Hinter den Kulissen der Justiz

Labyrinth führt direkt zur Anklagebank: Wachtmeister sorgen für reibungslosen Ablauf

Schließdienst und hoheitliche Aufgabe: Christian Kunkel öffnet einen Haftraum im Keller des Hanauer Landgerichts.
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Schließdienst und hoheitliche Aufgabe: Christian Kunkel öffnet einen Haftraum im Keller des Landgerichts Hanau.

Spannender Blick hinter die Kulissen der Justiz: So läuft die Arbeit im Zellentrakt des Landgerichts Hanau.

Hanau – 8.20 Uhr: Ein großes Fahrzeug mit sehr kleinen Seitenfenstern biegt in den Fischerhüttenweg ein. Wie von Geisterhand öffnet sich das schwere Rolltor am Hintereingang des Justizzentrums Hanau. Im großen Hof steht Justizwachtmeister Christian Kunkel bereit. Vor dem Eingang zum Zellentrakt klappen zwei schwere, mit Stacheldraht besetzte Gittertüren um. „Für alle Fälle. Das ist so konstruiert, dass mit den Türen des Transporters eine Schleuse gebildet wird.“ Keiner der Passagiere mit dem Fahrtziel Hanau soll an diesem Morgen die Chance zur Flucht haben. Es ist der tägliche Gefangenentransport aus den Untersuchungsgefängnissen in Hessen.

An Weglaufen ist nicht zu denken, denn die beiden Männer, die heute vor dem Amts- sowie Landgericht vorgeführt werden sollen, tragen Fußfesseln. „Sobald die Untersuchungshäftlinge bei uns ankommen, werden die Fußfesseln entfernt“, erläutert Kunkel. Dann drehen sich die Schlüssel in den Sicherheitsschlössern, die Türen der durchgängig gefliesten Präsenzzellen schließen sich. Das Interieur ist robust und überschaubar: Waschbecken und Toilette, alles aus Edelstahl. Warten bis zum Prozessbeginn.

Dieser Trakt unter dem Gericht ist normalerweise tabu. Nur Wachtmeister sowie Rechtsanwälte, die mit Genehmigung der Vorsitzenden mit ihren Mandanten über das sprechen wollen, was sie möglicherweise in den kommenden Stunden erwartet, haben Zutritt. „Manche Häftlinge sind gelassen, andere nervös“, sagt Andreas Lang. Aus 23 Jahren im Dienst für die Gerechtigkeit weiß er: „Man bekommt ein Gespür für die Menschen.“

Zwei Wachtmeister müssen stets im Zellentrakt präsent sein

Allerdings sei es nicht möglich, beispielsweise einen Mörder am Gesicht zu erkennen. „Das sieht man den Menschen nicht an“, betont der Justizobersekretär und Leiter der Wachtmeisterei von Land- und Amtsgericht. Auf den Dienstgrad kommt es ihm nicht an. „Teamarbeit – das ist bei uns das Wichtigste“, sagt er über die Abteilung, in der insgesamt fünf Frauen und 13 Männer arbeiten.

Im Zellentrakt müssen ständig zwei Wachtmeister präsent sein. Standardausrüstung sind eine intensive Ausbildung in Selbstverteidigung, ein Schlagstock, Handschellen sowie Pfefferspray und Funkgerät. Schusswaffen werden bei der Justiz nicht getragen. Das wäre zu gefährlich.

Für den Ernstfall verfügen die Uniformierten über ein Arsenal von Schilden, stich- und schusssicheren Westen sowie Spezialfesseln, um beispielsweise eine „Zellenräumung“ vornehmen zu können. „Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das zum letzten Mal eingesetzt haben“, meint Kunkel, „Die allermeisten Untersuchungshäftlinge benehmen sich anständig.“

Ein Fehlender oder falscher Aushang ist ein Grund für eine Revision

Und wer nervös sein sollte, darf in der Zelle auch rauchen. Allerdings: Feuerzeuge sind im Inneren verboten. „Wir geben das Feuer.“ Lunchpakete sorgen dafür, dass Angeklagte zu essen haben. Tee oder Kaffee gibt es frisch dazu.

„Einmal hat ein Prozesstag sehr lange gedauert. Es war nichts mehr im Lunchpaket. In diesem Fall haben wir dem Mann dann eine Pizza bestellt“, erinnert sich Lang, der jetzt eine der wichtigsten Aufgaben erfüllen muss.

„In der Sache . . . bitte eintreten!“: Andreas Lang sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit über die Prozesse informiert wird.

Noch bevor der Prozess beginnt, muss er dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit unterrichtet wird: Den Aushang mit exakten Angaben zu dem Fall hängt er an die Gerichtstafel vor dem Saal. „Wenn der Aushang fehlt oder nicht stimmt, dann könnte die Öffentlichkeit ausgeschlossen sein. Das wäre auf jeden Fall ein Revisionsgrund“, unterstreicht Landgerichtsvizepräsident Dr. Mirko Schulte. Im Klartext: Im schlimmsten Fall müsste der komplette Prozess von vorne beginnen.

Schulte zollt den Mitarbeitern höchsten Respekt: „Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, sind unsere Wachtmeister diejenigen, die den Gefangenen ganz nah sein müssen.“

Nur selten benehmen sich Angeklagte unangemessen

Um 9 Uhr ist Verhandlungsbeginn im Saal 215 des Landgerichts. Die Zellentür öffnet sich, Handschellen rasten ein, das schwere Gitter wird zur Seite geschoben. Tafeln weisen den Weg zu den verschiedenen Verhandlungssälen.

Es geht nach oben. Abgeschirmt von neugierigen Blicken der Öffentlichkeit führt der Weg durch ein Labyrinth von Gängen und Treppen direkt zur Anklagebank. Dort werden dem Angeklagten die Handfesseln abgenommen. Kurz bevor das Gericht zusammentritt, geht Lang an die Tür: „In der Sache . . . bitte eintreten!“ Auch dieser „Aufruf der Sache“ darf nicht fehlen. Die Öffentlichkeit muss informiert werden. So fordert es das Gesetz. Apropos Besucher. Die Justiz scheint immer noch einen hohen Respekt zu genießen, nur selten benehme sich jemand „daneben“.

Zig Tonnen Akten werden pro Jahr transportiert: Adnan Rozajac hat alle Hände voll zu tun.

Einziges Problem des digitalen Zeitalters sind die Smartphones, die während der Verhandlung ausgeschaltet sein müssen. Das ist nicht immer der Fall. Doch Gerichte und Wachtmeister haben ein probates Mittel gefunden: In solchen Fällen müssen sämtliche Handys abgegeben werden. Dann herrscht Ruhe im Saal.

Sorgfalt hat größte Priorität

Die Vorführung und Betreuung von inhaftierten Angeklagten ist nur ein Bruchteil der Aufgaben, die von der Wachtmeisterei täglich absolviert wird. „Die Frühschicht beginnt bei uns um 6.30 Uhr“, so Lang. Ab dann herrscht in der Poststelle bereits Hochbetrieb.

„Wir sorgen dafür, dass die Post genau sortiert und umgehend an die jeweiligen Geschäftsstellen oder direkt an die Richter weitergeleitet wird.“ Zutrag heißt das im Fachjargon. Papier und elektronische Post.

Sorgfalt hat höchste Priorität. Denn neben Klagen, Eingaben, Grundbuchsachen, Urkunden oder Testamenten für das Nachlassgericht kommen auch Anträge auf einstweilige Verfügungen oder zu Insolvenzverfahren. Minutengenau müssen diese protokolliert und sofort weitergeleitet werden, weil oft bestimmte Fristen einzuhalten sind. Umgekehrt verhält es sich mit dem Abtrag. Verfügungen, Beschlüsse oder Ladungen der Gerichte werden verschickt, die Anwaltsfächer gefüllt. Die Post zum Amtsgericht nach Gelnhausen oder nach Frankfurt wird vom Fahrdienst der Wachtmeisterei persönlich zugestellt.

Auch die Wache am Eingang muss ständig besetzt sein

Hinzu kommen Berge von Akten, die pünktlich zum Prozessbeginn vorgelegt, anschließend eingesammelt und archiviert werden. „Allein der Posteingang umfasst täglich rund 500 Briefe“, schätzt Lang. Das Gewicht sämtlicher Akten, die pro Jahr über die Gänge transportiert werden? Das dürften zig Tonnen sein.

Ständig besetzt ist ebenso die Wache am Eingang, ein lebendiger Wegweiser für alle Besucher, Kläger, Zeugen. Jeder bekommt den genauen Weg genannt, um einen der zahlreichen Gerichtssäle zu erreichen. Der Wachhabende unterstützt zudem die Personenkontrolle am Eingang. Denn dort kommen bei der Überprüfung immer wieder Sachen zum Vorschein, die im Gericht nichts zu suchen haben.

Vor- und abgeführt: Auch in der Corona-Pandemie müssen die Wachtmeister im engen Kontakt bleiben.

Bei Nagelfeilen oder kleinen Scheren sowie Pfeffersprays aus den Damenhandtaschen, die meist aus Unwissenheit mitgeführt werden, herrscht Nachsicht. Diese durchaus gefährlichen Gegenstände werden verwahrt und schließlich wieder herausgegeben.

Bei anderen Sachen wird es ernst. „Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit einen Wurf-stern sichergestellt, der war messerscharf – man wundert sich, mit welchen Sachen die Leute ins Gericht kommen“, meint Lang kopfschüttelnd, muss dann aber lachen.

Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel lobt das Justizpersonal

Denn vor wenigen Wochen hat sich ein „Besucher“ selbst der Justiz ausgeliefert. „Der Mann hat doch tatsächlich Marihuana dabeigehabt und das bei der Kontrolle auch noch ins Körbchen für den Sicherheitscheck gelegt“, amüsiert sich Lang. Der Rest ist nun Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Gitter und Gänge: Von den Präsenzzellen führen die Wege direkt in die Verhandlungssäle.

Der Prozess in Saal 215 ist beendet, Kunkel und sein Kollege bringen den Häftling zurück in die Zelle. „Ich habe es oft erlebt, dass unser Team am Abend immer noch im Dienst ist“, sagt Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Sie lobt die Justizwachtmeister als „unverzichtbar“ für den täglichen und reibungslosen Betrieb.

Schließlich handele es sich bei Vorführungen und anderen Diensten um hoheitliche Aufgaben, die ausschließlich von qualifizierten Mitarbeitern ausgeführt werden dürfen. Wetzels Vergleich: „Das ist wie bei einem Uhrwerk: Viele Rädchen müssen ineinandergreifen, damit alles funktioniert.“

Apropos Uhr: Im Zellentrakt brennt noch Licht. Für das Wachteam ist an diesem Freitagabend erst gegen 19.30 Uhr Schluss. Sie warten, bis die beiden Häftlinge übergeben sind, der Gefangentransport den Hof in Richtung Fischerhüttenweg verlässt und sich das Rolltor geschlossen hat.

Feierabend, Wochenende? Nein. Auch dann sind Justizwachtmeister im Einsatz, unterstützen die Bereitschaftsrichter. Und wenn am Sonntag eine Vorführung beim Haftrichter angesetzt ist? „.Auch dann sind wir selbstverständlich im Dienst“, sagt Andreas Lang. (Thorsten Becker)

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