Terroranschlag

Hanau nach dem Anschlag: Wie Schulen mit dem Thema umgehen

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In einer eindrucksvollen Veranstaltung gedachten Schüler der Großauheimer Lindenauschule der Opfer – und setzten ein Zeichen gegen Rassismus.

Es sind so viele Fragen. Die Frage, wie das alles geschehen konnte? Warum hat es diesen rassistischen Terroranschlag in Hanau gegeben? Oder die Frage, wie man Solidarität zeigen kann. Und es geht um Ängste.

Hanau –  Auch und gerade an Hanauer Schulen waren und sind die Ereignisse von voriger Woche präsent bei Kindern und Jugendlichen. Der Gesprächsbedarf ist groß.

„Wir haben im Unterricht Platz und Raum dafür geschaffen“, sagt Oliver Spies von der Steinheimer Eppsteinschule. Denn viele Schüler standen anfangs regelrecht „unter Schock“. In seiner sechsten Klasse, so Spies, sei immer wieder die Frage nach dem Warum gekommen. Es sei darum gegangen, das alles einzuordnen.

Vor allem jüngere Schüler hatten aber auch Angst. „Manche haben geweint und sich gefragt: Kann mir das jetzt draußen auch passieren?“, sagt die pädagogische Leiterin der Otto-Hahn-Schule, Carolin Brill. Die Schule liegt nur einen Kilometer von einem der Tatorte entfernt.

„Wir müssen jetzt ganz besonders den Schülern zur Seite stehen und Ängste wegnehmen“, unterstreicht auch Jürgen Scheuermann, Leiter der Karl-Rehbein-Schule.

Das Innenstadt-Gymnasium ist eine der Schulen, an denen es neben dem Unterricht ein tägliches Gesprächsangebot gibt. Unter anderem stellen sich Beratungslehrer und die Schulseelsorge den Fragen und hören zu. An der Otto-Hahn-Schule war Carolin Brill nach dem Anschlag eine von vier Ansprechpartnern, die in der sogenannten „Ansprechbar“ ein offenes Ohr für die Schüler hatten. Der Fachunterricht wurde wegen dem großen Gesprächsbedarf und der großen Betroffenheit der Schüler zunächst ausgesetzt, um den Kindern und Jugendlichen Raum zum Austausch zu geben. Schließlich kannten einige der Schüler die Opfer, haben Freunde oder Familienangehörige verloren. „Unter den Opfern sind zwei ehemalige Schüler von uns. Und der Bruder eines der Toten geht bei uns zur Schule“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Angela Kirchhoff.

Für Schüler, die betroffen waren oder sich stark betroffen fühlen, standen nach dem Anschlag auch in der Hohen Landesschule in den ersten Tagen Ansprechpartner zur Verfügung, so Helge Messner, der stellvertretende Schulleiter.

An viele Schulen gab es außerdem Schweigeminuten und Trauerveranstaltungen, so gestern an der Karl-Rehbein-Schule und an der Otto-Hahn-Schule, wo auch ein Trauermarsch stattfand. In der Großauheimer Lindenauschule wurde am Mittwoch der Opfer gedacht – und es wurden Zeichen gesetzt. „Wir alle sind Schüler Hanaus, Kinder Deutschlands“, gab Schulsprecher Boran Düzgün, einer der Redner, ein Statement gegen Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt ab. Unter dem Motto „Hanau ist bunt – wir sind es auch!“, hatten Schüler erst vorige Woche Plakate und Poster gestaltet.

Neben der Betroffenheit, der großen Trauer, den Ängsten – es müsse an den Schulen künftig noch mehr darum gehen, „in alle Richtungen dafür zu sensibilisieren, dass wir als Demokraten Werte haben, für die wir eintreten müssen“, unterstreicht Karl-Rehbein--Schulleiter Jürgen Scheuermann. Er verweist auch auf die vielen Partnerschulen, die sein Gymnasium hat – unter anderem in China, Israel, in den USA. Von überall kamen Solidaritätsbotschaften, „die wir an die Schüler weitergeben.“

Zu den Dingen, die die Kinder und Jugendlichen, die mehr als alle andere Altersgruppen in Sozialen Medien unterwegs sind, in den Tagen nach dem Terroranschlag beschäftigen, gehören auch die Fake-News. Das berichten übereinstimmend alle befragten Schulvertreter. Etliche gefälschte Nachrichten kursieren seit dem 19.2.2020 im Internet. Etwa über einen angeblichen Nazi-Aufmarsch in Hanau nach dem Anschlag. Dazu kommen abstruse Verschwörungstheorien, die die Runde machen. „Manche Schüler können das gut einordnen, andere brauchen da Hilfe“, sagt Oliver Spies von der Eppsteinschule. Es sei wichtig, dass Schüler lernen, die Quellen zu prüfen, heißt es. Das ist laut Helge Messner auch Thema im Medien- und Informatikunterricht an der Hohen Landesschule.

Einig sind sich alle, dass auch das Thema Rassismus auch im Unterricht weiterhin und künftig noch mehr behandelt werden muss. An der Otto-Hahn-Schule, die ganz besonders betroffen ist, ist davon jetzt noch nicht die Rede. Kirchhoff: „Wir müssen erst mal die aktuelle Situation bewältigen.“

VON CHRISTIAN SPINDLER, JASMIN JAKOB UND YVONNE FITZENBERGER

Ausgerechnet der rechtspopulistische AfD-Politiker André Poggenburg kam für einen Besuch nach Hanau, um der Opfer des rassistischen Anschlags zu gedenken. Das blieb nicht ohne Widerspruch in der Stadt.

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