Erinnerung an Opfer vom 19. Februar 2020

Fünf Entwürfe für geplantes Hanauer Mahnmal vorgestellt

Susanne Lorenz aus Berlin möchte Stelen zu einem „Wir“ zusammenstellen. Auf der Rückseite sind
+
Susanne Lorenz aus Berlin möchte Stelen zu einem „Wir“ zusammenstellen. Auf der Rückseite sind

Einen Spiegel halten alle den Passanten vor. Die Künstler bieten die Möglichkeit, sich mit dem Leben der neun Getöteten auseinanderzusetzen, den eigenen Standort in der Gesellschaft zu finden. Ein Fachbeirat hat fünf von 118 Vorschlägen für ein Mahnmal ausgewählt, um das am 19. Februar 2020 Geschehene zu verarbeiten. Die Modelle waren übers Wochenende im Congress Park Hanau zu begutachten.

Hanau - Dort erläuterten die kreativen Köpfe ihre Ideen. „Der Magistrat wird den Stadtverordneten keinen Vorschlag empfehlen, der nicht die Zustimmung der Angehörigen findet“, hob Oberbürgermeister Claus Kaminsky bei der Vorstellung am Samstag die Einbeziehung der Hinterbliebenen in den Auswahlprozess hervor. Sie haben in Gesprächen bereits Zustimmung für jedes der fünf Objekte signalisiert. Nun möchte der Rathauschef die Akzeptanz der Bevölkerung gewinnen.

Dazu sei Überzeugungsarbeit nötig, wenngleich eine Einstimmigkeit für ein Werk nicht realistisch sei. In alphabetischer Reihenfolge stellten die Kunstschaffenden ihre Projekte vor. Matthias Braun aus Würzburg möchte eine freistehende Wand aus Cortenstahl aufstellen. Neben Angaben zu den Opfern trägt die Vorderseite neun Spiegel-Fragmente aus Edelstahl, sie stehen für die aus der Gesellschaft „herausgerissenen“ Menschen. Zugleich zeigen sie die Umgebung und den Betrachter und stellen so eine „virtuelle Verbindung“ her. Auf der Rückseite können Flächen in Abstimmung mit den Angehörigen individuell gestaltet werden.

„Wir müssen uns für das Wir einsetzen“

Die Wand der offenen Säule von Heiko Hünnerkopf aus Wertheim besteht allein aus den Buchstaben der Namen der Toten. Die Offenheit und die halbkreisförmige Anordnung stehen für eine pluralistische Gesellschaft, Vielfalt der Meinungen und das Zusammenleben, erläuterte der Bewerber. In einer Begegnung mit Angehörigen wurde der Wunsch laut, das Ensemble mit einer Schriftsäule auf dem Markt- oder Freiheitsplatz zu installieren.

Auch in Susanne Lorenz’ neun Stelen spiegeln sich die Personen, die davor stehen, und werden Teil des „Wir“, das auf der Vorderseite zu lesen ist. Auf den rückwärtigen Flächen befinden sich Bilder und Informationen zu den Opfern. „Wir müssen uns immer wieder für ein Wir einsetzen“, mahnte die Künstlerin.

Ein Entwurf sieht eine Markierung der Tatorte vor

Eine Markierung der Tatorte sieht die Arbeit von Carla Mausch aus Nürtingen vor. Sie möchte zwischen Stadtzentrum, Kanaltor- und Kurt-Schumacher-Platz jeweils bis zu drei brusthohe Stelen postieren. Ihre Abdeckung biete Fläche zur Ablage, zum Beispiel für einen Bronze-Kiesel, den die Schwäbin mit den Familien gestalten möchte. Auf den Elementen stehen Forderungen wie „Vielfalt“, „Toleranz“, „Respekt“ und „Demokratie“ in verschiedenen Sprachen auf umlaufenden Gold-Kerben.

Ergänzend können Plakate von den Säulen in Geschäften ausgehängt werden, schlug die Wettbewerbsteilnehmerin vor. Über aufgedruckte QR-Codes können Interessierte mit dem Handy mehr über den Anschlag erfahren.

Entwürfe in Ausstellung zu sehen

Auf Farbe baut der Trierer Stephan Quappe Steffen: Eine Wand aus farbigen Elementen und Spiegeln bildet eine Schnecke – Raum zum Gedenken. Auch diese Variante symbolisiert Vielfalt und die eigene Rolle im großen Ganzen, sie sollte am Marktplatz oder im Park hinter dem Kongresszentrum stehen, findet Quappe Steffen.

Die Werke der fünf Künstler sind im Internet unter hanau-steht-zusammen.de und ab Montag bis zum 18. September im Kulturforum am Freiheitsplatz zu sehen. Besucher können dort ihre Meinungen notieren. Die ausgewählte Installation soll bis zum zweiten Jahrestag der Tat, dem 19. Februar 2022, verwirklicht sein.

Von Michael Prochnow

Jury wählte aus 118 Vorschlägen aus

Bei dem Gestaltungswettbewerb waren insgesamt 118 Vorschläge für das Mahnmal eingereicht worden. Ein Fachbeirat und eine Jury hatten eine Vorauswahl getroffen. Die nun vorgestellten Vorschläge stammen aus den Bereichen Bildende Kunst, Architektur, Kommunikationsdesign und Steinbildhauerei. Gemeinsam ist den fünf Entwürfen, dass sie die Namen der Getöteten tragen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. dpa

Carla Mausch aus Nürtingen möchte „Der Vielfalt“ bauen, Säulen an Tatorte verteilen, die Wünsche auf goldenen Kerben benennen.
Stephan Quappe Steffen aus Trier stellt „9“ vor, bunte Elemente und Spiegel, die sich zu einer Schnecke verbinden.
Die offene Säule von Heiko Hünnerkopf aus Wertheim besteht allein aus den Buchstaben der Namen der Toten.
Matthias Braun hält Passanten den Spiegel vor. Der Würzburger gibt Angehörigen der Opfer auch Raum, Flächen auf der Rückseite der freistehenden Wand zu gestalten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare