Rassistischer Anschlag in Hanau

„Wir dürfen die Namen nicht vergessen“: Angehörige fordern Aufklärung nach Anschlag in Hanau

Newroz Duman vom Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“ fordert einen Erinnerungsort zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags.
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Newroz Duman vom Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“ fordert einen Erinnerungsort zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags.

An den Anschlagsorten von Hanau, am Heumarkt und am Kurt-Schumacher-Platz, liegen noch immer Blumen für die Opfer. Kerzen brennen und ein Schild mahnt: „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.“

  • Gedenken in Hanau nach rassistischem Anschlag
  • Angehörige fordern, die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen
  • In Hanau soll eine Gedenkstätte geschaffen werden

Hanau - Zwei Wochen nach dem rassistischen Attentat, bei dem neun Menschen mit ausländischen Wurzeln starben, ist das Gedenken in der Brüder-Grimm-Stadt noch immer sehr präsent. In der gesamten Innenstadt erinnern Plakate mit Schriftzügen wie „Wir sind alle gleich“ und „Hanau steht zusammen“ an die tödlichen Schüsse. An einer Hauswand sind die Namen der Opfer aufgesprüht: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtovic, Vili-Viorel Paun, Fatih Saracoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

Nach Anschlag in Hanau: Erinnerung darf nicht verblassen

Doch einige Angehörige fürchten, dass die Erinnerung an den 19. Februar nach den offiziellen Trauerfeiern viel zu schnell verblassen könnte. „Die Namen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Das, was in dieser Stadt passiert ist, soll nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Newroz Duman vom Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“. Die Liste von rechtsextremen Morden in Deutschland sei lang. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass so ein Attentat in Vergessenheit gerät. Das muss uns im Alltag begleiten.“

Seit dem Anschlag steht die 30-Jährige im Kontakt zu Familien und Freunden der Opfer. Vielen hätten derzeit keine Kraft mehr, über ihre Situation zu reden.

„Schockstarre“ in der Gesellschaft von Hanau nach dem Anschlag

„Die gesamte Stadtgesellschaft befindet sich nach wie vor in einer Art Schockstarre“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Noch viel mehr und schlimmer gelte das für die Familien der Opfer. Deswegen sei es ein Anliegen, die Angehörigen bei der zentralen Gedenkfeier in den Mittelpunkt zu rücken. Zudem hatte Kaminsky erklärt, dass es in Hanau eine Gedenkstätte für die Opfer geschaffen werden soll.

Auf einer Wand am autonomen Kulturzentrum Metzgerstraße sind die Namen der Opfer aufgesprüht – und mit Frau R. wird an die von ihm getötete Mutter des Attentäters erinnert.

Nicht nur Erinnern und Gedenken seien wichtig, sagt Newroz Duman. Handeln sei es auch. „Viele der Angehörigen sagen: Wir brauchen sofort eine lückenlose Aufklärung. Wir wollen nicht, dass irgendetwas unter den Tisch gekehrt wird. Wir wollen alles wissen.“ Es sei wichtig, dass die Menschen keine Angst haben müssten, dass etwas vertuscht werden könnte. „Was viele Angehörige auch wollen, ist, dass gehandelt wird. Sie sagen: Wir wollen nicht, dass noch mehr Menschen Opfer von Rassismus werden.“

Nach Anschlag in Hanau: Angst, Opfer von Rassismus zu werden

Die Angst davor ist bei einigen jetzt größer als vor dem Anschlag: Eine 53-jährige Hanauerin etwa, die in der Nähe des Kiosk-Tatorts wohnt, sorgt sich um ihre Kinder. Seit mehr als 40 Jahren lebt sie in der Stadt, ihre Familie stammt aus der Türkei. Vor dem Attentat hatte die Frau keine Angst, doch jetzt sei sie da. Die 53-Jährige kannte einige der Anschlagsopfer und ist mit einer Begleiterin gekommen, um sich die Blumen und anderen Zeichen des Gedenkens anzuschauen. „So etwas kann man nie vergessen“, sagt sie.

Betroffen von dem Attentat ist auch die Familie des 24-jährigen Can-Luca. Seinem Vater gehört der beschossene Kiosk, berichtet er. Wie es nun weitergehen soll, das wisse man noch nicht. „Mein Vater ist im Zwiespalt.“ Wenn das Geschäft wieder öffne und Jugendlichen wieder einen Treffpunkt biete, sei das ein Zeichen dafür, dass man gemeinsam stärker sei. Andererseits seien da die Bilder vom Anschlag, die im Kopf blieben.

Nach Anschlag in Hanau: Forderungen der Opfer müssen im Mittelpunkt stehen

Wichtig sei, dass Angehörige und Betroffene nicht allein gelassen würden und ihre Forderungen im Mittelpunkt stünden, sagt Newroz Duman vom Bündnis „Solidarität statt Spaltung“. Deswegen sei die Idee für einen Begegnungsort und ein Dokumentationszentrum geboren worden. Man wolle einen Raum schaffen zum Austausch, für Hilfe und Unterstützung - und auch dadurch die Erinnerung an den Anschlag von Hanau wach halten. 

lhe/did

Kurz nach dem Anschlag in Hanau hauen Mitarbeiter des Bundestags auf den Putz: Sie feiern eine Party, während draußen den Ermordeten gedacht wird.

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