Schnell, laut, aufgemotzt

Raser machen Kinzigbogen unsicher - Anwohner sind genervt und sauer

Zwischen 20 und 50 Fahrer zeigen am Hanauer Kinzigbogen allabendlich, was in ihren zumeist PS-starken Fahrzeugen steckt.
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Zwischen 20 und 50 Fahrer zeigen am Hanauer Kinzigbogen allabendlich, was in ihren zumeist PS-starken Fahrzeugen steckt.

Aufregung bei den Anwohnern. Mehrere Bewohner des neuen Wohnviertels zwischen Lamboystraße und Industriegebiet Nord in Hanau beklagen sich über nächtliche Ruhestörung in Form von Autoposern.

Hanau – Huperei, Motorengeheul, Reifenquietschen. „An eine gescheite Nachtruhe ist da nicht zu denken“, sagt Dieter Genech. Der 52-Jährige lebt mit seiner Familie seit neun Jahren am Kinzigbogen. Die Genechs gehörten zu den ersten Bewohner des neuen Wohnviertels zwischen Lamboystraße und Industriegebiet Nord. Dass er in der Nachbarschaft einmal Unterschriften sammeln würde, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, hätte Genech sich sicher nicht träumen lassen.

Das Problem: Auf dem großen Parkplatz und auf der Luise-Kiesselbach-Straße, die das Gelände umschließt, sind nach Ladenschluss ab 22 Uhr schnelle Autos unterwegs. Die Wagen und ihre Fahrer sind über mehrere Punkte auf dem großen Gelände verteilt – zwischen 30 und 40 sind es beispielsweise am Dienstagabend um 22.30 Uhr, zehn stehen in Reih’ und Glied vor dem Gartencenter. Immer wieder kommen neue dazu, andere drehen eine schnelle Runde auf der Umgehungsstraße, um schließlich wieder auf den Parkplatz zu fahren.

Die Anwohner beschweren sich über die Raserei

„Eine Stunde geht das, manchmal länger“, sagt Genech. Eine andere Nachbarin, die mit ihrer Familie vis-à-vis des Geländes lebt, erzählt, dass das Spiel um 1 Uhr oder 2 Uhr gern noch mal von vorne losgehe. Seit die Corona-Auflagen erneut verschärft wurden, finden die Treffen täglich statt, am Wochenende sei es aber besonders voll –und besonders laut.

„Gegen die Treffen“, erklärt der 52-jährige Genech, „sagt niemand etwas, aber gegen die Raserei. Wir sind alle hautnah dran, und es nervt uns total.“ „Und das nicht erst seit ein paar Tagen“, ergänzt eine Anwohnerin auf Nachfrage. Die junge Mutter, die anonym bleiben möchte, erinnert sich mit Grauen an laue Herbstabende, an denen Runden im Kreisel gedreht wurden. Gas geben. Bremsen. Hupen. Weiterfahren. Manchmal werde sie aus dem Schlaf gerissen, sitze mit Herzrasen im Bett. Die Fahrer stören aber nicht nur die Nachtruhe, sondern gefährden auch die Sicherheit. Immerhin liegen an der Luise-Kiesselbach-Straße zwei Bushaltestellen. „Nicht auszudenken, wenn da mal etwas passiert“, sagt die Frau und schüttelt den Kopf.

Polizei war während des ersten Lockdowns noch vor Ort

Eine andere Anwohnerin, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte am vergangenen Samstag wieder mal genug, rief die Polizei an. Auf die angekündigte Streife habe sie vor dem Haus gewartet, 30 Minuten lang, aber niemand sei gekommen. Auf Nachfrage bestätigt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Südosthessen, dass allein im November drei Anrufe von Anwohnern festgehalten wurden. „Wir haben das Thema im Blick“, sagt der Pressesprecher und rät den Anwohnern, künftig die 110 zu wählen.

Treffpunkt Kinzigbogen: Jeden Abend kommen sie hier zusammen, um Rennen zu fahren. Die Anwohner haben die Nase voll vom Lärm.

Im ersten Lockdown war die Polizei immer wieder am Kinzigbogen vor Ort. Ende April haben die Beamten hier eine sogenannte Corona-Party aufgelöst. Bei der Kontrolle damals trafen sie trotz Kontaktverbot zum wiederholten Mal auf eine Gruppe junger Leute. Auch hier hatte ein Anwohner die Wache informiert. Damals wurden Bußgelder verhängt, das Problem blieb jedoch bestehen.

Die Anwohnerin will nicht klein beigeben, hat Anfang der Woche eine E-Mail an Hanaus Oberbürgermeister geschrieben. Der zuständige Stadtrat bestätigt, dass das Schreiben vorliegt, er Kontakt zum Ordnungsamt aufgenommen habe und es zeitnah erneut Gespräche mit dem Betreiber des Kinzigbogens geben soll.

Parkraumüberwachung soll zum Jahreswechsel installiert werden

Dem ist das Thema Raser schon seit Monaten ein Dorn im Auge. Corona habe die Situation aber verschärft. 20 bis 50 Autos sind vor Ort, schätzt Lutz Bennhardt vom Center-Management des Kinzigbogens auf Nachfrage unserer Zeitung und räumt ein: „Wir werden der Sache nicht mehr Herr.“ Bennhardt spricht von illegalen Autorennen, von Verrohung und Vermüllung, denn der Abfall wird einfach liegen gelassen. Die sogenannten Kölner Teller, die nur aufgrund der nächtlichen Raser auf dem Parkplatz angebracht wurden, hätten kaum Auswirkungen. Kürzlich habe ein Fahrer die Kurve nicht mehr gekriegt und einen der Bäume umgefahren. Schlagbäume oder Schranken an den Einfahrten zum Gelände sind für Bennhardt nicht das richtige Mittel. „Der Parkplatz ist zwar ein Privatgrundstück, aber gleichzeitig auch öffentlicher Raum, der der Allgemeinheit zugänglich sein sollte“, findet er. Dafür müsse man sich aber an Regeln halten, „und die sehen hier zehn und nicht 100 Kilometer pro Stunde vor“.

Das Management wird jetzt handeln und zum Jahreswechsel eine Parkraumüberwachung installieren, um jene, die gegen die Regeln verstoßen, auch belangen zu können. Ob sich die Raserei, auch auf der Luise-Kiesselbach-Straße, dadurch eindämmen lässt? Bennhardt hofft es, „aber es wird seine Zeit dauern“.

Vielleicht können Dieter Genech und die anderen Anwohner am Kinzigbogen also bald aufatmen – und wieder durchschlafen.

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