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Maskenmann überführt und verurteilt: „Überfall“ in Heldenbergen war brutale Drohung

„Überfall“ in Nidderau als Einschüchterung: Ein 35-Jähriger Maskenmann ist vom Landgericht Hanau verurteilt worden. 
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„Überfall“ in Nidderau als Einschüchterung: Ein 35-Jähriger Maskenmann ist vom Landgericht Hanau verurteilt worden. Symbol

Ein Pärchen wird vor dem Eingang einer Spielhalle in Heldenbergen angegriffen. Zwei mit Sturmhauben maskierte Männer attackieren den 45-jährigen Lebensmittelmarktbesitzer K. und dessen Freundin mit Kantholz und Messer. Im Gerangel erleidet K. einen Stich in den Oberschenkel.

Nidderau/Hanau – Mysteriös: So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden die beiden Verbrecher, die zuvor die Reifen am Auto des Opfers plattgestochen haben. Noch seltsamer: Die 700 Euro aus dem Jackpot, die das Paar kurz zuvor am Spielautomaten gewonnen hat, bleiben unangetastet.

Nach einem bis zum Schluss überaus spannenden Indizienprozess gegen den 35 Jahre alten S. vor der 7. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht lüftet Dr. Niels Höra das Geheminis: „Das war kein Raub. Es war von vornherein geplant, Herrn K. unter Druck zu setzen, um dessen Supermarkt in Frankfurt zu übernehmen“, sagt der Vorsitzende in der Urteilsbegründung.

Wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung verurteilt die Kammer S. deshalb zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten und entspricht damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Kein Zweifel bei den Richtern

Für die Richter besteht am Ende kein Zweifel daran, dass S. vor acht Jahren einer der beiden Maskierten gewesen ist. Ungeklärt ist weiterhin, wer der Komplize gewesen ist, der an der Robert-Bosch-Straße ebenfalls an der Attacke beteiligt war.

„Es ging um die Übernahme des Supermarktes. Das war ihr Ding. Das ist ein klares Motiv“, so Höra weiter. Denn bereits wenige Wochen nach dem „Überfall“ gibt K. seinen Widerstand auf, übergibt den Markt – S. lässt sich offiziell als dessen neuer Eigentümer in das Gewerberegister eintragen.

„Es fügt sich ein Puzzle zusammen und ergibt am Ende ein schlüssiges Bild“, wertet der Vorsitzende die zahlreichen Indizien, die selbst noch während der Verhandlung gesammelt werden. So wird der Angeklagte von einem Wachtmeister vermessen. 1,84 Meter lautet das Ergebnis. Das Opfer, 1,94 Meter groß, hatte in seiner Aussage angegeben, der Angreifer sei „etwas kleiner“ gewesen.

Ein entscheidendes Indiz sei dann noch eine anonyme SMS, die kurz nach der Tat im Oktober 2012 an das Opfer verschickt worden ist. „Du hast Deine erste Lektion bekommen“, heißt es darin. Und: K. habe „einen Monat Zeit“, um Frankfurt zu verlassen. Sonst sei für ihn „eine Kugel reserviert.“

DNA-Spuren des Angeklagten wurden an einer der drei Sturmhauben gefunden

„Das sind Merkmale, wie man sie aus der organisierten Kriminalität kennt“, sagt Höra und verweist zudem auf die einschlägigen Vorstrafen des Angeklagten, der bereits wegen Bedrohung, Nötigung und Körperverletzung zu Geldstrafen verurteilt worden ist.

Als „i-Tüpfelchen“ bewertet die Strafkammer jedoch das Indiz, das aus dem Labor des Hessischen Landeskriminalamts kommt: An einer von insgesamt drei Sturmhauben, die in der Nähe des Tatorts in einem Garten an der Bundesstraße 45 gefunden worden waren, sind DNA-Spuren des Angeklagten festgestellt worden.

„Sie haben die Tat begangen, daran haben wir keine begründeten Zweifel“, so Höra, der die beiden Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung als „hervorragend“ lobt. Staatsanwalt Dr. Oliver Piechaczek fügt in seinem Schlussvortrag die einzelnen „Mosaiksteinchen“ zusammen. „S. und seine Familie wollten den Lebensmittelmarkt übernehmen. K. wollte das Feld nicht räumen“, nennt er die Motivlage. Der „Überfall“ habe einzig und allein den Zweck gehabt, den Lebensmittelhändler einzuschüchtern. „Das war ein geschäftliches Vorgehen mit unlauteren Mitteln.“ Ein solches „Faustrecht“ sei nicht zu dulden.

K. sollte eingeschüchtert werden

Das Geschehen in Heldenbergen sei die erste Stufe der Eskalation gewesen. „Es sollte klar gemacht werden: Räumt K. den Laden nicht, dann kann er sich seiner Haut nicht mehr sicher sein.“ Den „entscheidenden Fehler“ habe der Angeklagte jedoch gemacht, als er die Tatwerkzeuge sowie die Sturmhauben aus dem Autofenster geworfen habe.

Diese Beweisstücke landeten auf dem Grundstück eines Bürgers. Der DNA-Treffer, der erst fünf Jahre später aus der Datenbank der Ermittlungsbehörden gemeldet wird, sei der tragende Beweis, allerdings nicht der einzige, so Piechaczek, der in seinem Plädoyer jedes Mosaikteilchen bewertet und zusammenfügt, so dass die Kammer den Tatablauf gar nicht mehr selbst rekonstruieren muss.

Stephan Kuhn, der Verteidiger von S., hat eine ganz andere Sicht der Dinge: Gegen den von der Staatsanwaltschaft beschriebenen Tatablauf hat der Strafverteidiger nichts einzuwenden. Allerdings bestünden „erhebliche Zweifel“ daran, dass sein Mandant einer der beiden Täter gewesen sei.

Vor allem die Tatsache, dass drei Sturmhauben gefunden worden seien, lasse erhebliche Zweifel an der Täterschaft zu. Zudem zweifelte Kuhn das Motiv an. „Andere könnten auch ein Motiv für diese Tat gehabt haben“, so der Verteidiger, der einen Freispruch fordert.

Verfahren zog sich über einen längeren Zeitraum hin

Nach dem Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, müsste S. jedoch nicht die volle Freiheitsstrafe von 33 Monaten absitzen, denn die Strafkammer rechnet ihm wegen der langen Verfahrendauer einen „Rabatt“ von sechs Monaten an, die bereits als verbüßt gelten.

Denn nach dem DNA-Treffer war der 35-Jährige bereits 2018 angeklagt worden. Durch zahlreiche langwierige Verfahren am Landgericht sei die Hauptverhandlung erst im Frühjahr terminiert worden, habe dann wegen der Corona-Pandemie abgesetzt werden müssen. Diese überlange Verfahrensdauer, so der Vorsitzende, gehe nicht zulasten des Angeklagten.

Staatsanwalt Piechaczek kritisiert in seinem Plädoyer diese lange Verzögerung seit der Anklageerhebung sehr differenziert. Die lange Verfahrensdauer sei „nicht die Schuld der Kammer“, vielmehr handele es sich um ein „strukturelles Problem der Justiz“. Im Klartext: Die personelle Ausstattung des Landgerichts lasse zu wünschen übrig.

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