Sekten-Prozess

Paukenschlag nach dem Mordurteil: Jetzt sitzt auch Jans Mutter hinter Gittern und erwartet die Anklage

Eingeliefert: Die Mutter des vor 32 Jahren ermordeten Kindes ist zunächst in das Gefängnis in Chemnitz gebracht worden. 
Arch
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Eingeliefert: Die Mutter des vor 32 Jahren ermordeten Kindes ist zunächst in das Gefängnis in Chemnitz gebracht worden. Arch

Es war das Ende eines langwierigen Prozesses: Sylvia D. wurde wegen Mordes an dem damals vierjährigen Jan H. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Doch nun soll auch die Mutter des ermordeten Jungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Hanau/Leipzig –Das beeindruckende Urteil des Schwurgerichts gegen die 73-jährige Sektenanführerin Sylvia D. ist nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Hanau noch nicht das Ende des seit 2015 laufenden Mammutverfahrens um den Tod des vierjährigen Jan H., der am 17. August 1988 an der Keplerstraße in einem verschnürten Leinensack qualvoll gestorben ist.

Ermordet von D. – aus niedrigen Beweggründen, wie es die 1. Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Dr. Peter Graßmück am Donnerstag festgestellt und eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt hat. Nun soll nach dem Willen der Anklagebehörde auch die Mutter des Kindes zur Rechenschaft gezogen werden.

Deshalb sitzt Claudia H. (59) seit dem Wochenende in Untersuchungshaft. Der schwere Vorwurf: Beihilfe zum Mord. „Der Untersuchungshaftbefehl des Amtsgerichts Hanau ist vom Ermittlungsrichter in Leipzig verkündet worden. Frau H. befindet sich auf dem Weg in die JVA Chemnitz“, berichtet Staatsanwältin Lisa Pohlmann am Samstagnachmittag. In den nächsten Tagen soll die 59-Jährige der hessischen Justiz überstellt werden, so die Pressesprecherin weiter.

Nach dem Sektenprozess: Mutter des in Hanau getöteten Jungen wird am Freitagabend festgenommen

Am Freitagabend ergreifen Polizisten die promovierte Biologin, die als Geschäftsführerin in der von D. und ihrem Mann gegründeten Medienproduktionsfirma in Hanau arbeitet. Offenbar befindet sich Claudia H. an diesem Abend auf einer geschäftlichen Reise in der sächsischen Metropole. Gegen 20.30 Uhr wird sie in einem Hotel im Leipziger Stadtteil Gohlis festgenommen.

Keine 36 Stunden zuvor ist Sektenanführerin D. verurteilt und auf Befehl des Landgerichts ins Frauengefängnis abgeführt worden. Offenbar hat die Staatsanwaltschaft Hanau nach dem Schuldspruch gegen D. nicht gezögert, um einen Haftbefehl gegen die Kindesmutter zu beantragen.

Das Vorgehen der Anklagebehörde erscheint konsequent, denn der Vorsitzende Richter hat in der Urteilsbegründung festgestellt, dass H. ihren Sohn an diesem Tag im Bad in einen Leinensack gesteckt, ihn D. überlassen hat und dann mit D.s Mann auf den Hanauer Wochenmarkt gefahren ist. Bei der Rückkehr war der Vierjährige bereits durch eine durch Sauerstoffmangel eingetretene Bewusstlosigkeit an Erbrochenem erstickt.

Richter des Landgerichts Hanau hatte die Eltern des Opfers während des Sektenprozesses kritisiert

Zudem hat die Kammer in ihrem Urteil auch Claudia H. und ihrem Mann schwere Vorwürfe gemacht. Beide hätten der Angeklagten das Kind überlassen, obwohl es offensichtlich vernachlässigt wurde und Gewalt ausgesetzt war. „Das hat uns betroffen gemacht“, so der Vorsitzende Richter.

Mehr noch. Graßmück bezeichnet die Tagebucheinträge von Claudia H. als „niederträchtige Abrechnung eines Erwachsenen mit einem wehrlosen Kind“. Außerdem stellt das Schwurgericht fest, dass die Gruppe um D. mit allen Mitteln versucht habe, das Verbrechen zu verschleiern. Den Fall nennt Graßmück „gruselig“.

Die Aussagen, die Claudia H. vor rund elf Monaten als Zeugin gemacht hat, dürften nun erneut in den Fokus rücken. Die Tatsache, dass Vater und Mutter des getöteten Buben nicht als Nebenkläger aufgetreten sind, hat fast jeden im Schwurgerichtssaal erstaunt. Die Tagebucheinträge von H., sind es dann, die erschüttern.

Mutter des Opfers wurde mehrere Stunden während des Sektenprozesses vor dem Landgericht Hanau verhört

Rückblende: Im Oktober und November vergangenen Jahres wird H. an vier Verhandlungstagen jeweils über mehrere Stunden vernommen. Völlig emotionslos berichtet die Mutter über das Geschehen, versucht verzweifelt, alle Vorwürfe gegen Sylvia D. zu entkräften.

So habe sie „nie Bedenken gehabt, Jan in ihre Obhut zu geben. Sie hatte alle Kinder lieb“. Dieses Zitat aus der öffentlichen Verhandlung ist besonders bemerkenswert, denn es ist einer der wenigen Momente, in dem sie ihren Sohn überhaupt beim Namen nennt – ansonsten redet sie in den mehrstündigen Vernehmungen nur von „dem Kind“.

Keine 24 Stunden nach dem Tod notiert H: „Der Alte hat gestern unseren Jan geholt.“ Damit soll Gott gemeint sein. Nirgendwo ein Wort der Trauer, eher ein von abstrusen Glaubensvorstellungen geleiteter, eiskalter und minutiöser „Bericht“, Sie bedauert lediglich, dass die ganzen Jahre über versucht worden sei, Jans „Wahn zu bremsen“.

Hanau: Mutter bezeichnete ihren eigenen Sohn als „sadistisch“

Dass ihr Sohn kaum spricht, sich mit vier Jahren regelmäßig einnässt oder einkotet, weiß sie – scheint sie jedoch nicht weiter zu stören. „Er war nassgepinkelt, wie in den Tagen zuvor (. . .) er fing an zu toben wie ein Wilder.“ Das schreibt die Mutter einen Tag später in ihr Tagebuch und bezeichnet darin ihren eigenen Sohn als „sadistisch“.

An der Echtheit dieser Notizen besteht kaum ein begründeter Zweifel, denn H. selbst bestätigt dem Gericht: „Das ist mein Tagebuch, ich habe es für mich notiert.“

Und sie bestätigt als Zeugin ebenso, dass Jan „im Badezimmer, zwischen Tür und Badewanne in einem Sack“ schlafen musste. „Damit der nicht herumtollt“, lautet ihre Begründung.

Akten noch nicht geschlossen: Oberstaatsanwalt Dominik Mies bei der Urteilsverkündung.

Auf gezielte Nachfragen weicht sie jedoch immer mehr aus: „Ich weiß es nicht“ und „Ich kann mich nicht daran erinnern“, sind die Standardsätze.

Sylvia D. wird dagegen immer wieder von ihr „gepriesen“. Ihre Aussage: „Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so unkompliziert und selbstlos ist wie Sylvia D.“

Hanau: Es soll starke Abhängigkeiten zu der Sektenführerin gegeben haben

Dass es zwischen den Familien D. und H. mehr als nur eine freundschaftliche und wie auch immer geartete spirituelle Beziehung gibt, in der D. ihren angeblichen direkten Draht zu Gott ausgenutzt hat, hat das Gericht am Donnerstag ebenfalls festgestellt. Neben den wirtschaftlichen Verflechtungen um das gemeinsame Unternehmen habe es auch eine sexuelle Abhängigkeit gegeben. Diese „Energiezeiten“ wurden beispielsweise wie in einem „Stundenplan“ zwischen 10.30 und 0.30 Uhr festgelegt.

Wie geht es jetzt weiter? Zunächst handelt es sich um ein völlig neues Ermittlungsverfahren. Durch den Untersuchungshaftbefehl ist H. nun Beschuldigte. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Nun wird die Staatsanwaltschaft Anklage bei der Schwurgerichtskammer erheben. Die Richter entscheiden über die Eröffnung des Hauptverfahrens. Geschieht das und bleibt H. weiter in Untersuchungshaft, müsste ein neuer Prozess um den Tod des kleinen Jan spätestens Ende März beginnen.

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