Corona-Pandemie

Mit Stäbchen von Zimmer zu Zimmer: „Corona-Taxi“ testet nichtmobile Menschen in Einrichtungen und zu Hause

Wattestäbchen sind das wichtigste Utensil beim Test-Einsatz. Sie kommen in ein Plastikröhrchen, das ins Labor geschickt wird.
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Wattestäbchen sind das wichtigste Utensil beim Test-Einsatz. Sie kommen in ein Plastikröhrchen, das ins Labor geschickt wird.

Das sogenannte Corona-Taxi bietet die Möglichkeiten nichtmobile Menschen vor Ort testen zu können. Wir haben es bei einem Einsatz begleitet.

Hanau – Diana von Schmieden und Alexandra Ihl klopfen an die Zimmertür. Dann treten sie ein. „Guten Tag, wir müssen einen Abstrich bei Ihnen machen“, erklären die in blaue Einwegkittel gehüllten Rotkreuz-Mitarbeiterinnen der 90-jährigen Dame, die auf einem Stuhl am Fenster sitzt und nach draußen blickt. Die Seniorin hat damit kein Problem: Sie öffnet den Mund, dann wird ein langes Wattestäbchen an den Rachen gerieben und in ein Röhrchen gesteckt. Dieses wiederum kommt später ins Labor, um zu überprüfen: Trägt die alte Dame das Coronavirus in sich?

Die Seniorin ist eine von vielen Bewohnern eines Hanauer Altenpflegezentrums, die an diesem Vormittag getestet werden. Der DRK-Kreisverband Hanau ist dazu seit einigen Wochen im Auftrag des Kreis-Gesundheitsamtes mit einer Art „Corona-Abstrich-Taxi“ unterwegs. Der Rettungswagen kommt zum Einsatz, um Menschen zu testen, die nicht mobil sind (siehe Kasten). Den vergangenen Einsatz haben wir begleitet, um die Arbeit zu dokumentieren. An diesem Morgen sind es Diana von Schmieden und Alexandra Ihl, die einen halben Tag in einer Senioreneinrichtung verbringen, um sowohl Bewohner wie auch Mitarbeiter zu testen. Denn in dem Altenheim waren zuletzt einige Corona-Fälle aufgetreten. Insgesamt acht infizierte Bewohner wurden in ihren Zimmern isoliert, drei Mitarbeiter mussten in Quarantäne. In der Folge ordnete das Gesundheitsamt umfangreiche Tests auf den betroffenen Stationen an.

Viele Angehörige halten sich nicht an die Corona-Vorschriften

Alle Infizierten hätten glücklicherweise nur leichte Erkältungserscheinungen, berichtet die Pflegedienstleiterin beim Gespräch im menschenleeren Salon. „Anfang November hatten wir das erste Mal Corona im Haus“, blickt sie zurück. Dies hätte vieles verändert: „Die Bewohner müssen auf ihren Zimmern bleiben. Und im Haupthaus haben wir noch bis Ende des Monats Besuchsverbot.“ Aber das Virus lässt den Verantwortlichen keine Wahl. „Es ist keine leichte Zeit“, bekennt die Pflegedienstleiterin. Auch die nötigen Hygienemaßnahmen wie beispielsweise die Schutzkleidung erschwerten den Kontakt zwischen Mitarbeiter und Bewohner.

Mit Handschuhen und Einfühlungsvermögen sind die DRK-Rettungssanitäterinnen Alexandra Ihl und Diana von Schmieden in der Senioreneinrichtung unterwegs.

Problematisch ist in ihren Augen, dass sich viele Angehörige nicht an Corona-Vorschriften halten. „Sobald die Zimmertür zu ist, ziehen sie die Maske ab und es wird kein Abstand mehr gehalten.“ Zwar könne man theoretisch vom Hausrecht Gebrauch machen, jedoch belasse man es bei inständigen Bitten, sich an die Vorschriften zu halten.

Wo genau das „Corona-Taxi“ an diesem Tag Station macht, schreiben wir nicht, um die Einrichtung zu schützen. Zu groß ist für sie die Gefahr, gebrandmarkt zu werden – obwohl ähnliche Tests mittlerweile fast überall stattgefunden haben dürften. Auch die beteiligten Personen werden aus dem erwähnten Grund nicht namentlich genannt.

Aufgabe bei Corona-Taxi wurde von den Rettungssanitätern freiwillig übernommen

Zu Beginn ihres Einsatzes ziehen Diana von Schmieden und Alexandra Ihl ihre Schutzkleidung an. Dazu gehören blaue Einwegkittel und -handschuhe. Sicher ist sicher. In einem Raum im Erdgeschoss des Altenheims richten sie zunächst eine Art Testzentrum ein. Auf einem Tisch postieren sie Unmengen an Röhrchen, zudem einen Stoß Dokumente. „Auftrag für SARS-Cov-2-Testung auf Veranlassung des ÖGD nach RVO vom 8.6.2020“ steht in feinstem Behördendeutsch darauf. Auf den Zetteln hat das Gesundheitsamt festgehalten, wer getestet werden muss. Darüber entscheidet das Amt im Vorfeld, es führt hinterher auch die Kommunikation mit den Getesteten.

Dann betreten die Mitarbeiter einer nach dem anderen den Raum. „Machen Sie bitte einmal den Mund auf und sagen Sie aaaaahh“, bittet Diana von Schmieden die Dame, die auf dem Stuhl Platz genommen hat. Diese leistet bereitwillig Folge. „Ich kenne mich aus“, sagt sie, als wir sie fragen, wie sie es findet, getestet werden zu müssen, und lacht. Es sei nicht der erste Abstrich. Parallel werden noch ihre persönlichen Daten mit dem Auftragsbogen des Kreises abgeglichen, dann ist die Prozedur beendet und der nächste an der Reihe.

Die Tests werden dokumentiert.

Nachdem sie alle Mitarbeiter durchgetestet haben, legen die beiden Rotkreuzlerinnen eine kleine Pause ein. „Wir wollen einmal an die frische Luft und die Maske abziehen“, sagen sie. Wir begleiten sie nach draußen. „Normalerweise sind wir als Rettungssanitäterinnen unterwegs“, erzählen sie dem Reporter und atmen ein paar Minuten durch. Der Einsatz im „Corona-Taxi“ sei eine zusätzliche Aufgabe, die sie freiwillig übernommen hätten. Nach der Pause wechseln Diana von Schmieden und Alexandra Ihl ihre Schutzkleidung, dann packen sie alle Utensilien im Testraum auf ein Wägelchen und machen sich auf den Weg durch die Gänge der Senioreneinrichtung. Jetzt sind die Bewohner an der Reihe – und das ist nicht immer einfach.

Besonders für demente und depressive Patienten sei die Corona-Krise schlimm

Ein 69-jähriger Herr ist einer der ersten. „Es ist eine anstrengende Zeit“, sagt er dem Reporter, nachdem der Abstrich mit dem Wattestäbchen gemacht wurde. Normalerweise besuchten ihn die Enkel, das sei momentan nicht möglich. „Der eine ist gerade zwei Jahre alt geworden. Das letzte Mal habe ich ihn gesehen, da ist er noch nicht gelaufen“, sagt der Mann traurig. Angst vor der Krankheit habe er nicht direkt, aber er hoffe, dass bald wieder ein wenig Normalität zurückkehre. „Ganz normal wird es aber nicht mehr werden“, ist er sicher.

Auf dem Weg durch die Flure fällt der Blick auf Plakate an den Wänden. „Angebote im Haupthaus“ steht darauf: Bingo, Bewegung mit Musik, Basteln, Raterunde, gemeinsames Lachen, Ausflüge und mehr werden angepriesen. „Das darf momentan alles nicht stattfinden, leider“, sagt die Wohnbereichsleiterin, die den Test begleitet und die Bewohner darauf vorbereitet. Auch dürften sich die Senioren nicht treffen und gegenseitig auf den Zimmern besuchen. Es ist eine karge Zeit für die alten Menschen, die nicht mehr viel im Leben haben außer den Kontakt untereinander und zu Angehörigen. „Besonders für demente und depressive Patienten ist das schlimm.“ Sie verstünden nicht, was los sei. Das zeigt sich kurz darauf.

Wohnbereichsleiterin macht Ernst der Lage deutlich

„Ich kann das nicht verstehen. Mir geht es gut. Ich habe kein Problem. Sie machen mich krank“, hört man eine alte Dame rufen, die getestet werden soll. Da braucht es viel Einfühlungsvermögen der beiden DRK-Mitarbeiterinnen. „Wir wenden keinen Zwang an“, betonen von Schmieden und Ihl. In diesem Fall heißt das für sie, später noch einmal wiederzukommen und es erneut zu versuchen. Denn die Dame ist zunächst nicht davon zu überzeugen, sich untersuchen zu lassen.

An diesem Freitag ist der DRK-Kreisverband im Einsatz.

Beim Gang zur nächsten Bewohnerin macht die Wohnbereichsleiterin deutlich, dass Corona alles andere als harmlos ist. „Bei einer positiv getesteten Bewohnerin merken wir, dass seit der Krankheit Gedächtnislücken vorhanden sind.“ Davor hat die 100-Jährige, die ein paar Zimmer weiter getestet wird, keine Angst. „Ich war im Kriegsdienst beim Roten Kreuz als Schwester, da haben wir so viel erlebt“, sagt die rüstige und gesprächige Seniorin. Später habe sie bei der einstigen Degussa als Buchhalterin gearbeitet. „Was man gelernt hat, kann man speichern und ein Leben lang davon zehren“, betont die Seniorin. Normalerweise besuchten sie ihr Sohn und Enkelsohn, das sei leider momentan nicht möglich.

Von den Ergebnissen hängt das weitere Vorgehen ab

Unter dem Besuchsverbot leidet eine 90-jährige Dame, bei der die Testerinnen Station machen. Dass ihre Angehörigen nicht zu ihr kommen dürften, stimme sie traurig. „Wir haben uns nur am Fenster Hallo sagen können“, sagt sie. Aber sie könne die Maßnahmen verstehen. „Was mir fehlt, ist, dass man mal an die frische Luft kann“, sagt die Seniorin. Normalerweise gehe sie regelmäßig spazieren.

Einige Stunden sind Diana von Schmieden und Alexandra von Ihl in der Einrichtung unterwegs, bis sie die Testreihe abgeschlossen haben. Von den Ergebnissen hängt ab, wann wieder gemeinsam gefrühstückt werden darf und wieder Besuch erlaubt wird. Am Nachmittag haben sie DRK-Mitarbeiterinnen noch einige nichtmobile Privatpersonen auf dem Zettel. „Wir testen sie bei sich zu Hause“, erklären sie. Dann heißt es wieder: Mund auf, Stäbchen rein – in der Hoffnung auf ein negatives Ergebnis.

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