Warnung

Jazzmusiker Emil Mangelsdorff (94): „So etwas wie die Nazizeit   darf nie wieder passieren“

Auch mit 94 Jahren ein unermüdlicher Mahner: Jazzmusiker Emil Mangelsdorff gastierte im Kulturforum. Foto: kögel
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Auch mit 94 Jahren ein unermüdlicher Mahner: Jazzmusiker Emil Mangelsdorff gastierte im Kulturforum. 

Der Jazzmusiker Emil Mangelsdorff setzt sich auch im Alter von 94 Jahren nicht zur Ruhe und berichtet aus seiner Vergangenheit während des Nationalsozialismus. Jetzt machte er Halt in Hanau. 

Hanau – Eine Zeit, in der der Jazz als „entartet“ verpönt und „Swing tanzen verboten“ war, wie Mangelsdorff am Freitagabend bei seinem Gesprächskonzert im gut besuchten Kulturforum am Freiheitsplatz berichtete.

Eingeladen hatte der Hanauer Trägerverein Kulturzentrum Pumpstation, KUZ Hanau, in Kooperation mit der Frankfurter Kulturinitiative „Kultur im Ghetto.“ Denn, so Lucas Schobert vom KUZ Hanau, „gerade in Zeiten, in denen Parteien in Parlamenten Anfragen stellen, um auf die Kürzung und Streichung von Mitteln für Kultur hinzuwirken, die ihnen unbequem erscheint, da sie kritisch und gesellschaftspolitisch engagiert ist, scheint es uns besonders wichtig und aktuell, von Zeitzeugen zu hören und zu lernen.“

Und so gehörte die Bühne nach der swingenden musikalischen Begrüßung durch das Quartett dem Senior Emil Mangelsdorff für das Blättern in seinen Erinnerungen an schwierige Zeiten, in denen er trotz aller Widrigkeiten an seinem Traum, Jazzmusik zu machen, festgehalten hat. Radio Luxemburg sollte er auf den Ratschlag seines antifaschistisch eingestellten Vaters hören. Denn dort könne man der ewigen NS-Propaganda entgehen. Und durch diesen Sender wurde der junge Emil Mangesdorff im Alter von neun Jahren auf Louis Armstrong aufmerksam. „Musik und Stimme haben mich elektrisiert,“ erinnert sich Mangelsdorff, sein Entschluss, sich dieser Musik zu widmen, war gefasst.

Und er tut es zunächst mit einem Akkordeon für 80 Mark, Kontakt zu Gleichgesinnten entsteht, sie üben zusammen die amerikanischen Songs ein, spielen in Lokalen zum Tanz auf, und geraten zunehmend ins Blickfeld der Behörden. „Wir merkten, wie der Jazz in Misskredit gebracht wurde. Wir merkten, dass die Musik bei den Nazis nicht geduldet war“ und mit geschürtem Hass gegen Schwarze, Juden und Zigeuner als Vertreter dieser Musik aus dem Kulturbegriff getilgt werden sollte.

Doch Hassgefühle hatten, so berichtete Mangelsdorff, bei den jungen Frankfurter Musikern keine Chance. Wer so hervorragende Musik mache wie diese Jungs, den könne die Kritik der Nazis nicht wirklich treffen. Immerhin sei das Spielen englischer Titel bei Konzerten verboten gewesen. Doch man wusste sich zu helfen. Zum Beispiel der “Tiger Rag“ wurde einfach umbenannt zur „Löwenjagd im Taunus,“ um ihn im Programm lassen zu können. Doch unter aufmerksamer Beobachtung haben die Frankfurter Jazzmusiker immer gestanden. Zweimal wurde Emil Mangelsdorff zu Verhören vorgeladen, 20 Tage verbrachte er im Gefängnis, weil er einen Kollegen zur „Wehrkraftzersetzung“ angestiftet habe. Diese Repressalien und die ständige Furch vor Denunzierungen konnten Mangelsdorff allerdings nicht von seinem tiefen Hang zum Jazz und Swing abbringen. Nur eines ist für ihn aufgrund der gemachten Erfahrungen klar: „So etwas wie die Nazizeit darf nie wieder passieren.“  

zdk

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