Interview

„Kann mich in Ruhe zurückziehen“: Dr. Jürgen Heraeus gibt den Aufsichtsratsvorsitz nach 20 Jahren ab

„Da ist die Freude, etwas Gutes zurückgelassen zu haben“: Dr. Jürgen Heraeus (84) hat sich nicht mehr zur Wahl für den Aufsichtsrat gestellt.
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„Da ist die Freude, etwas Gutes zurückgelassen zu haben“: Dr. Jürgen Heraeus (84) hat sich nicht mehr zur Wahl für den Aufsichtsrat gestellt.

Er ist das Gesicht des Familienunternehmens Heraeus, kritischer Geist und aufmerksamer Beobachter: Nach 20 Jahren als Vorsitzender des Aufsichtsrats hat sich Dr. Jürgen Heraeus am Dienstag nicht mehr zur Wahl für den Aufsichtsrat gestellt. Franz Markus Haniel folgt ihm auf der Position des Vorsitzenden. Die Mitarbeiter wurden gestern über die Veränderungen im Unternehmen informiert. Wir haben mit dem 84-Jährigen über den Zeitpunkt des Rückzugs, aber auch über die Corona-Krise und ihre Folgen gesprochen.

Sie haben einmal gesagt: „Familienunternehmen gehen nicht wegen hohen Steuern oder Löhnen kaputt, sondern wegen Familienstreitigkeiten, schlechtem Management und dem Nichtabtreten der Senioren.“ Warum glauben Sie, dass der richtige Zeitpunkt für Sie gekommen ist, sich nicht mehr für den Aufsichtsrat aufzustellen?
Für den Aufsichtsrat gab es wie geplant Neuwahlen, und eine weitere fünfjährige Periode ist altersmäßig für mich nicht mehr angemessen. Das Unternehmen ist in sehr gutem Zustand, da kann ich mich in Ruhe zurückziehen.
Sie haben sich nach 20 Jahren als Vorsitzender des Aufsichtsrats nicht mehr zur Wahl gestellt. Wir spekulieren jetzt, Sie werden es mit einem weinenden und einem lachenden Auge getan haben. Worauf freuen Sie sich? Und was werden Sie vermissen?
Vor 56 Jahren bin ich in das Unternehmen eingetreten. Irgendwann reicht es auch, sodass es weder lachende noch weinende Augen gibt, sondern die Freude, etwas Gutes zurückgelassen zu haben. Freie Zeit ohne Druck mit meiner Frau, Familie und Freunden zu verbringen, ist etwas, worauf ich mich freuen kann.
Ist dies eine Zäsur für das Unternehmen, wie einige Beobachter glauben? Oder anders gefragt: Verliert Heraeus den Nimbus des klassischen deutschen Familienunternehmens?
Ich glaube eher, dass wir sehr geplant vorgehen und für Kontinuität sorgen. Jan Rinnert ist seit 20 Jahren im Unternehmen und seit 2013 Vorsitzender der Geschäftsführung. Und ein Wechsel im Aufsichtsratsvorsitz ist etwas ganz Normales. Die Gesellschafterstruktur bleibt weiter unverändert, auch ich bleibe weiterhin Gesellschafter des Unternehmens. Darüber hinaus freue ich mich auch, dass meine Tochter Birgit Heraeus-Roggendorf in den Aufsichtsrat gewählt wurde.
Was sagen Sie langjährigen Mitarbeitern, die sich über Sie mit Heraeus identifiziert haben?
Die langjährigen Mitarbeiter, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sind schon lange im Ruhestand und denken sich vielleicht, dass es auch für mich Zeit gewesen sei.
In jeder Krise, so heißt es, liegt immer auch eine Chance. Wo sehen Sie die Chance für Ihr Unternehmen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen?
Unser Unternehmen ist durch das breite Unternehmensportfolio gut aufgestellt, und wir werden diese Zeit insgesamt gut überstehen.
Sie haben im Februar dieses Jahres in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ den Zustand Deutschlands als schlecht bezeichnet. Da waren die Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht in ihrer Gesamtheit abzusehen. Wie würden Sie den Zustand heute beschreiben?
Durch die Corona-Situation hat sich die Lage der deutschen Wirtschaft natürlich nicht verbessert. Insbesondere hat es spezielle Gewerbe in der Gastronomie, Hotellerie, selbstständige Veranstalter und andere hart getroffen. Hier wird eine Erholung lange dauern.
Sie haben damals auch Kanzlerin Merkel kritisiert („Sie bewegt in Deutschland nichts mehr“). Wie bewerten Sie ihre und die Führung ihrer Regierung in der Corona-Krise?
Ich denke, Frau Merkel hat eine exzellente Arbeit mit Blick auf die Corona-Krise geleistet.
Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wird der Ruf immer lauter, die Globalisierung wieder zurückzuschrauben. Wie stehen Sie zu einer Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland. Was würde dies für Heraeus als Global Player bedeuten?
Der Ruf, die Globalisierung zurückzuschrauben, ist unsinnig. Arbeitsteilung in der Welt erhöht den Wohlstand für alle. Heraeus hat nie im Ausland produziert, um ein Lohngefälle zu nutzen. Wir produzieren immer dort, wo die Märkte und unsere Kunden sind. Lieferketten – wie in manchen Industrien – haben wir nicht.
Eine kleine Stadt im Herzen der Stadt: Die Firma Heraeus, hier aus Richtung der Bulau fotografiert, ist einer der größten Arbeitgeber in der Region und hat sich in den vergangenen Jahren mehr als einmal neu erfunden.
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise werden in Deutschland durch enorme staatliche Unterstützungsleistungen abgefedert. Wie lange kann und sollte sich der deutsche Staat dies leisten?
Die Corona-Krise wird Opfer verlangen und der Staat kann nicht alles ausgleichen. Wir sollten hinterfragen, ob es weiterhin Sinn macht, Unternehmen zu stützen, die schon vor der Corona-Krise ihre Probleme hatten und auch in Zukunft nicht auf eigenen Beinen stehen können.
Donald Trump ist als US-Präsident abgewählt worden. Teilen Sie die Zuversicht und die Hoffnung, die viele Menschen mit dem Führungswechsel an der Spitze der Weltmacht verbinden?
Mit dem neuen Präsidenten in den USA dürfte es leichter sein, wieder einen normalen Umgang zu haben und gemeinsame Lösungen zu finden. Wir sollten aber auch bedenken, dass die Demokraten in einigen Punkten, wie zum Beispiel der Nato-Finanzierung, die gleiche Meinung wie Trump haben.
In unserer Region gibt es viele kleinere Unternehmen, die einst im Schoß von Heraeus gewachsen und heute eigenständig sind. Die „Entlassung in die Freiheit“ wurde von Heraeus sehr großmütig, gar freundschaftlich begleitet. Wie lautet die Philosophie, die hinter dieser Politik steckt?
Wir haben in der Vergangenheit oft kleine Bereiche in die Freiheit entlassen, wenn wir den Eindruck hatten, dass sie ohne den Konzern in Selbstständigkeit erfolgreich sein können. Das hat sich in allen Fällen bewährt und so sind kleine, mittelständische Unternehmen entstanden in neuer Eigentümerschaft.
Im Ringen um die besten Köpfe spielt der Standort eines Unternehmens eine wichtige Rolle. Finden Sie Hanau attraktiv?
In den vergangenen Jahren hat sich in der Stadtentwicklung viel getan, um die Brüder-Grimm-Stadt Hanau attraktiver zu machen. Es wurde familienfreundlicher Wohnraum geschaffen und die Hanauer Innenstadt ist ein beliebtes Einkaufszentrum. Hanau ist heute für viele Familien aus Frankfurt eine bezahlbare Alternative.
Von Firmenkennern haben wir gehört, dass Sie einen sehr engen Austausch auch über das operative Geschäft mit Ihrem Schwiegersohn Jan Rinnert pflegen. Wie wird der Austausch künftig sein?
Es war ganz natürlich, dass der Vorsitzende des Aufsichtsrats mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung in engem Austausch steht. Das wird Jan Rinnert nun mit meinem Nachfolger in derselben Art und Weise handhaben. Auf persönlicher Ebene werden wir natürlich weitere Gespräche über das führen.

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