„Kein Militarismus“:

Kritisierte Weltkriegs-Ausstellung bekommt Unterstützung

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Der Ausstellung „Hanau in feldgrauer Zeit“ in Schloss Philippsruhe wird von der Hanauer Friedensplattform Militarismus vorgeworfen.

Hanau – Nach öffentlicher Kritik der Hanauer Friedensplattform an der Ausstellung „Hanau in feldgrauer Zeit“ in Schloss Philippsruhe, hat Kurator Jens Gustav Arndt den Vorwurf des Militarismus zurückgewiesen. Von Oliver Klemt

Weder wolle die Schau den Krieg verharmlosen noch verherrlichen, so der Militärhistoriker beim Hanauer Geschichtsverein. Unterstützung bekommt er von dem Friedens- und Konfliktforscher Professor Dr. Berthold Meyer. Von Militarismus, so der Wissenschaftler, könne keine Rede sein.

„Wir müssen doch zeigen, wie es gewesen ist“, rechtfertigt Arndt sein Ausstellungskonzept, das nach Ansicht der Friedensaktivisten um Doris Werder, Erich Ehmes und Heinz Leipold zu sehr auf militärische Vorgänge und Akteure und zu wenig auf Ziele und Ergebnisse der revolutionären Ereignisse in Hanau nach Ende des Ersten Weltkriegs eingeht (wir berichteten).

Vor allem an der Darstellung der Revolution von 1918 sowie der Anzahl der gezeigten Militaria gibt es Krititk.

Die Hanauer Präsentation, so Arndt, baue auf die vorangegangenen zum Kriegsausbruch 1914 und zu den großen Schlachten 1916 auf und stelle das Leiden der Menschen in Hanau unter dem Krieg und seinen Folgen in den Mittelpunkt. Beleg für diesen Ansatz ist laut Arndt unter anderem die ausführliche Darstellung des örtlichen Lazarettwesens gleich im ersten Ausstellungsraum. Dass in den drei Hanauer Reservelazaretten in vier Kriegsjahren mehr als 56.000 Verwundete und Kranke von der Front gepflegt worden seien, illustriere den Schrecken des Krieges - „das war fast das Dreifache der Einwohnerzahl“. Mehr als 1000 junge Männer aus Hanau seien aus den Schützengräben nicht zurückgekehrt. Das Hanauer Reserve-Infanterieregiment 88 habe kurz vor Kriegsende aufgelöst werden müssen, weil „kein Ersatz mehr da war“.

Matrosenuniformen

Aus Sicht von Professor Meyer, der die Ausstellung nach der Kritik der Friedensplattform nach eigenen Worten noch einmal bewusst in Augenschein genommen hat, sind die Vorwürfe der Aktivisten „zumindest stark überzeichnet“. Militärische Gewalt werde an keiner Stelle verherrlicht, urteilt der Wissenschaftler, der in Marburg und Innsbruck lehrt, das Akademieprogramm der Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Hessen leitet und für die Bundeszentrale für politische Bildung ein Themenheft zum Ersten Weltkrieg vorgelegt hat. „Auf die Schrecken des Krieges und das Leid der Bevölkerung wird in den Texten immer wieder Bezug genommen“. Auch liefere die Präsentation Hinweise für die Forschung. So schwäche die in Hanau auffallend geringe Zahl von Kriegsfreiwilligen die gängige These vom angeblich allgegenwärtigen „Hurra-Patriotismus“.

Mehr tun können hätten die Ausstellungsmacher laut Meyers in der Tat für die Darstellung der revolutionären Ereignisse. „Alles zeigen kann man in keiner Ausstellung“, schränkt er unterdessen ein. Vielleicht seien diese Vorgänge gerade in Hanau mit seinen damals stark ausgeprägten „roten“ Tendenzen noch einmal eine gesonderte Schau wert.

Jens Gustav Arndt stimmt zu: Revolutionäre Impulse seien in Hanau mehr als anderswo aus der Arbeiterschaft, weniger aus dem Militär gekommen. Gleichwohl würdige die Ausstellung etwa den von Kiel und Wilhelmshaven ausgegangenen Matrosenaufstand, einen der wichtigsten Auslöser für den Umsturz des Kaiserreichs.

Karikaturen-Ausstellung in Hanau

Dass das Kapitel über die Revolution ursprünglich größer war, räumte der Kurator im Gespräch mit unserer Zeitung ein. Kurz vor Ausstellungsbeginn habe das Volumen des gezeigten Materials von sechs auf fünf Präsentationsräume reduziert werden müssen. Nicht gelten lässt Arndt die Kritik an der Darstellung militärischer Lebensläufe von Hanauer Offizieren, U-Boot-Kapitänen und Soldaten: Der Bezug auf Namen und Gesichter stelle die Verbindung zwischen Weltgeschehen und lokaler Wahrnehmung her. Auch sei die Ausstellung nicht, wie von den Friedensaktivisten behauptet, „provinziell“ und „rückwärtsgewandt“. Dagegen sprächen schon die Anerkennung des französischen Generalskonsulats und die Herkunft des verwendeten Materials. Neben den Privatsammlungen der Ausstellungsmacher Jens Arndt und Stefan Ommert sowie den Beständen des Museums Schloss Philippsruhe und des Stadtarchivs dienten laut Begleitmanuskript unter anderem drei Privatarchive, das deutsche U-Boot-Museum in Cuxhaven und das Memorial de Verdun in Frankreich als Bezugsquellen.

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