Arbeitsplätze

Mehr als ein Kampf um 500 Jobs: Geplante Schließung des Hanauer ABB-Werks trifft auf breiten Widerstand

Über große Solidarität der Politik konnte sich IG Metall-Bevollmächtigter Robert Weissenbrunner freuen. Die Stadt- und Kreisspitze sowie Abgeordnete aus Land und Bund versammelten sich hinter dem Anliegen der Beschäftigten.
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Über große Solidarität der Politik konnte sich IG Metall-Bevollmächtigter Robert Weissenbrunner freuen. Die Stadt- und Kreisspitze sowie Abgeordnete aus Land und Bund versammelten sich hinter dem Anliegen der Beschäftigten.

Die Auseinandersetzung um die Zukunft des von der Schließung bedrohten Großauheimer Hitachi ABB-Werkes könnte sich zu einem der härtesten Arbeitskämpfe der jüngeren Geschichte der Region ausweiten. Das wurde gestern (5.10.2020) bei einer ersten großen Protestaktion vor den Toren des Werkes an der Brown-Boveri-Straße deutlich.

Großauheim – Vor rund 300 Demonstranten, von denen die meisten wegen der Corona-Pandemie Mund-Nasen-Schutz trugen und sich an die vorgegebenen Abstandsregeln hielten, zeigten sich Belegschaft, Betriebsrat und IG Metall nicht nur sehr kämpferisch – unter anderem wurde die Möglichkeit einer Betriebsbesetzung angedeutet. Auch die Solidarität vonseiten der Politik ist über Parteigrenzen hinweg groß. So versammelten sich die Spitzen von Stadt und Kreis sowie örtliche Landes- und Bundestagsabgeordnete hinter dem Anliegen der Beschäftigten und verurteilten das Vorgehen der Hitachi ABB-Konzernleitung aufs Schärfste.

Wie berichtet, soll das Hitachi ABB-Werk Großauheim nach den Plänen der Konzernleitung zum 30. Juni 2021 geschlossen werden. Rund 500 Arbeitsplätze wären davon betroffen. Die Produktionen von gasisolierten Schaltanlagen und hydromechanischen Antrieben sollen in die Schweiz und nach Bulgarien verlagert werden.

Am Standort Großauheim (Hanau) soll trotz Zukunftskonzept geschlossen werden

Die Entscheidung fiel nur wenige Wochen nachdem der Hitachi-Konzern 80,1 Prozent des Unternehmens ABB Power Grids für rund 7,6 Milliarden US-Dollar erworben hatte – Geld, das nach eigener Darstellung von ABB zu 100 Prozent an die Aktionäre ausgeschüttet werden soll. Gleichzeitig aber soll das Großauheimer Werk trotz eines zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung bereits ausgehandelten Zukunftskonzepts zur Sicherung des Standorts mit künftig etwa 350 bis 400 Arbeitsplätzen geschlossen werden.

Ein Sarg fürs Großauheimer ABB-Werk. Doch so weit wollen es die Beschäftigten nicht kommen lassen.

Nicht nur unter den Beschäftigten herrscht seit Verkündung dieser Pläne „Fassungslosigkeit“ und blankes „Entsetzen“. Auch Gewerkschafter und Politiker kritisierten gestern mit deutlichen Worten das Vorgehen des Hitachi-Managements. Von „Halunken“, „Wortbruch“, „Riesensauerei“ und „zutiefst asozialem Verhalten“ war in nahezu allen Beiträgen die Rede – ob von Betriebsratschef Thorsten Karg oder dem Ersten IG Metall-Bevollmächtigten Robert Weissenbrunner, ob von Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky oder Main-Kinzig-Landrat Thorsten Stolz (beide SPD). Selbst Heiko Kasseckert, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, erklärte, das Vorgehen der Konzernleitung widerspreche allem, wofür die soziale Marktwirtschaft stehe. „Marktwirtschaft ohne soziale Verantwortung, wie wir sie hier erleben, geht nicht. Dagegen wird sich auch die Politik wehren“, versprach Kasseckert. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Sascha Raabe sieht durch solch „asoziales Verhalten von Managern ein Stück weit die Demokratie erschüttert“. Diesem „Raubtierkapitalismus“ entgegenzutreten, sei daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Kritik von Hanaus Oberbürgermeister

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der das Vorgehen des Hitachi-Managements als „unmoralisch und unanständig“ geißelte, erinnerte daran, dass in dem Großauheimer Werk wichtige technische Komponenten für die Energie- und Verkehrswende produziert würden. Diese Produktion und das dafür erforderliche Know-How in Deutschland zu halten, müsse auch ein Anliegen der Politik sein, forderte Kaminsky daher deutliche Signale von Land und Bund.

Rund 300 Menschen versammelten sich gestern zum Protest vor dem ABB-Werkstor.

Zuvor hatten IG Metall-Bevollmächtigter Weissenbrunner und Betriebsratchef Karg in scharfen Reden deutlich gemacht, dass es bei der drohenden Schließung des Großauheimer ABB-Werks um mehr geht, als um den Erhalt von rund 500 Arbeitsplätzen. Vielmehr gelte es, nicht nur einem „eklatanten Vertrauensbruch“, sondern auch einem „klaren Rechtsbruch“ zu begegnen. Weissenbrunner verwies auf das mit der Konzernleitung vereinbarte Zukunftskonzept, das für die Beschäftigten mit erheblichen Einschnitten verbunden gewesen sei, aber eben auch betriebsbedingte Kündigungen bis Mitte 2023 ausschließe. „Und nun kommen diese Halunken mit ihren Schließungsbeschluss für ein hochprofitables Werk um die Ecke und halten sich damit an keinerlei Vereinbarungen“, kündigte der IG Metall-Funktionär auch deshalb „erbitterten Widerstand“ an.

Betriebsratschef Thorsten Karg sprach von einer geplanten „kalten Exekution“ des Großauheimer Werks, die man versuche, mit allen Mitteln zu verhindern. Dazu werde man auch Streiks und Betriebsbesetzungen rechtlich prüfen, so Karg.

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