Oberbürgermeisterwahl

Hanau: Diese Kandidaten fordern OB Claus Kaminsky heraus

Ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag von Hanau ist der Umgang mit der Tat auch Thema im Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters.
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Ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag von Hanau ist der Umgang mit der Tat auch Thema im Wahlkampf um das Amt des Oberbürgermeisters.

Claus Kaminsky will die Verantwortung über Hanau nicht abgeben. Diese Kandidaten versuchen, die Wiederwahl des Oberbürgermeisters zu verhindern.

  • Am 14. März findet in Hanau nicht nur die Kommunalwahl statt, sondern auch die Oberbürgermeisterwahl.
  • Sieben Kandidaten stellen sich zur Wahl zum Oberbürgermeister.
  • OB Claus Kaminsky gilt als Favorit, die anderen wollen ihre Außenseiterchancen nutzen.

Hanau – Neben der Kommunalwahl steht für die Hanauer am 14. März auch die Wahl ihres Oberbürgermeisters auf dem Programm. Der aktuelle OB Claus Kaminsky (SPD) stellt sich zur Wiederwahl auf. Wird es seine vierte Amtszeit oder wird es einen neuen Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin in Hanau geben? Sechs Konkurrenten hat Kaminsky, die ihm Wählerstimmen abnehmen wollen. Der HANAUER ANZEIGER hat mit allen Kandidaten gesprochen. Wir stellen sie im Kurzporträt vor.

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterschaftswahl in Hanau: Claus Kaminsky (SPD)

Claus Kaminsky bleibt beim Spaziergang durch Hanau immer wieder stehen: Er wird erkannt und unterhält sich mit den Menschen. Er gilt als klarer Favorit bei der OB-Wahl. Und dabei hatte er sich bereits entschieden, nicht mehr anzutreten. Das war vor dem rassistischen Attentat in Hanau und vor der Corona-Krise. Das hat alles verändert. Für Kaminsky stand es nach eigenen Aussagen nicht zur Debatte, in so einer Ausnahmesituation die Verantwortung abzugeben.

Kaminsky ist seit 2003 im Amt. Es wäre seine vierte Amtszeit. Seitdem ist Hanau gewachsen: von 88.700 auf 99.400 Einwohner. Für diesen Zuwachs steht der OB ebenso wie den Innenstadt-Umbau und der Umgestaltung von 340 Hektar Militärflächen in zum Beispiel Wohnhäuser, Gewerbeflächen, Schulen und Kitas sowie einem Naturreservat. Nach eigener Aussage hat Claus Kaminsky den Anspruch, „dass Hanau nach jeder Wahl etwas besser dasteht als vorher – sei es sozial, ökologisch, wirtschaftlich und bei den Finanzen“. Die Corona-Pandemie und die Überwindung ihrer Folgen seien auch nach der Wahl besonders wichtig. Ebenso der Zusammenhalt in der Stadt nach dem rassitsischen Attentat.

Der Slogan des gebürtigen Hanauers lautet: „Claus Kaminsky. Stark für Hanau“. Der Name steht für eine politische Marke in Hanau, in der der Politiker seit 25 Jahren hauptamtlich aktiv ist. Seine Beliebtheit spiegelt sich in der Anzahl der „Follower“ wider, die Claus Kaminsky in den sozialen Medien hat. Auf Facebook sind es 14. 100 Abonnenten, auf Instagram 6.800 – im Vergleich zu anderen Oberbürgermeistern von mit Hanau vergleichbaren Städten relativ viele.

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Sven Zinserling (parteilos)

Sven Zinserling ist Schauspieler. Er präsentiert sich in zahlreichen Wahlvideos auf Facebook als spontan, direkt und ungekünstelt. Über sich sagt er: „Ich bin einfach so, wie ich bin, ehrlich und direkt, sage immer was ich denke, egal ob es den anderen passt oder nicht.“ Mit Gelassenheit tritt der zum Buddhismus konvertierte Schauspieler bei der OB-Wahl in Hanau an.

Bekannt ist der 51-jährige gelernte Hotelfachmann bisher nicht aus der Politik, sondern aus dem Fernsehen. Über seine Zeit in Thailand haben private Fernsehsender berichtet. Sven Zinserling wurde „Currywurst Seven“ genannt und arbeitete als Tauchlehrer, Poolboy und Gastronom.

Mit acht Jahren sind seine Eltern mit dem gebürtigen Erfurter nach Hanau gezogen. Nach insgesamt 18 Jahren im Ausland kehrte Sven Zinserling vor acht Jahren nach Hanau zurück. Und entschied, dass sich etwas ändern müsse: „So viel hatte sich zum Negativen verändert. Da habe ich den Entschluss gefasst, als Oberbürgermeister zu kandidieren. Um es besser zu machen.“ Seine Ansätze dazu: die Gewerbesteuer senken, neue Firmen nach Hanau holen und etwas gegen das Aussterben der Innenstadt unternehmen. Er sucht die Nähe zu den Menschen und veröffentlicht seine Telefonnummer auf den Wahlflyern. Passend zu seinem Motto „Politik mal ganz anders“.

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Anja Zeller (Grüne)

Anja Zeller will „Klimabürgermeisterin für Hanau“ werden. Die 49-jährige studierte Kunsthistorikerin steht für bessere Radwege, Solartankstellen auf den Dächern von Hanau und für klimaneutrale Feste und Veranstaltungen. Aktuell ist die Grünen-Politikerin, die angibt in Hanau nur mit dem Fahrrad unterwegs zu sein und sich auf Wahlplakaten als Leitungswassertrinkerin bezeichnet, Leiterin der Stabsstelle für Nachhaltige Strategien bei der Stadt Hanau.

Gewinnt die gebürtige Stuttgarterin die OB-Wahl in Hanau, wäre sie die zweite Frau in diesem Amt und die erste Grüne. Als Vorbild bezeichnet Anja Zeller Boris Palmer, der unter anderem schon nach Äußerungen über Flüchtlinge in der Kritik stand. Aber in Sachen Klimaschutz sei sein Engagement „vorblidlich“. Palmer ist seit 14 Jahren Oberbürgermeister von Tübingen.

Mit Anfang 40 hat Zeller angefangen, politisch aktiv zu werden. 2017 bekam sie als Kandidatin für den Deutschen Bundestag 6,1 Prozent der Stimmen. Ein Wahlkampf, den Anja Zeller, die 1992 nach Hanau zog, zum Üben nutzte. Reden zu halten, zu diskutieren und als öffentliche Person aufzutreten sei ihr nicht leichtgefallen. Bei der OB-Wahl gibt sie nun selbstbewusst an, dass sie gewinnen will.

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Gerhard Stehlik (parteilos)

„Wenn ich dazu beitragen könnte, dass Claus Kaminsky nicht erneut Hanauer Oberbürgermeister wird, habe ich mein Ziel erreicht“, erklärt Gerhard Stehlik. Der 77-jährige Großauheimer ist bereits bei der Wahl zum Landrat des Main-Kinzig-Kreises 2017 als parteiloser Kandidat angetreten. Nun versucht er es bei der OB-Wahl in Hanau.

Gerhard Stehlik, der seit einiger Zeit Mitglied der AfD ist, lehnt lange Amtszeiten – wie die von Claus Kaminsky – als demokratiegefährdend ab. In der AfD habe der Diplom-Chemiker mit Doktortitel Menschen gefunden, die ähnlich denken würden wie er. Statt vom „Klimawandel“ spricht Stehlik von „Klimaschwankungen“, die immer mal wieder auftreten würden. Deshalb lehnt er es ab, für Klimaschutz Geld auszugeben.

Gerhard Stehlik empfindet sich als überzeugten Europäer. Er will für eine europäische Verfassung eintreten und ist der Meinung, dass die Nationalstaaten noch enger miteinander verzahnt werden sollten. Er positioniert sich nicht gegen die Teile der AfD, die der EU kritisch gegenüberstehen oder rechtsextreme Haltungen einnehmen.

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Jochen Dohn (Die Linke)

Jochen Dohn wohnt seit 2004 im Stadtteil Mittelbuchen in Hanau. Er ist bei der OB-Wahl der Kandidat der Linken, für die Dohn seit 2008 hauptberuflich tätig ist. Nachdem er zunächst ein Mandat für die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung hatte, gründete er mit Ulrike Hanstein die Hanauer Linken. Themen, die ihm wichtig sind: der Kampf für den Frieden, gegen Armut und die Hartz-Gesetze.

Nach einer Pause von der Lokalpolitik will Jochen Dohn nun wieder daran teilnehmen. Er rechnet nicht damit, bei der OB-Wahl erfolgreich zu sein, aber die Linke soll vertreten sein. Im Wahlkampf gibt der Hanauer an, dass bezahlbares Wohnen und Klimaschutz (Stichwort: Bodenversiegelung) die wichtigsten Themen für Hanau in den nächsten Jahren seien. Auch die Punkte Kreisfreiheit und Inklusion an Schulen stehen auf seiner Liste.

Durch die Corona-Pandemie werde der Wahlkampf erschwert. Kleinere Parteien seien auf den direkten Kontakt mit den Wählern angewiesen. Die sozialen Netzwerke sieht Jochen Dohn nicht als vollwertigen Ersatz: „Ich sitze jeden Tag stundenlang da dran, aber glaube nicht, dass man die Leute auf diesem Weg erreicht.“

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Jens Böhringer (CDU)

Jens Böhringer wurde beim Nominierungsparteitag der CDU im November mit 43 von 47 Stimmen zum Kandidaten bei der OB-Wahl auserkoren. Der 35-jährige gelernte Industriekaufmann hat vor mehr als zehn Jahren seine politische Karriere im Steinheimer Ortsbeirat begonnen. Nun repräsentiert er den Generationenwechsel der CDU bei der OB-Wahl.

Bei seiner ersten Wahl wurde der sportbegeisterte Jens Böhringer direkt in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Das war bei der Kommunalwahl 2016. Seine Erkenntnis aus dem Alltag der Lokalpolitik lautet: „Wenn du in der Politik gute Ideen hast und sie einbringst, kann daraus auch etwas werden.“

Den Wahlkampf während der Corona-Pandemie empfindet Jens Böhringer als eine Herausforderung. Bisher sei er in den sozialen Medien nicht aktiv gewesen, nun sind sie ein wichtiges Medium, um mit den Menschen in Kontakt zu treten. Böhringer wäre lieber auf Fastnachtssitzungen als im Internet unterwegs, „weil ich das persönliche Gespräch viel mehr schätze und denke, dass hier meine Stärke liegt.“

Die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl in Hanau: Meysam Ehtemai (AfD)

Meysam Ehtmai tritt bei der OB-Wahl als Kandidat der AfD an. Sein Ziel: Hanau zu einer Kulturstadt machen. Der 40-Jährige vergleicht sich mit dem jüdischen Maler Moritz Daniel Oppenheim, den er als assimilierten Jude bezeichnet. Er selbst sei ein „assimilierter Perser“, sagt der gebürtige Iraner. 1995 flüchtete seine Familie nach Deutschland. Heute bezeichnet er sich als „politischen Patrioten“, der sich vom muslimischen Glauben abgewandt habe und Deutschland alles verdanke.

Vor zwei Jahren trat Meysam Ehtmai aus der SPD aus und wechselte zur AfD. Die Sozialdemokraten seien zu beliebig geworden. In der AfD fühle er sich als Migrant besser aufgehoben. Dort könne er seine Meinung am besten vertreten. Eine dieser Meinungen hat er zum Thema Alltagsrassismus. Nach dem rassistischen Attentat haben sich Initiativen gebildet, die sich gegen Diskriminierung und Rassismus einsetzen. „Ich sehe das kritisch. Das ist eine Art Aktionismus“, sagt Ehtemai. Er verurteile aber die Anschläge und fordert eine Aufarbeitung.

Meysam Ehtmai lebt mit seiner Familie in Limburg. Er bewertet diesen Abstand zu Hanau als positiv, weil er den Blick von außen mitbringe. Sein wichtigstes Ziel sei es, dass Hanau wieder „in der ersten Liga“ mitspiele. Damit bezieht er sich auf die wirtschaftliche Stärke der Stadt. (Autoren: Christian Spindler, Kerstin Biehl, David Scheck, Dirk Iding, Katrin Stassig, Yvonne Backhaus-Arnold, Christian Dauber, zusammengefasst von Theresa Ricke)

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