niedergelassene Mediziner in Hanau dürfen ihre Patienten gegen das Coronavirus impfen. Die Nachfrage nach den Corona-Impfstoffen übersteigt das Angebot deutlich.

Hanau - Erst einmal durchatmen muss die medizinische Fachangestellte Astrid Mann. Sie arbeitet in der Praxis von Ärztin Christine Hegmann am Freiheitsplatz in Hanau und kommt derzeit kaum hinterher mit den Anrufen. „Hörer auflegen und gleich wieder abnehmen“, schildert sie ihre Routine. Problematisch: Viele Patienten wissen nicht, dass sich auch die Hausärzte an der Impfverordnung orientieren müssen. „Alle fragen nach, möchten auf einmal von Priorisierungsgruppe drei in die erste“, sagt Mann.

Die Unwissenheit der Patienten verblüfft auch Dr. Holger Hofmann, der in Steinheim eine Praxis betreibt. „Hier rufen mitunter 23-Jährige an, es ist unfassbar“, sagt der Mediziner. Ununterbrochen klingelt das Telefon, „wir kommen zu nichts anderem mehr“. Am Dienstagnachmittag habe er den Anrufbeantworter einschalten müssen, damit das Praxisteam in Ruhe gegen das Coronavirus impfen konnte. 36 Impfdosen stehen ihm in dieser Woche zur Verfügung. Für die Praxis von Christine Hegmann wurden 18 zugesagt.

Prominente Kandidatin aus Hanau lobt Organisation der Impfungen

Die Ärzte hoffen natürlich auf mehr. Sie haben Prioritätenlisten erstellt, nach denen die Patienten, die eine Impfung erhalten können, kontaktiert werden. Hinter die 80-Jährigen kann Dr. Holger Hofmann bereits ein Häkchen setzen, nun folgen Patienten im Alter zwischen 70 und 80 Jahren und chronisch Erkrankte. Für die kommende Woche hat die Steinheimer Praxis 24 Impfdosen bestellt. „Wir wissen aber noch nicht, ob wir die auch bekommen“, sagt Hofmann.

Derweil lobt eine prominente Impfkandidatin die „sehr gute Organisation“ der Praxen. Margret Härtel, Hanauer CDU-Oberbürgermeisterin a.D., ist für Mittwoch zum Impftermin bei ihrer Hausärztin einbestellt worden. Die bald 78-jährige Risikopatientin hat bereits am Vortag ihren Impfpass in der Gemeinschaftspraxis von Martina Scheufler und Petra Bichel im Musikerviertel abgegeben und einen Fragebogen ausgefüllt.

Hoher bürokratischer Aufwand verlangsamt Corona-Impfungen in Hanau

„Ich bin seit neun Wochen für die Zuteilung eines Impftermins registriert“, erzählt Härtel. Da sie zunächst keinen bekommen habe, habe sie ihre Ärztin kontaktiert, als bekannt wurde, dass die Allgemeinmediziner nach Ostern mit dem Impfen loslegen können. Sehr dankbar ist Härtel darüber, ihre zwei Biontech-Impfdosen – die zweite in genau sechs Wochen – nun auf diesem Wege zu erhalten. „Das ist doch viel angenehmer und persönlicher als in einem der Zentren, vor allem für ältere Menschen“, sagt sie.

Längst nicht alle Hausarztpraxen in Hanau können ihren Patienten ein Impfangebot machen. „Den bürokratischen Aufwand könnten wir nicht stemmen“, sagt die Mitarbeiterin einer Praxis, die anonym bleiben möchte. Die nötige Software fehlt, für Vorgespräche mit den Patienten, Priorisierungen und das Ausfüllen von Formularen ist keine Zeit. „Wir müssten zusätzliche Sprechstunden anbieten“, heißt es. Dennoch wird auch diese Praxis von Anfragen überrollt. „Von den 50 Patienten, die am Vormittag in die Praxis kamen, wollte die Hälfte einen Impftermin oder gleich geimpft werden“, berichtet die Mitarbeiterin. Impfberechtigt sei allerdings so gut wie keiner von ihnen gewesen.

Hanauer Ärzte appellieren: „Wir brauchen Herdenimmunität“

Den „maximal überbordenden Bürokratismus“ kritisiert auch Dr. Maria Haas-Weber. Vor ihrer Praxis in Mittelbuchen bilden sich aktuell lange Schlangen. 50 Menschen können hier pro Tag geimpft werden, „mindestens 100, wenn genügend Impfstoff vorhanden ist“. Eine logistische Herausforderung für das Praxisteam. Doch Haas-Weber sieht sich in der moralischen Verpflichtung: „Wenn wir die Pandemie bekämpfen wollen, brauchen wir Herdenimmunität durch das Impfen“, sagt sie.

Ihren Patienten will sie die Angst vor „sehr seltenen“ Impfreaktionen nehmen – stellt sich aber auf Diskussionen ein, wenn neben dem Biontech-Impfstoff auch bald der umstrittene von Astrazeneca in den Praxen verimpft werden soll. (Franziska Jäger)

Ein Pfleger aus Hanau überstand seine Corona-Infektion. Seine Gesundheit hat er aber noch nicht zurück.

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