Kundgebung auf dem Marktplatz

„In welcher Welt leben wir eigentlich?“: ABB-Beschäftigte mit Warnstreik gegen Werksschließung

Eindrucksvolles Bild: Die ABB-Beschäftigten fuhren nach dem als Autokorso begonnenen Warnstreik mit ihren Pkws auf den Marktplatz.
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Eindrucksvolles Bild: Die ABB-Beschäftigten fuhren nach dem als Autokorso begonnenen Warnstreik mit ihren Pkws auf den Marktplatz.

Stefan Weigand stockte die Stimme, als er gestern auf dem Hanauer Marktplatz zu seinen Kollegen von Hitachi ABB Power Grids sprach. „In welcher Welt leben wir eigentlich, wenn nicht einmal Rentabilität für einen sicheren Arbeitsplatz reicht?“, rief der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende ins Mikrofon. Nun müsse er seinem Sohn beibringen, dass Tugenden keinerlei Bedeutung mehr hätten, sich jeder selbst der nächste sei. „In so einer Welt will ich nicht leben!“, bekannte Weigand und erntete Applaus, begleitet von Trillerpfeifen und Hupen.

Hanau – Dutzende Mitarbeiter des von der Schließung bedrohten Werks hatten sich nach einem Autokorso von Großauheim in die Innenstadt auf dem Marktplatz mit ihren Fahrzeugen versammelt. Dort fand eine Protestkundgebung statt. Diesmal jedoch mit deutlich verschärftem Druck auf die Geschäftsführung: Nach den Aktionen der vergangenen Wochen war es der erste Warnstreik, zu dem die IG Metall aufgerufen hatte.

Gaben sich kämpferisch (von links nach rechts): Landrat Thorsten Stolz, der hessische SPD-Generalsekretär Christoph Degen, der Erste bevollmächtige der IG Metall Hanau-Fulda Robert Weißenbrunner, OB Claus Kaminsky und die Linken-Landtagsabgeordnete Saadet Sönmez.

Weigand sagte, er und die anderen Beschäftigten in Großauheim hätten bewiesen, dass sie zukunftsfähig und innovativ seien, hätten sich immer mit dem Konzern identifiziert, seien stolz gewesen, dort zu arbeiten. „Diese Identität und dieser Stolz wurden hart exekutiert“, fand Weigand, der auch die Vertrauensleute vor Ort leitet, deutliche Worte.

Erste Bevollmächtigte der IG Metall Hanau-Fulda sieht Beteiligung am Warnstreik als deutliches Signal

Abgesehen von der „menschlichen Armut“, die die Entscheidung, die Niederlassung Ende Juni 2021 zu schließen, in sich trage, sei diese auch inhaltlich nicht nachvollziehbar. In Großauheim würden wichtige Teile produziert, die für die Dezentralisierung der Energieversorgung benötigt würden – im Rahmen der Energiewende eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben. „Know-how und Qualität können nicht verlagert werden. Es ist unternehmerischer Selbstmord, was dort passiert“, sagte Weigand. Hitachi hatte erst im Sommer 80,1 Prozent der ABB-Stromnetzsparte Power Grids übernommen, nun soll die Produktion von gasisolierten Schaltanlagen und hydromechanischen Antriebe von Großauheim nach Bulgarien und in die Schweiz umgesiedelt werden. 500 Mitarbeiter stehen vor dem Nichts. Weigand appellierte an die Geschäftsführer: „Es liegt in Ihrer Hand, ob der Konflikt weiter eskaliert, ob Sie Reputation zerstören.“ Man halte dem Management weiter die Hand hin, sei aber in der Lage, den Konflikt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu führen.

Fahnen, Mützen und Masken gehörten bei der Kundgebung zur Grundausstattung.

Das hatte auch der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Hanau-Fulda, Robert Weißenbrunner, eingangs betont. Er bezeichnete die große Beteiligung an dem Warnstreik als „deutliches Signal, dass die Arbeitnehmer bereit sind, für ihre Arbeitsplätze zu kämpfen“. Doch es fielen nicht nur markige Worte, es wurde auch nachdenklich: Gestern war der Anschlag vom 19. Februar genau neun Monate her, weswegen Weißenbrunner zu einer stillen Gedenkminute aufrief. „Hanau steht zusammen“ bringe es auf den Punkt: Die Gesellschaft funktioniere nur, wenn sie solidarisch zusammenhalte, so der IG-Metall-Bevollmächtigte, der sich entschieden gegen Rechts und gegen „Covidioten“ – so Weißenbrunner wörtlich – positionierte.

Mehrere ABB-Mitarbeiter schildern ihre Situation

Tanja Viel (ABB-Beschäftigte)

Seine Solidarität mit den ABB-Beschäftigten brachte auf der Bühne OB Claus Kaminsky zum Ausdruck. Er nannte die Entscheidung zur Werksschließung „schäbig, unehrenhaft und respektlos“. Es ginge dabei um weit mehr als die Jobs in Großauheim, sondern darum, in welcher Gesellschaft man künftig leben wolle. Die Grundfesten des Miteinanders würden damit infrage gestellt, so Kaminsky, der einen Appell nach Wiesbaden schickte. Er erwarte vom Land mehr Hilfe im Kampf gegen die Pläne der Konzernleitung. Dem schloss sich Landrat Thorsten Stolz an. Es dürfe nicht nur Lippenbekenntnisse zur Energiewende geben. Auch von den Grünen in Regierungsverantwortung erwarte er mehr Unterstützung, so Stolz.

Stefan Weigand (stellv. Betriebsratsvorsitzender)

Auch der SPD-Landtagsabgeordnete und Generalsekretär der hessischen SPD, Christoph Degen, sowie die Linken-Landtagsabgeordnete Saadet Sönmez kündigten an, weiter an Seite der Angestellten kämpfen zu wollen.

Stellvertretend für die vielen Schicksale, die das Aus in Großauheim bedeuten würde, schilderten drei ABB-Mitarbeiter ihre Situation. Industriemechanikerin Tanja Viel sagte, sie habe mehr als ihr halbes Leben bei dem Unternehmen verbracht. Sie habe Azubis begleitet, die heute ihre Vorgesetzten seien. Alle hätten sich eingesetzt für Nachhaltigkeit, für die ABB-Produkte. Und plötzlich werde „kein Wert mehr auf unsere Kompetenzen gelegt“.

Mitarbeiter fühlt sich verraten und verkauft

Carsten Guth (ABB-Beschäftigter)

Eindringlich war die Rede von Carsten Guth aus der Qualitätssicherung. Guth, der sonst eher im Fasching auf der Bühne steht, schilderte, was in ihm vorgegangen sei, als das Aus bei einer Betriebsversammlung verkündet wurde: Surreal, schlechter Scherz, Kopfkino, Angst – das seien seine Gedanken gewesen. „Dann kam die Wut und schließlich der Kampfgeist“, so Guth. „Wir reden hier von Menschen, die Herzblut in den Standort gesteckt haben, damit die Eigentümer gut dastehen.“ Verraten und verkauft fühle er sich.

Als „asozial“ bezeichnete Fatih Polat das Vorgehen. Man werde es nicht akzeptieren. „Als weiter“, lautete sein Rat an die versammelten Beschäftigten.

Fatih Polat (ABB-Beschäftigter)

Weißenbrunner kündigte gegen Ende der Kundgebung an, die IG Metall werde im Kampf nicht nachlassen. Vieles dürfte nun abhängen von den weiteren Verhandlungen mit der Geschäftsführung von Hitachi ABB, die für den heutigen Freitagnachmittag in Mannheim anberaumt sind. Dort erwartet die Gewerkschaft ein Angebot zur Zukunftssicherung. Wenn dies ausbleibt, ist mit weiteren Warnstreiks sicher zu rechnen.

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