Prozess

Kurioser Auftakt: Im Prozess um versuchten Totschlag taucht zunächst nur ein Zeuge auf

Ein junger Mann hebt seine geballte Faust (Foto vom 11.01.2008).
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Nahm laut Staatsanwaltschaft den Tod des Geschädigten in Kauf: Weil ein Mann einer 15-Jährigen an den Hintern gefasst haben soll, habe ein 18-Jähriger diesen zu Boden geschlagen und ihm als er wehrlos lag, gegen den Kopf getreten haben. (Symbolbild)

Von sieben geladenen Zeugen erscheint zunächst nur einer – der 32-jährige Geschädigte H., der im Verfahren auch als Nebenkläger auftritt. Von den anderen Zeugen fehlt zunächst jede Spur. Dabei geht es für den 19-Jährigen Angeklagten K. um einiges.

Hanau – Dem Angeklagten wird vorgeworfen, im Februar einem wehrlos am Boden liegenden Mann „mit voller Wucht“ gegen den Kopf getreten zu haben. Versuchter Totschlag lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft.

Die Tat selbst spielte sich, wie Videoaufnahmen beweisen, vor vielen Augenzeugen ab, die kurz nach der Tat von den Ermittlern befragt wurden. Nach einer Party in einer Bar am Freiheitsplatz hatten sich mehrere Jugendliche an einer Bushaltestelle versammelt.

Prozess: Richterin findet das Nicht-Erscheinen der Zeugen auffällig

Als der Konflikt in der Nacht zum 1. Februar eskalierte, standen sie direkt daneben. „Dass jetzt keiner der Zeugen erscheint“, sagt die Vorsitzende Richterin, „ist schon sehr auffällig.“ Zunächst tippt sie auf Probleme bei der Zustellung der Zeugenladungen, doch dann macht H. eine Bemerkung, die alle Anwesenden vor der 2. Großen Jugendkammer aufhorchen lässt: „Ich habe von einer Zeugin gehört, dass die Familienangehörigen des Angeklagten sie bedrohen, damit sie sagt, dass ich sie angefasst habe.“ Er könne Namen von Personen nennen, die das auch gehört haben sollen.

Das Gericht kontaktiert in der Pause alle Zeugen, macht deutlich, dass die Ladung bindend ist und Nichterscheinen juristische Konsequenzen hat. Daraufhin trudeln die Zeugen nach und nach ein. Mit Nachdruck werden sie belehrt, dass sie vor Gericht dazu verpflichtet sind, die Wahrheit zu sagen und dass sie als Augenzeugen wesentlich zur Aufklärung des Falls beitragen.

Streit sei von einer unsittlichen Berührung ausgegangen

Die Frage, ob der 32-jährige H. der 15-jährigen J. bei einer „innigen Umarmung“ ans Gesäß gefasst hat, scheint nicht unerheblich. Denn das, so schildern es mehrere Zeugen, sei der entscheidende Anlass für die Auseinandersetzung gewesen. Daraufhin habe das Mädchen sich aus der Umarmung gelöst, gesagt, dass sie das nicht will und sei zu ihrem Freund gegangen. Daraufhin sei die Stimmung gekippt. K. sei aufmerksam geworden und habe H. damit konfrontiert. Nach einer kurzen Rangelei, flogen die Fäuste.

Nach erneuter Einladung erscheint auch die Freundin des Angeklagten, die am Abend der Tat dabei war. Sie druckst herum, als die Richterinnen sie nach der Tatnacht fragen, will nicht so recht antworten. „Ich weiß nicht mehr genau“, sagt sie immer wieder. „Sie dürfen frei sprechen“, ermutigt sie Jost.

Tat sei durch Videoüberwachung gut dokumentiert worden

Die Tat selbst ist durch die Videoüberwachung am Freiheitsplatz gut dokumentiert. Aus drei Perspektiven, erklärt die Vorsitzende Richterin auf Nachfrage einer Zeugin, ist das Geschehen gefilmt worden – und auf einer Videoaufzeichnung sind die am Streit beteiligten Akteure besonders deutlich erkennbar. Zunächst sieht man auf den Bildschirmen im Gerichtssaal 215 nur schemenhafte Gestalten, die im dunkeln im Straßenlampenlicht stehen, sich unterhalten, Spaß haben, bis eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnt.

Dann zoomt die Vorsitzende Richterin ran. „Wo finden Sie sich auf dem Video wieder?“, fragt sie jeden der Zeugen. „Wer könnte der Mann sein, der die Schläge austeilt?“ Wieder und wieder wird das Video abgespielt, nachdem jeder einmal aus dem Gedächtnis geschildert hat, wie sich der Abend in seiner Erinnerung zugetragen hat. Standbild für Standbild wird das Geschehen rekonstruiert. Die Zuordnung der Personen scheint relativ klar zu sein – jeder kann sich in der Szene wiederfinden und den Angeklagten. Er sei der Mann, der nach einer Rangelei deutlich einen Mann zu Boden schlägt. Mit einem Fausthieb ins Gesicht. Und auch als das Opfer bereits am Boden liegt, schlägt er viermal mit der Faust nach. Obwohl dieser sich nicht mehr regt, wie auch die Zeugen bestätigen, tritt der junge Mann ihm schlussendlich gegen den Kopf, bevor er wegrennt. „Das war eine Sache von wenigen Sekunden“, sagt eine. „Wir haben gedacht, er sei tot.“ Die Umstehenden leisteten daraufhin Erste Hilfe und riefen Polizei und Krankenwagen.

Mehrere Zeugen berichten von einer Beeinflussung

Jost fragt die Zeugen, ob sie Angst gehabt haben, vor Gericht auszusagen. „Ja, das ist für mich ja das erste Mal“, sagt eine und erklärt, dass jemand versucht habe, sie in Bezug auf ihre Aussage zu beeinflussen. Auch andere Zeugen berichten davon. Allerdings von einer anderen Seite kommend. Aus dem Umfeld des 32-jährigen H. nämlich seien Bekannte auf sie zugekommen. „Sie haben mir gesagt, dass ich unter ihrem Schutz stehe“, sagt eine Zeugin. Sie habe nicht sagen sollen, dass der 32-Jährige das Mädchen sexuell belästigt habe.

Ein Zeuge geht sogar so weit, dass er der Richterin zu verstehen gibt, dass der Angeklagte ja nur aus Notwehr gehandelt habe. Auf dem Video erkennt er, dass H. bei der Rangelei zuerst in die Luft schlägt, den Angeklagten verfehlt. „Der hat doch angefangen“, sagt er. „Den Tritt von meinem Kollegen hier, hätte ich lieber nicht gesehen. Er wollte doch nur J. beschützen, das ist moralisch nicht falsch.“ Auch hier greift Jost streng ein. „Überlassen Sie diese Einschätzung mal lieber uns“, sagt sie. Für Notwehr sei die Reaktion ziemlich übertrieben. Zwei Zeugen sagen, H., der nach der Auseinandersetzung mit mehren Gesichtsfrakturen ins Krankenhaus kam, habe nur ein „bisschen“ geblutet, sei nur ein „bisschen“ getreten worden.

Der Prozess wird am Mittwoch, 12. August, fortgesetzt. Dann soll der Ermittler aussagen, der die Jugendlichen wenige Tage nach der Tat vernommen hat.

Der Fall: Versuchter Totschlag

1. Februar 2020: Nach einer Party in einer Bar am Freiheitsplatz trifft sich eine Gruppe Jugendlicher am Bussteig. Es kommt zu einer Rangelei mit zwei jungen Männern, in Folge derer einer blutend und bewusstlos am Boden liegt. Ein damals 18-Jähriger soll seinen Kontrahenten mit einem Faustschlag zu Boden geschlagen haben und ihm dann an den Kopf getreten haben. Noch während das Opfer im Krankenhaus behandelt wird, fasst die Polizei den 18-Jährigen. Er kommt zunächst in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen versuchten Totschlags.

15. Juli: Beim Prozessauftakt vor der 2. Jugendkammer äußert sich der Angeklagte zu seinem bisherigen Lebensweg, zur Tat selbst sagt er nichts.

5. August: Am zweiten Verhandlungtag sitzen der Geschädigte sowie fünf Augenzeugen im Zeugenstand.

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