Prozess um Brand in der Hanauer Wilhelmstraße

Strafverteidiger lenkt Tatverdacht auf einen bisher Unbeteiligten

Prozess um schwere Brandstiftung in der Hanauer Wilhelmstraße: Mit einer Bierflasche voller Benzin kam der Angeklagte Videobeweisen zufolge von der Tankstelle zurück zum Tatort.
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Prozess um schwere Brandstiftung in der Hanauer Wilhelmstraße: Mit einer Bierflasche voller Benzin kam der Angeklagte Videobeweisen zufolge von der Tankstelle zurück zum Tatort.

Vor einer Wohnung in der Hanauer Wilhelmstraße wüteten am 6. Januar die Flammen im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses. Darin zwei Männer, die durch Rauchschwaden und ein Knallgeräusch auf den Brand aufmerksam werden. Schnell eilt ein Nachbar zu Hilfe, der gemeinsam mit den Bewohnern das Feuer löscht. Als Polizei und Feuerwehr eintreffen ist schnell klar: Der Brand wurde vorsätzlich gelegt.

Hanau – Ein Müllbeutel war in Brand gesetzt und ein Brett an die Tür gelehnt worden, das den Bewohnern laut Anklage der Staatsanwaltschaft den Weg aus der Wohnung versperren sollte (wir berichteten). Wenig später wird der 30-jährige Niederländer Alexander U. festgenommen. Der Anklagevorwurf lautet: schwere Brandstiftung. Darüber hinaus zieht die 1. Große Strafkammer des Hanauer Landgerichts jedoch auch einen versuchten Mord aus Heimtücke in Betracht.

Am Tatabend wählt der Verdächtige selbst den Polizeinotruf – eine Stunde vor dem Brand, um sich über die beiden Männer in der Wohnung zu beschweren. Der damals wohnungslose U. ist bei ihnen für einige Tage untergekommen, bis sie ihn nach einem Streit aus der Wohnung schmeißen. Seine Sachen, darunter auch sein Laptop, wollen sie nicht herausgeben.

Auf dem Weg zur Tankstelle soll der Angeklagte Drohnachrichten verschickt haben

Als die Polizei den Wohnungsinhaber nach denkbaren Motiven für die Brandstiftung fragt, fällt der Verdacht daher schnell auf U. Überwachungsvideos in einem benachbarten Spielcasino und einer Tankstelle zeigen, wie U. eine Bierflasche mit Benzin füllt und in die Nähe des Tatorts zurückkehrt. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft: Der Müllsack, den U. mutmaßlich in Brand gesetzt haben soll, brannte nicht so wie er sich das gewünscht hatte. Daher sei er zurückgekommen, um das Feuer mit dem Brandbeschleuniger anzufachen.

Der Angeklagte gab hingegen an, dass er einen Motorroller klauen wollte, bei dem der Schlüssel steckte. Der Tank allerdings sei leer gewesen, weshalb er den Treibstoff in der Bierflasche holte. Noch auf dem Weg zur Tankstelle soll er jedoch Droh-Nachrichten per WhatsApp an den Wohnungsinhaber geschickt haben.

Denkbare Motive für einen Racheakt

Am vierten Verhandlungstag lenkt Strafverteidiger Clemens M. Brendel den Verdacht allerdings auf einen bisher Unbeteiligten. Einen Mann, der ebenfalls zeitweise in der Wohnung gewohnt haben und einem Mitbewohner die Frau ausgespannt haben soll. Auch hier kam es zu Streitigkeiten, und er wurde herausgeworfen – für Brendel seien das zwei starke Motive für einen Racheakt.

Der Verteidiger scheint von der Unschuld seines Mandanten überzeugt zu sein. Als die Vorsitzende Richterin Susanne Wetzel bemerkt, dass U. relativ unbeteiligt am Prozess teilnehme, sagt Brendel: „Es handelt sich ja auch nicht um seinen Fall.“ „Das sagen Sie“, insistiert Wetzel streng. Auch der psychologische Gutachter bestätigt, dass er den Eindruck habe, dass Alexander U. ein fast schon übertrieben zuvorkommender Mensch sei, manchmal schieße es aber aus ihm heraus, wie aus einer „Magmakammer“.

Schicksalsschläge führen den Angeklagten nach Deutschland

Ein Blick in seine Strafakte, Chatverläufe und seine Biografie bestätigen nach Ansicht des Sachverständigen impulsive Ausbrüche. Alexander U., der in den Niederlanden eine Ausbildung zum Grafikdesigner und Fotografen absolviert hat, gerät wiederholt in Streit mit anderen, teilweise auch handgreiflich.

Mit dem Vater baut er sich in Thailand eine Existenz auf, wo er in mehreren Werbespots mitspielt und Aufträge als Model bekommt. Als sein Visum in Thailand abläuft, wird er ein halbes Jahr lang in Bangkok inhaftiert. In einer 200 Quadratmeter großen Zelle mit rund 2000 Häftlingen, wie er beschreibt. Er habe dort viel Gewalt erfahren und Menschen sterben sehen. Das habe ihn nachhaltig traumatisiert. Durch weitere Schicksalsschläge häufen sich die Schulden an.

Nach gescheiterten Versuchen, sich mit einer Marketingfirma für Schönheitsoperationen selbstständig zu machen, landet er schließlich im Juni 2019 in Hanau.

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