„Keine gnadenlosen Sheriffs“

Unterwegs mit der Hanauer Stadtpolizei zur Kontrolle der Ausgangssperre

Es bleibt bei einer Belehrung: Ein Passant am Marktplatz, wo er zu dieser Uhrzeit eigentlich nicht mehr sein dürfte.
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Es bleibt bei einer Belehrung: Ein Passant am Marktplatz, wo er zu dieser Uhrzeit eigentlich nicht mehr sein dürfte.

Seit Freitag, 11. Dezember, gilt in der Zeit zwischen 21 und 5 Uhr eine Ausgangssperre in der Hanauer Innenstadt. Wir haben eine Streife bei ihren Kontrollgängen begleitet

Hanau – Die Kulisse erscheint unwirklich: Die Straßen von Hanau sind menschenleer und der Wind schneidet kalt ins Gesicht. Nur hier und da hat sich ein Mann mit seinem Hund oder ein Fahrradfahrer in den leicht ausklingenden Nieselregen verirrt. Es ist Freitag, 11. Dezember, 21.15 Uhr. Seit neun Uhr abends gilt in Hanau, wie im gesamten Main-Kinzig-Kreis, die Ausgangssperre. Nur wer einen triftigen Grund hat, darf sich noch auf der Straße aufhalten.

Wir begleiten eine Streife der Stadtpolizei in der Innenstadt. Beide Mitarbeiter gehen wie Thorsten Wünschmann, Chef des Hanauer Ordnungsamts, von einer ruhigen Nacht aus. An diesem ersten Abend, an dem die Ausgangssperre erstmals greift, hat sich die Stadtpolizei mit der Landespolizei zusammengetan. Geplant ist, dass zwei bis vier Streifen in der Stadt patrouillieren. Zudem wird eine Autokontrollstelle an der Nußallee gegenüber dem Landgericht eingerichtet.

Ausgangssperre in Hanau: Streifen sollten auf die Menschen eingehen

Eine dieser Streifen besteht aus Steffen Heil und Heiko Kunkel. Sie sammeln sich gegen 21.20 Uhr mit einigen Kollegen an der Stadtwache am Marktplatz. Schon nach den ersten Metern kommt den Stadtpolizisten auf dem Marktplatz ein Mann entgegen. Freundlich weisen sie ihn auf die geltende Ausgangsbeschränkung hin und fragen ihn nach seinem Ziel. Wie der Mann behauptet, wollte er nur etwas zu essen kaufen und wusste nichts von der Ausgangssperre. Nach einer gründlichen Belehrung belassen es die Stadtpolizisten bei einer mündlichen Ermahnung und schicken den Passanten nach Hause.

Auf Streife: Die Stadtpolizei kontrolliert zu Fuß die Innenstadt.

Dieses Vorgehen entspricht den Vorstellungen von Wünschmann. „Wir werden nicht als gnadenlose Sheriffs unterwegs sein“, hatte er vor Beginn der Streife angekündigt. Zwar wolle man strenger vorgehen als noch bei der Kontrolle der Maskenpflicht, jedoch immer noch ins Gespräch kommen und auf die Personen eingehen. „Wir wollen keine Wischiwaschi-Aktion“, so der Ordnungsamtsleiter, „aber wir werden jetzt keine zerstreute Oma, die etwas über die Zeit ist, zur Kasse bitten.“

Corona-Kontrolle: Auch Sprachbarrieren können überwunden werden

Insgesamt sind beim Rundgang zu Fuß durch die Hanauer Innenstadt keine Bußgeldverfahren notwendig. Zwar treffen Heil und Kunkel hier und da auf Personen, die noch auf Hanaus Straßen unterwegs sind, jedoch verfügen alle über einen triftigen Grund. Wenn dieser auch nicht direkt erkennbar ist. So wie bei einem jungen Sprinterfahrer, den Kunkel und Heil in der Nähe des Frankfurter Tors antreffen. Er habe eine Bescheinigung von seinem Chef erhalten, wisse jedoch nicht, wo diese sei, gibt er bei der Überprüfung an. Nach einem Anruf bei seinem Vorgesetzten und der tatkräftigen Hilfe eines Freundes kann der Sprinterfahrer den Stadtpolizisten, trotz Sprachbarriere, die Notwendigkeit seiner Reise erklären. Der Sprinterfahrer ist nicht der Einzige, der an diesem Abend eine Arbeitsbescheinigung vorweisen kann. Generell haben die meisten Menschen, die wir treffen, ein solches Dokument bei sich. „Ich bin begeistert, wie viele Arbeitgeber schon entsprechende Bescheinigungen ausgestellt haben“, zeigt sich Tillmann Dierl von der Polizeistation I erfreut, als wir bei unserem Rundgang in der Nußallee vorbei kommen.

Wer nach 21 Uhr arbeitet, darf das auch: Der Sprinterfahrer kann bei der Kontrolle eine Arbeitsbescheinigung vorweisen.

Dierl ist mit mehreren Kollegen von Landes- und Stadtpolizei dort stationiert, wo sie alle Autos kontrollieren, die stadteinwärts unterwegs sind. Quasi im Minutentakt kommen neue Autos, deren Fahrer gebeten werden, ihr Fahrzeug an die Seite zu fahren. Ganz routiniert nehmen die Polizisten die Personalien auf und Fragen nach dem Ziel der Reise sowie nach dem Ausgangspunkt. Die meisten Fahrer haben entweder direkt eine Bescheinigung des Arbeitgebers oder können glaubhaft versichern, dass sie von der Arbeit kommen.

Corona-Ausgangssperre in Hanau - Verwirrung um eine Arbeitsbescheinigung

Hier und da herrscht jedoch Verwirrung um den Beginn der Ausgangssperre. Grund hierfür sind abweichende Regelungen in angrenzenden Landkreisen.

Trotz der Anzahl der Autos halten sich die einzuleitenden Bußgeldverfahren sehr in Grenzen. Insgesamt fallen nur die wenigsten unangenehm hoch aus. Ein Mann zeigt zwar eine Arbeitsbescheinigung vor, diese ist jedoch auf eine andere Person ausgestellt. Einem Bußgeldverfahren kann er jedoch trotzdem entkommen, da er das richtige Dokument kurzfristig nachreichen kann.

Polizei in Hanau kontrolliert Corona-Regeln: Streifen bis 24 Uhr im Einsatz

Dem Verfahren nicht entkommen wird ein Vater, der seine Tochter zu einer Schulfreundin fahren wollte. Dies gilt nach aktueller Regelung nicht als angemessener Grund und wird somit mit einem Bußgeld von 200 Euro geahndet. Auch zwei junge Männer müssen jeweils mit einem Bußgeldbescheid rechnen. Beide kamen nach eigener Aussage von einer Freundin. Bei der weiteren Befragung können sie jedoch nicht genau angeben, wo diese Freundin wohnt. Da jedoch allein der Besuch bei Freunden nach 21 Uhr nicht unter die Ausnahmeregelung fällt, würde diese Aussage für einen Bescheid reichen. Da der Fahrer jedoch sehr zittrig ist, wird der Polizist misstrauisch und lässt den jungen Mann auf Alkohol und Drogen testen. Auch wenn beide Tests negativ sind, wird er trotzdem nicht um das Bußgeld herumkommen.

Auch Fahrzeuge werden kontrolliert: Nicht jeder Autofahrer hat einen driftigen Grund, jetzt noch auf den Straßen unterwegs zu sein.

Insgesamt zeigt sich das Ordnungsamt von der Aktion sehr zufrieden. Vor Beginn hatte Wünschmann geäußert, dass es ihm lieber sei, Hanau präsentiere sich als „vorbildlich mit nur kleinen Ausreißern“. Dieser Wunsch hat sich für Wünschmann wohl erfüllt. Von den Polizeistreifen innerhalb der Stadt wurden insgesamt 80 Personen kontrolliert. Diese Streifen waren bis 24 Uhr im Einsatz. Auch meine persönliche Wahrnehmung, dass die meisten Menschen, die kontrolliert wurden, eine Bescheinigung oder glaubwürdige Gründe hatten, scheint sich bestätigt zu haben.

Ausgangssperre in der Corona-Pandemie: Hanauer nehmen Situation ernst

Über die ganze Kontrollaktion hinweg, sowohl bei der Kontrollstelle als auch bei den Streifen, wurde gegen lediglich zwölf Personen ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Zum Abschluss der Aktion lässt sich sagen: Es ist wirklich gespenstisch, an einem Freitagabend durch die leeren Straßen von Hanau zu streifen. Aber wenigstens zeigen die Hanauer somit, dass sie die Situation ernst nehmen.

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