Kniefall mit Lorbeerkranz: Bitte um Erhalt des Etats

Hartmut Volle erhält Darstellerpreis der Hanauer Festspiele

Applaus für den Preisträger: Peter Jurenda (2. v.l.), Vorsitzender des Vereins zur Förderung von Kunst und Kultur in Hanau, überreicht die Auszeichnung an Hartmut Volle.
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Applaus für den Preisträger: Peter Jurenda (2. v.l.), Vorsitzender des Vereins zur Förderung von Kunst und Kultur in Hanau, überreicht die Auszeichnung an Hartmut Volle.

War das eine Preisverleihung! Würde man die Anerkennung für den geehrten Darsteller am Einfallsreichtum bei der Zeremonie messen, bekäme auch der Unwissende eine Ahnung von der Wertschätzung für den Schauspieler Hartmut Volle. Der wiederum verblüffte die geladenen Gäste im Amphitheater mit einem Kniefall vor OB Claus Kaminsky, den er mit dieser ungewöhnlichen Geste angesichts befürchteter Kürzungen nach der Pandemie inständig darum bat, den Etat der Brüder-Grimm-Festspiele auch in der kommenden Spielzeit zu halten.

Hanau - Kultur als wichtige Stimme zum Präsentieren einer Gegenwelt sei heute wichtiger denn je, argumentierte er. Erst recht in einer Gesellschaft, da alles aus den Fugen gerate. Angesichts zu erwartender Kürzungen im Nachgang der Coronapandemie dürfe der Rotstift nicht zuerst bei der Kultur angesetzt werden.

Doch zunächst wurde der Schauspieler am Montagabend im Amphitheater vom Verein zur Förderung von Kunst und Kultur in Hanau mit dem Darstellerpreis für seine Rolle als Dorfrichter Adam in Kleists „Der zerbrochne Krug“ ausgezeichnet (wir berichteten). „Sie waren jetzt wirklich auch dran“, outete sich Oberbürgermeister Kaminsky als einen, zu dessen Favoriten Volle schon länger gezählt hatte. Volle vermöge, die Nöte und die psychologische Tiefe der Figur des Dorfrichters und gleichzeitig die Situationskomik klug auszuloten, begründete die Jury nach den Worten des Vereinsvorsitzenden Peter Jurenda ihre Wahl: „So gelingt es ihm mit spielerischer Leichtigkeit, die gesamte Klaviatur der Emotionen scheinbar mühelos zu bedienen.“

Vorjahrespreisträgerin schätzt Herzlichkeit und Nahbarkeit

Dass die Preisträger mit vielerlei verbalen Lorbeeren bekränzt werden und die dazu gehörenden Reden sehr launig sind, ist beim Darstellerpreis schon Standard. Dass aber die Vorjahrespreisträgerin ihrem „Nachfolger“ eine Theaterszene widmet, war noch nicht da. Katja Straub, 2019 für ihre Darstellung der Maria Stuart ausgezeichnet, schrieb ihre Rolle als Eve aus dem Zerbrochnen Krug, wo sie an der Seite von Hartmut Volle spielt, für den Abend kurzerhand um. Die Gäste der Preisverleihung sahen auf der Bühne nicht etwa die vom Dorfrichter als Metze diffamierte und in der Nacht zuvor von ihm höchstpersönlich sexuell bedrängte Wirtinnentochter, die versucht, sich durch Schweigen aus der schwierigen Lage zu ziehen. Straub drehte vielmehr den Spieß um, trat als Fan eines witzigen, gewieften und geist- und wortreichen Dorfrichters auf und sang das Hohelied auf Adam, alias Hartmut Volle.

Den Bogen in die Gegenwart schlug Straub – nun mit Lederjacke und Sonnenbrille über dem Rupfenkleid – anschließend mit dem Song „Born to be wild“ . Sie schätze besonders Volles Herzlichkeit und Nahbarkeit, erklärte sie schließlich dem Preisträger, der so freundliche Worte für sie gefunden habe, als sie frisch aus der Schauspielschule neu zum Ensemble in Hanau gekommen sei. „Zu deinen herausragenden Eigenschaften gehört, dass du deine Freude und Begeisterung mit deiner Umgebung teilst“, so Straub weiter. Ähnliche Eigenschaften strich auch Intendant Frank-Lorenz Engel heraus, der bekannte, Volle erstmals in Hildesheim Mitte der 80er Jahre im „Käthchen von Heilbronn“ gesehen zu haben.

Volle spielt jeden Abend gerne und mit Lust

So traf es sich, dass Volle seinen ersten Auftritt in der Brüder-Grimm-Stadt als Kaiser im „Käthchen von Heilbronn“ hatte. Der Pfarrerssohn aus dem Schwäbischen sei vielseitig und facettenreich. Und das treffe nicht nur auf sein Spiel zu, sondern auch auf seine Berufsfindung, die ihn erst über Umwege zum Schauspielberuf geführt habe. Das Geheimrezept Volles erklärte Engel so: „Eines war immer da: diese Leidenschaft. Schauen Sie nur in seine strahlenden Augen.“ Der Intendant sprach von einer großen Sehnsucht, die Volle in all seinen Rollen spüren lasse. In Hanau konnten die Zuschauer und Zuschauerinnen das erleben, als er den Malvolio in Shakespeares „Was ihr wollt“ gab und den Heiligen Petrus in „Der Brandner Kaspar“. „Er funkelt, er glänzt, von ihm geht ein Schalk aus“, formulierte Engel weiter in Richtung des „herrlich uneitlen“, als Teamplayer und Ensemblespieler Gerühmten.

Hartmut Volle, an diesem Abend in Begleitung seiner Frau Karin Wolf (mit Hund Juki) und Sohn Max, versicherte, wie sehr er jeden Abend gerne und mit Lust spiele: „Das liegt an diesem Stück und an diesem Ort.“ Hanau verdankten er und seine Kollegen viel, die Stadt habe die Schauspieler im vergangenen Jahr nicht hängenlassen, wenngleich kein Stück zur Aufführung gekommen sei. „Ihr habt uns entschädigt, das schafft Dankbarkeit und eine Bindung“, sagte Volle, der betonte, wie hart die pandemiebedingte Pause manche Kollegen getroffen habe.

Volles appelliert: Haltung beziehen

Dass er sich „tierisch über den Darstellerpreis“ freute, war Volle anzusehen. Er wolle aber, so der Schauspieler sehr nachdenklich, das Preisgeld in Höhe von 1000 Euro weitergeben an den Verein „Lückenlos“. Dieser arbeite an der Basis gegen rechte Gewalt und die Aufklärung rechtsextremistischer Straftaten, was nach dem Anschlag vom 19. Februar 2020 auch für Hanau an Bedeutung gewonnen habe. „Die Welt ist aus den Fugen geraten“, sagte er nachdenklich. „Was wir erleben, ist eine Erschütterung von Rechts“, kommentierte er die gesellschaftliche und politische Situation weltweit.

Volle appellierte an seine Künstlerkollegen und alle Menschen, Haltung zu beziehen und „die Klappe aufzumachen“. Dabei spiele Kultur eine unverzichtbare Rolle. Eine Antwort auf die Frage, „warum spielen?“, könne nach dem deutschen Dramatiker Thomas Brasch lauten: „um die Träume von Angst und Hoffnung einer Gesellschaft zu spiegeln, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet.“

Von Jutta Degen-peters

Hartmut Volle mit Katja Staub (Preisträgerin 2019), die ihrem Schauspielkollegen eine Theaterszene widmete.

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