Themenwoche 19. Februar

Kennenlernen als Weg zum Miteinander: Imam Mustafa Macit Bozkurt über Hanau, Trauer und Gemeinschaft

„Ein gutes Miteinander“: Imam Mustafa Bozkurt glaubt, dass man aufeinander zugehen muss.
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„Ein gutes Miteinander“: Imam Mustafa Bozkurt glaubt, dass man aufeinander zugehen muss.

Hanau – Am 19. Februar jähren sich die Anschläge zum ersten Mal. Das haben wir zum Anlass genommen, mit Mustafa Macit Bozkurt zu sprechen. Der 30-Jährige ist Imam beim Islamischen Verein Hanau. Er führte nicht nur das Totengebet durch, an dem zahlreiche Menschen in der Hanauer Innenstadt teilnahmen, sondern begleitete auch Familienmitglieder und Angehörige der Opfer nach den Anschlägen.

Herr Bozkurt, wie haben Sie am Abend des 19. Februar von den Anschlägen erfahren?
Ich hatte gerade meine Kinder ins Bett gebracht und wollte selbst schlafen gehen. Da klingelte mein Handy. Ich bekam zahlreiche Anrufe und Whatsapp-Nachrichten. Jeder wusste, dass etwas Schlimmes passiert war, aber niemand wusste etwas Genaues.
Wie ging es anschließend weiter?
Wir haben im Laufe der Nacht erfahren, dass unter den Opfern Angehörige von Mitgliedern aus unserer Gemeinde sind. Dann haben wir versucht, Kontakt aufzunehmen und für die Familien da zu sein.
Was hat das in Ihnen selbst ausgelöst?
Emotionen lassen sich schwer beschreiben. Auf der einen Seite Trauer. Auf der anderen Seite Wut und Zorn, weil wir immer noch Rassismus in der Gesellschaft haben.
Würden Sie sagen, dass Rassismus in Hanau ein Problem ist?
Wenn man mich am 18. Februar gefragt hätte, welche Stadt die schönste und sicherste ist, hätte ich „Hanau“ geantwortet. Diese Stadt hat eine lange Migrationsgeschichte und verkörperte Willkommenskultur – sei es bei den Wallonen oder den Gastarbeitern. Immer hat Hanau alle mit offenen Armen begrüßt. Daher hat es uns so tief erschüttert, dass eine solche Tat ausgerechnet in Hanau geschieht. Und weil so etwas passiert ist, können wir nicht sagen, dass Hanau kein Rassismusproblem hat, aber man sollte auch wissen, dass die große Mehrheit der Gesellschaft zusammensteht und versucht, dieses Problem gemeinsam zu bewältigen. Das hat man unter anderem an der großen Beteiligung beim Totengebet gesehen.
Es gibt immer wieder vereinzelte Stimmen, die kritisieren, dass die Trauer für die Opfer sehr öffentlich ist, wie beispielsweise bei dem Totengebet. Hängt das auch mit der muslimischen Trauerkultur zusammen?
Das Totengebet ist eine Pflicht für jeden Muslim. Es ist die letzte Aufgabe, die er dem Verstorbenen gegenüber zu erfüllen hat. Zum einen glauben wir, dass, je mehr Menschen an einem Totengebet teilnehmen, der Verstorbene desto eher ins Paradies einzieht. Zum anderen soll der Gläubige beim Totengebet auch seine eigene Vergänglichkeit erfahren. Das hilft, das Leben wertzuschätzen. Der andere Faktor, der bei der öffentlichen Trauer zum Tragen kommt, ist die Symbolkraft. Das, was da passiert ist, war nichts Normales. Und deshalb müssen wir unsere Stimmen gegen jede Form von Diskriminierung erheben. Das ist ein Thema, das uns alle angeht. Ganz egal, ob muslimisch, christlich, jüdisch, deutsch, türkisch oder sonst etwas.
Letzte Ehre: Für die muslimischen Opfer des Anschlags fand auf dem Marktplatz ein Totengebet statt.
Bereits vergangenes Jahr forderte der CDU-Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert eine Rückkehr zur Normalität. Inwiefern kann man hier bei diesem Thema vermitteln?
Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist. Wir müssen die Erinnerung wachhalten, um Gefahren zu erkennen und einer Wiederholung entgegenwirken zu können. Natürlich muss man auch wieder zurück zum Alltag finden. Das Eine schließt das Andere aber nicht aus. Wenn beispielsweise eine Gedenkstätte am Marktplatz errichtet werden würde – wieso sollte mich das in meinem Alltag stören? Das ist etwas, das ich nicht verstehen kann.
Inwiefern hat denn die Corona-Pandemie die Trauerarbeit beeinflusst?
Vor allem auf die Trauerbegleitung hatte die Pandemie große Auswirkungen gehabt. Wir konnten den Menschen nicht so nah sein, wie es eigentlich sein sollte. Es waren ja nicht nur Familien, um die wir uns gekümmert haben, sondern auch Jugendliche, die einen Freund oder Nachbarn verloren haben. Wie soll man den Menschen helfen, wenn man nicht da sein kann?
Sie sagten, dass Sie vor dem 19. Februar Hanau als schönste und sicherste Stadt genannt hätten. Sehen Sie Hanau bald wieder in dieser Rolle?
Wir wissen ja, wie es vorher war, und ich bin zuversichtlich. Allein dass so viele Menschen mit uns gemeinsam getrauert haben, zeigt, wie eng unsere Reihen sind und wie stark wir gemeinsam sind. Das lassen wir uns von den Wenigen nicht kaputtreden.
Wie glauben Sie, kann man diese Zusammengehörigkeit noch weiter stärken?
Wir wissen, dass die Mehrheit der Hanauer Mitbürger uns zur Seite steht. Wir haben ein gutes Miteinander mit den Kirchen, der Jüdischen Gemeinde, mit der Stadt. Dieses Gefühl kann man weiter stärken, indem man noch mehr als bisher aufeinander zugeht. Es ist wichtig, ins Gespräch zu kommen und sich noch besser kennenzulernen. Man ist immer Feind dessen, was man nicht kennt. Deshalb ist das gegenseitige Kennenlernen der Weg zum noch besseren Miteinander.

Das Gespräch führte Jan Max Gepperth

Mustafa Macit Bozkurt zeigt sich optimistisch für die Zukunft.

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