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Die Kraft des Wassers: Das Laufwasserkraftwerk an der Kinzig

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Das kleine Laufwasserkraftwerk an der Kinzig wurde nach langem Stillstand 2015 von den Stadtwerken verkauft. Es wird nun privat betrieben. Im Hintergrund ist die zum Café umgebaute Herrenmühle zu sehen.

Hanau hat eine Reihe von bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Es gibt aber auch unbekannte Orte, die im Verborgenen liegen, gleichwohl reich an Geschichte oder Geschichten sind.

Hanau – In loser Folge stellen wir einige davon vor. Heute: Das Laufwasserkraftwerk an der Kinzig.

„Die Schieber sind jetzt zu 15 Prozent geöffnet“, sagt Marcel Hett und drückt weiter auf den Touchscreen am Schaltschrank in der kleinen Trafostation an der Otto-Wels-Straße. „Die Leistung ist im Moment nicht berauschend.“ Nur 11 Kilowatt pro Stunde zeigt das Display in der nächsten Einstellung an. In der Spitze können es 95 Kilowatt sein. So viel liefert das Luftwasserkraftwerk an der Kinzig, der wohl ungewöhnlichste Stromerzeuger im Hanauer Stadtgebiet. Nicht nur, weil die Anlage am Kinzigwehr bei der Herrenmühle recht unscheinbar und kaum bekannt ist, sondern auch, weil sie von einem Privatmann betrieben wird.

Man kann viele ausgefallene Hobbys haben, das von Marcel Hett ist durchaus bemerkenswert. Der Kiesunternehmer aus Kronberg, der aus einer traditionsreichen Bauunternehmen-Familie stammt, bezeichnet das Laufwasserkraftwerk als sein Steckenpferd. Dahinter steckt freilich eine Überzeugung: Dass Energie umweltfreundlich erzeugt werden muss, dass es dazu vieler alternativer Wege bedarf; überhaupt, dass beim Umgang mit Ressourcen und beim Umwelt- und Klimaschutz „alles mit allem zusammenhängt“. Hett kann darüber trefflich philosophieren, nicht aufdringlich, dafür kenntnisreich.

Wie kommt jemand aus Kronberg im Taunus darauf, in Hanau ein Laufwasserkraftwerk zu übernehmen? Zufall – und Google Earth. Auf der Suche nach einem möglichen Standort für Wasserkraftnutzung stieß Hett im Internet auf das Antoniterwehr an der Hanauer Wilhelmsbrücke. Die Kontaktaufnahme ergab dann, dass die Hanauer Stadtwerke das unweit davon gelegene Laufwasserkraftwerk an der Herrenmühle loswerden wollten. Das 1992 gebaute und 1993 in Betrieb genommene kleine Wasserkraftwerk erfüllte nie die Erwartungen des städtischen Energieunternehmens, war aus dessen Sicht nicht wirtschaftlich zu betreiben. Hett ging das Wagnis ein. Er kaufte 2015 die Anlage, die zuvor jahrelang stillgestanden hatte.

Eine automatische Rechenanlage soll all das fernhalten, was nicht in der Turbine landen darf.

Es war ein Anfang mit Hindernissen. Zulauf, Rechenanlage, Turbinen – alles war völlig verschlammt. Hett kann bildreich davon berichten, welcher Aufwand notwendig war, um die Anlage wieder flott zu kriegen: Wie er beim Schlammschippen bisweilen tief einsank; wie alles schon frei war, dann aber unter den großen Schiebern plötzlich, vom Wasser reingedrückt, wieder ein gewaltiger Schlamm-Pfropfen in den Zulauf ploppte; wie Zweifel aufkeimten, ob alles überhaupt gelingt. „Das war ein Mordskampf“, sagt er.

Der Überzeugungstäter hat ihn gewonnen. Wenige Monate später lief die Turbine, war der Drehstrom-Synchrongenerator am Netz.

Der besondere Energieerzeuger steht in einem historisch bedeutsamen Umfeld. Seit mehr als 600 Jahren gab es angeblich an dieser Stelle ein Wehr, später wurden an der Kinzig etliche Mühlen betrieben, im 19. Jahrhundert siedelten sich reihenweise Firmen an. Das mittlerweile zum Bistro und Café umgebaute Gebäude der Herrenmühle steht noch immer.

Das, was das kleine Laufwasserkraftwerk an Strom liefert, der ins Netz eingespeist wird, ist freilich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Bedarf von 200 Haushalten lässt sich damit decken. Die erzeugte Strommenge macht freilich gerade mal 0,15 Prozent der jährlichen Stromabgabe der Stadtwerke Hanau aus. Aber es ist ein Zeichen und Ausdruck einer Grundhaltung für Marcel Hett, der auch ein Wasserkraftwerk in Sachsen betreibt und an der Instandsetzung eines Druckwasserwerks in Frankfurt beteiligt war. „Ich mache das für meine Kinder“, sagt er und meint damit wohl nachfolgende Generationen überhaupt.

In der Trafostation wird der Strom ins öffentliche Netz eingespeist. Marcel Hett checkt die Leistung.

Alle paar Tage muss Hett oder einer seiner Mitarbeiter auf der Kraftwerksanlage am früheren Messeplatz nach dem Rechten sehen. Die automatisch arbeitende Rechenanlage, die verhindert, dass Fische und alles, was auf dem Wasser treibt, in die Turbine geraten, muss immer mal wieder frei gemacht werden. Beim Ortstermin hat sich reichlich Laub angestaut. Die Automatik packt das nicht. Hett muss mit einem Handschieber nachhelfen.

Am Rechen muss aber auch immer wieder Wohlstandsmüll rausgefischt werden: Plastikflaschen, Dosen, Tüten – jede Menge Dinge, die da nicht hingehören, werden von hirnlosen Leuten in die Kinzig geschmissen. Hett: „Es ist unglaublich, was alles in dem Fluss landet.“ Auf der kleinen Grünfläche am Kraftwerk ist nicht nur Trockenholz aufgeschichtet als Domizil für Insekten und Kleingetier, es gibt auch ein Schwanennest mit hochwassersicherem Zugang. Einen Steinwurf weiter steht eine Mülltonne auf dem eingezäunten Areal, in der entsorgt wird, was an Unrat am Rechen vor der Turbine angeschwemmt wird.

Mit seinem kleinen Laufwasserkraftwerk, von dem es geheißen hat, es könne in Spitzenzeit so viel Strom liefern, um 2500 60-Watt-Glühbirnen zu erhellen, hat Marcel Hett noch einiges vor. Er will modernisieren und unter anderem eine aufwendig gestaltete Fischtreppe anlegen lassen. Von insgesamt 500 000 Euro an Investitionskosten ist die Rede.

VON CHRISTIAN SPINDLER

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