Kinder und Erziehung

Ohne Ende frische Luft: Waldkindergärten sind keine neue, aber in Corona-Zeiten eine besonders gute Idee

Pionierin in Sachen Waldkindergärten: Berit Zeber (links) hat vor 25 Jahren Hessens ersten Waldkindergarten in Gelnhausen gegründet. Heute arbeit ihr Sohn Max (rechts) dort mit und ihre Enkelin Frida ist Teil der 40-köpfigen Kinderschar.
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Pionierin in Sachen Waldkindergärten: Berit Zeber (links) hat vor 25 Jahren Hessens ersten Waldkindergarten in Gelnhausen gegründet. Heute arbeit ihr Sohn Max (rechts) dort mit und ihre Enkelin Frida ist Teil der 40-köpfigen Kinderschar.

Dass die Corona-Krise erfinderisch macht und Bestehendes neu bewertet wird, zeigt sich in vielen Lebensbereichen – siehe Beispiel Homeoffice. Auch wenn es um die Betreuung von Kindern in Kindertagesstätten geht, wollen einige Gemeinden in der Region nun andere Wege gehen. Waldkita lautet darum eine Antwort auf die Frage, wie Kinder in Zeiten von Corona auch in der kälteren Jahreszeit verlässlich betreut werden können. Dann wären die Gruppen den ganzen Tag an der frischen Luft, werden sozusagen ständig gut durchgelüftet.

Gelnhausen – In Erlensee ist aktuell die Eröffnung einer Naturkita geplant. Corona brachte die Verwaltung auf die Idee, und weil die Gemeinde keine geeignete Waldfläche hat, soll die Kita auf einer Naturfläche am Limespark in Langendiebach ihren Standort haben. Zuerst ohne Bauwagen, der soll erst Anfang nächsten Jahres kommen, so die Info aus der Erlenseer Verwaltung.

Auch ohne einen Bauwagen als Rückzugsort ging Berit Zeber erstmals 1996 mit 13 Kindern in den Wald bei Gelnhausen. Auf einem Bollerwagen hatte sie das Nötigste dabei: Trinkwasser, Erste-Hilfe-Kasten, Planen gegen den Regen. „Es war damals sehr schwierig, es gab noch keine Waldkitas“, erzählt die heute 50-jährige Erzieherin bei einem Rundgang über das Gelände ihrer ersten Einrichtung, die auf einer Streuobstwiese am Waldrand am Gelnhäuser Blockhaus liegt.

Heute betreibt Zeber vier Waldkitas in der Region, betreut dort insgesamt über 100 Kinder. Wurde die Pionierin vor 25 Jahren noch für ihre Idee belächelt, mit Kindern in den Wald zu gehen und sie dort pädagogisch zu betreuen, berät sie heute Fachbereichsleiter von Kommunen und Erzieherinnen, die alle wissen wollen, wie sie am besten eine Waldkita aufbauen können. Auch eine Delegation aus Erlensee war schon in Gelnhausen, um sich Idee und Eindrücke für ihre Naturkita zu holen. Vertreter aus den Kommunen Bad Orb, Bad Soden-Salmünster und Biebergmünd hatte Zeber auch schon zu Besuch.

Kaum Spielzeug in der Waldkita - Kinder spielen mit Dingen, die sie in der Natur finden

Aktuell spielen und toben 40 Kinder in der Waldkita Gelnhausen. Ein großer roter Bauwagen ist das Zentrum des leicht abschüssigen Geländes, das zum Rennen, Erkunden und einfach in die Weite schauen einlädt. Auf einem Baumstamm stehen zwei Kinder und halten Stöcke in der Hand. „Wir haben kaum Spielzeug, die Kinder spielen mit dem, was sie in der Natur finden und zusammenbasteln“, erzählt Zeber. Das fördert die Phantasie und Eigenständigkeit der Kinder. So werden große Baumstämme, die auf dem Boden liegen nicht nur zu Pferden, sondern auch mal zu Raumschiffen. „Das war während der Star-Wars-Phase einiger Jungs“, lacht Zeber.

Insgesamt beschäftigt sie mittlerweile knapp 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihren vier Standorten in Roth, Höchst, Gelnhausen und Linsengericht. Warum sich die Idee der Waldkitas immer weiter verbreitet? Weil sich mittlerweile bei den meisten Eltern das Wissen um die positiven Einflüsse der Naturpädagogik auf die Kinder durchgesetzt habe, sagt Zeber. „Sie sehen, dass es ihrem Kind guttut, die Freiheit zu haben, mit einer Gruppe draußen zu sein und spielen zu können.“

Waren früher die Lehrer an den Grundschulen skeptisch gegenüber Kindern, die nur einen Waldkindergarten besucht haben, so habe sich diese Einstellung mittlerweile sehr verändert, berichtet Zerber, die selbst vier Kinder hat. „Mittlerweile sind die Lehrer froh, wenn ein Wald-Kind in ihre Klasse kommt, weil diese Kinder sehr sozial sind.“ Auch für traumatisierte Kinder, die beispielsweise keine engen Räume vertragen oder Probleme mit ihren Gefühlen haben, sei die Natur eine Wohltat. „Der Wald ist grenzenlos und hat Raum für alle Gefühle.“

Standort sei für eine gute Waldkita entscheidend

Ab dem kommenden Jahr will Zerber verstärkt Fortbildungen im Bereich Naturpädagogik anbieten, damit Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher mehr Einblicke in die Arbeit der Waldkita erhalten. Und dann in ihren Kommunen vielleicht auch eine solche Kita aufbauen können. Für die Kommune würde sich die Gründung einer Waldkita alleine aus finanzieller Sicht lohnen, meint Zerber. Würde der Bau einer normalen Kita je nach Gruppengröße mehrere Million Euro kosten, koste eine Waldkita mit vier Gruppen nur rund 350 000 Euro und wäre auch viel schneller zu realisieren. „Meine letzte Kita in Linsengericht wurde innerhalb eines knappen Jahres gegründet.“ Die Waldkita in Linsengericht-Eidengesäß eröffnete im Herbst vor zwei Jahren. „Wichtig ist ein guter Standort“, gibt Zerber Tipps. Das Allerwichtigste sei dabei natürlich ein naher Zugang zum Wald. Auch sollte das Gelände so gelegen sein, dass es am Vormittag in der Sonne liegt. „Es muss auch gut anzufahren sein für die Eltern, und ausreichend Parkplätze bieten.“ Aber es müsste nicht immer ein Wald wie in Gelnhausen sein. Schließlich gebe es in größeren Städten auch naturnahes Brachgelände, das sich für eine Naturkita nutzen ließe. „Das muss so sein, dass die Natur da wirken darf.“

Corona hat auch am Waldkindergarten in Gelnhausen Spuren hinterlassen, so steht am Eingang ein Spender mit Desinfektionsmitteln. Aber ansonsten trägt natürlich die frische Luft ihren Teil dazu bei, die Kinder und Betreuer vor dem Virus zu schützen.

Info zu den Waldkitas

Der Verein Waldkindergarten Gelnhausen betreibt vier Waldkindergärten – am Blockhaus, in Roth und in Höchst sowie in Linsengericht-Eidengesäß.

Zeber, die als die Vorreiterin der Waldkindergärten in Hessen gilt (sie hat auch als Erste eine Waldgruppe für Kinder unter drei Jahren angeboten), sieht andere große Probleme am Horizont: „Der Wald stirbt“, sagt sie schnörkellos.

Kinder lernen in der Waldkita die Abläufe in der Natur

Mit den Kindern sieht sie die Schäden, die der Borkenkäfer anrichtet. An einem Platz mitten im Wald, wo die Gruppe früher einen Haltepunkt hatte, sind die Schäden jetzt schon massiv. „Da sind alle Fichten weg“, erzählt sie beim Gang zwischen hohen Bäumen am Waldrand. „Der Wald wird sich verändern, denn die Buchen und Fichten sterben alle.“ Und schon die jüngeren Kinder wissen, dass Fichten Harz gegen den Borkenkäfer absondern, diesen Harz aber nur entwickeln können, wenn sie genug Wasser haben. „Die Fichte wehrt sich“, sagen schon die Jüngsten dann.

„Man kann nur etwas schützen, zu dem man eine Beziehung hat“, sagt Zeber. Darum sieht sie ihre Arbeit mit den Kindern auch als Beitrag zum Umweltschutz und gegen den Klimawandel. Und würde gerne auch für Grundschulkinder einen Wald-Hort anbieten. „Mit Tipi und Bauwagen.“ Gerade in diesem Alter bräuchten die Kinder viel Bewegung. Noch ist das Zukunftsmusik, aber Zerbes hat schon vieles verwirklicht und zum Erfolg gebracht, was andere zuerst belächelt haben. In erster Linie sollen die Kinder aber im Wald und in der Natur glücklich sein und sich geborgen fühlen, betont sie. (Von Monica Bielesch)

Weitere Waldkitas

In der Region gibt es außerdem Waldkindergärten auf dem Gelände des Jugendwaldheims in Hasselroth-Niedermittlau und in Langenselbold auf dem großen Buchberg sowie den Waldkindergarten Purzelbäume in Ronneburg.

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