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Mordanklage ohne Leiche: Mathelehrer aus Hanau muss sich in Gießen verantworten

Zwei Männer stehen in Gießen vor Gericht, weil sie einen Bekannten aus Hanau mit mehreren Schüssen getötet haben sollen. Der Leichnam, der zerstückelt worden sein soll, wurde bis heute nicht gefunden.
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Zwei Männer stehen in Gießen vor Gericht, weil sie einen Bekannten aus Hanau mit mehreren Schüssen getötet haben sollen. Der Leichnam, der zerstückelt worden sein soll, wurde bis heute nicht gefunden.

Schon das große Medieninteresse zum Prozessauftakt am Mittwoch zeigte, dass dieser Fall überregional Aufsehen erregt – wohl auch, weil die Anklage von einem Mord ausgeht, die Leiche des Opfers aber bis heute nicht gefunden ist. Die Termine sind bis September angesetzt, gut 70 Zeugen sollen gehört werden.

Hanau/Gießen - Zu erwarten ist ein juristisches Ringen um Indizien. Laut Staatsanwaltschaft sollen die beiden Männer einen 39-jährigen Bekannten aus Hanau am 17. November 2016 in Hungen-Bellersheim getötet haben. Der Anklagevorwurf: Mord und erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge.

Zuvor, so Staatsanwalt Thomas Hauburger bei der Anklageverlesung, hätten der 44-Jährige und der 40-Jährige geplant, Daniel M. zu entführen, um Lösegeld zu erpressen. Am Tattag hätten sie ihn in Hanau abgeholt und ins Auto gelockt – unter dem Vorwand, ihm eine Immobilie in Hungen zu zeigen, die dem 40-Jährigen gehörte. Während der Fahrt, so Hauburger, sollen sie dem „völlig ahnungslosen“ Opfer auf dem Beifahrersitz ihren Plan offenbart haben. Einer der Angeklagten habe – entweder auf der Fahrt oder auf dem Hof des Zielorts – eine Waffe gezogen, es sei zu einer Rangelei und Schussabgabe im Auto gekommen. Der Anklage zufolge wurden dann „mehrere Schüsse mit Tötungsabsicht“ abgegeben, der Hanauer habe dies nicht überlebt. Die Leiche habe sich noch mehrere Tage auf dem Grundstück befunden. Schließlich soll der jüngere Angeklagte den toten Körper dort „zerstückelt“ haben. Einige Teile wurden laut Hauburger vergraben, andere in einem Plastikeimer einbetoniert und in einem Gewässer in Bayern versenkt.

Bis Mai 2020 war der Fall Daniel M. „nur“ eine Vermisstensache – dann brachte der ältere Angeklagte die Mordermittlungen selbst ins Rollen: Er bezichtigte den 40-Jährigen der Tötung. Doch nach Zeugenaussagen, DNA-Analysen und der Auswertung von Datenträgern nahmen die Ermittler schließlich beide ins Visier. Die Männer sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft, haben sich während der Ermittlungen laut Hauburger gegenseitig belastet.

Während der 40-Jährige im Prozess fürs Erste nicht aussagen wird, äußerte sich der 44-jährige Olaf C. zum Auftakt zu seinen persönlichen Verhältnissen. Vor den Kameras hatte er kurz zuvor sein Gesicht hinter einer Akte verborgen, dann geriet er ins Plaudern und gab detailliert Auskunft: Die Schulzeit verbrachte er in Hanau, absolvierte gemeinsam mit M. die Oberstufe und auch den Zivildienst. Der Angeklagte machte eine Lehre bei einer Großbank, studierte schließlich Lehramt, lernte dabei nach eigener Aussage den anderen Angeklagten kennen und landete schließlich als Mathe- und Physiklehrer an seiner alten Schule, einem Hanauer Gymnasium.

Der 44-Jährige klingt selbstbewusst und eloquent, hat viele Details im Gedächtnis – und scheint bemüht, sich ins rechte Licht zu rücken: „Ich habe sehr viele und gute Kontakte“, und in der JVA hätten ihn mehrere Briefe von Bekannten erreicht. Zwar sei er in einen Schützenverein eingetreten und besitze den „kleinen Waffenschein“, doch geschossen habe er nur ganz selten. Auch seine Finanzen waren Thema: Er sei eher sparsam, habe immer etwa drei Monatsgehälter auf der hohen Kante gehabt und bis 2019 in seiner „alten Studentenbude“ gewohnt, sagte der Angeklagte. Hin und wieder habe er Poker oder Roulette gespielt – aber vor allem aus mathematischem Interesse. Sein Fazit in Sachen Geld: „Ich bin ordentlich, was das angeht.“ Trotzdem habe er 2014 und 2015 in einer schwierigen Phase von Krankheit Kredite um mehrere Tausend Euro aufgestockt, um Prostituierte zu bezahlen: „Statt in den Urlaub zu fliegen, habe ich mir gegönnt, ein bisschen Sex zu haben.“

Der Mann berichtete auch von einer Psychotherapie, die er nach seiner Anzeige bei der Polizei 2020 begonnen habe. Wieso zu diesem Zeitpunkt? „Ich konnte mich nicht offenbaren, weil ich schweigen musste“, so der 44-Jährige. „Ich konnte ja nicht sagen: Ich habe gesehen, wie jemand meinen Freund erschossen hat!“ Damit meint er den 40-Jährigen – und wird am heutigen Freitag seine Version des Tattags wohl genauer schildern. (Von Jonas Wissner)

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