Corona-Pandemie

Pflegekräfte in Kliniken gehen leer aus: Längere Wege, verärgerte Patienten

Wer positiv auf Corona getestet wurde, muss in Schutzkleidung versorgt werden und in einem isolierten Intensivbett-Zimmer liegen wie hier in der Asklepios Klinik im bayerischen Gauting.
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Wer positiv auf Corona getestet wurde, muss in Schutzkleidung versorgt werden und in einem isolierten Intensivbett-Zimmer liegen wie hier in der Asklepios Klinik im bayerischen Gauting.

Die Corona-Pandemie erschwert auch in den beiden Hanauer Krankenhäusern den Arbeitsalltag für die Beschäftigten und sorgt für geringere Einnahmen. Jetzt steigen die Fallzahlen und die Sorge wächst. Menschen meiden aus Unsicherheit oder Vorsicht die Kliniken und schieben Operationen auf. Quarantänemaßnahmen führen zu Bettensperrungen. Denn angesichts zunehmender Erkältungskrankheiten dürfen sowohl im katholischen St.-Vinzenz-Krankenhaus als auch im städtischen Klinikum Mitarbeiter aus Vorsicht nicht zum Dienst erscheinen – was die Personalsituation weiter verschärft.

Hanau – Auch die Geduld der Patienten, so berichtet Pflegedienstleiterin Jutta Berg vom St.-Vinzenz-Krankenhaus, erlahme mittlerweile. Hätten sie anfangs noch mit Verständnis auf die Maßnahmen wie den Besucherstopp reagiert, so seien sie heute oft ungehalten über die strengen Besuchsregelungen.

Das Klinikum Hanau ist durch die Abriegelung des Klinikgeländes sowie die Einrichtung eines Schleusenzeltes nicht mehr frei zugänglich. Im St.-Vinzenz-Krankenhaus wurde ebenfalls zum Schutz der Patienten ein Fieberzelt eingerichtet. Für das Personal in beiden Häusern hat sich der organisatorische Aufwand erhöht, die Wege sind durch die Einrichtung von separaten Covid-Bereichen oder freizuhaltende Betten weiter geworden.

Die Krankenhäuser – hier das Klinikum Hanau – ächzen unter den personellen und finanziellen Belastungen, die die Corona-Pandemie mit sich bringen.

Auf dem gesamten Klinikgelände müssen Beschäftigte stets den Mund-Nasen-Schutz tragen und die gängigen Abstandsregeln einhalten. Im direkten Patientenkontakt tragen die Pflegenden FFP2-Masken und zusätzlich oft noch eine vollständige Schutzausrüstung, was die mitunter körperlich anstrengende Arbeit dauerhaft erschwert.

Wir wollten wissen, wie sich diese Veränderungen bei den Abläufen, Patientenzahlen und Einnahmen im städtischen Klinikum und im katholischen St.-Vinzenz-Krankenhaus ausgewirkt haben. Beide Häuser haben auf unsere Fragen geantwortet.

Wie viele Corona-Erkrankte sind bisher in Ihrem Krankenhaus untergebracht gewesen?
Klinikum: Seit Mitte März haben wir im Klinikum Hanau rund 126 stationäre Covid-19 Patienten behandelt.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Bisher wurden in unserem Krankenhaus 32 Corona-Patienten behandelt.
Wie viele davon beanspruchten eines der Intensivbetten/einen der Beatmungsplätze?
Klinikum: Insgesamt mussten 32 Patienten intensivmedizinisch behandelt und 23 dieser Patienten beatmet werden.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Auf unserer Intensivstation wurde ein Patient intensiv überwacht.
Wie viele Erkrankte sind es aktuell?
Klinikum: Aktuell behandeln wir neun stationäre Covid-19-Patienten. Zwei dieser Patienten benötigen eine intensivmedizinische Behandlung.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Aktuell häufen sich die Verdachtsfälle wieder, und wir haben auch wieder positive Patienten: Ein Covid-Patient liegt auf der Intensivstation; darüber hinaus kein weiterer Covid-Fall und auch kein Covid-Verdachtsfall.
War medizinisches Personal in Quarantäne oder erkrankt?
Klinikum: Auch medizinisches Personal musste sich bereits vermehrt in den Monaten März bis Mai in häusliche Quarantäne begeben. Wir haben frühzeitig begonnen, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums zu testen, was einen hohen Aufwand bedeutete, jedoch maßgeblich zur Sicherheit dieser und der Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten beitragen konnte.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Es mussten immer wieder Mitarbeiterinnen aus allen Berufsgruppen, vor allen Dingen Pflegekräfte und Ärzte, in Quarantäne geschickt werden, überwiegend als Vorsichtsmaßnahme.
Wie problematisch war dies für den laufenden Betrieb?
Klinikum: Der erhöhte Personalbedarf und der zeitweise Ausfall von Mitarbeitern, die sich in Quarantäne begeben mussten, stellte uns vor einen hohen organisatorischen Aufwand und bedeutete in der Patientenbetreuung eine Mehrbelastung, die wir aber alles in allem dank des guten Teamzusammenhalts und der Motivation unserer Mitarbeiter stemmen konnten.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Für den laufenden Betrieb des Krankenhauses war bisher eine Kompensation über andere Mitarbeiter und durch das Herunterfahren der elektiven Eingriffe möglich. Jetzt, da der Rettungsschirm beziehungsweise die Leerstandspauschale zum 30. September endete und die Stationen alle wieder voll im Betrieb sind, sind Quarantänesituationen nicht mehr zu kompensieren, was mitunter eine Bettensperrung zur Folge hat.
Welche finanziellen Hilfen gab es von Bund und Land bisher für die Corona-Versorgung?
Klinikum: Für die durch die Corona-Pandemie entstehende Differenz der Belegungstage im Vergleich zum Vorjahr erhielt das Klinikum bis zum 30. September pro Belegungstag eine Leerstandpauschale von bis zu 560 Euro für freistehende Betten (zum Beispiel abgesagte planbare Behandlungen). Zudem haben die Krankenhäuser zeitweise eine Zulage von 50 Euro pro Patient für die erhöhten Materialkosten im Bereich der Schutzausrüstungen erhalten.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Die finanzielle Hilfe vom Bund bestand zum 30. September in einer Leerstandspauschale und darüber hinaus in einem Zuschlag für die erhöhten Materialaufwendungen (Schutzkleidung) der Corona-Versorgung.
Und wie hoch sind die zugesagten Gelder, die jetzt vom Bundestag beschlossen wurden?
Klinikum: Hierbei ist keine pauschale Aussage möglich, da die genaue Höhe individuell mit den Krankenkassen zu verhandeln ist. Dies stellt für die Krankenhäuser eine erhebliche Unsicherheit dar.
Gibt es Gratifikationen für die Pflegekräfte und wenn ja, in welcher Höhe?
Klinikum: Bisher gab es keine Gratifikationen für die Pflegekräfte. Über die Entscheidung des Bundesrates zur Corona-Prämie für Pflegekräfte, die wegen der Corona-Krise einer besonderen Belastung ausgesetzt waren, von bis zu 1000 Euro liegen uns keine neuen Erkenntnisse vor.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Für die Pflegekräfte in den Krankenhäusern wird nur dann ein Bonus gewährt, wenn bis zum 31. Mai mindestens 21 Covid-Patienten behandelt wurden, dies trifft auf uns nicht zu.
Können Sie schon die Einbußen beziffern, die sich bisher durch Corona für Ihr Haus ergeben?
Klinikum: Die genaue Höhe kann aufgrund der anhaltenden Pandemie, steigender Zahlen und wegfallender Hilfen nicht genau beziffert werden. Wir rechnen jedoch mit einer siebenstelligen Summe. Zum einen müssen wir weiter Betten zur Versorgung von Covid-Patienten freihalten und erhalten keine Ausgleichszahlungen mehr. Hohe Kosten entstehen durch Sicherheitsmaßnahmen wie die Abriegelung des Geländes. Hinzu kommt der Erlösausfall unserer Nebenbetriebe wie Besucherparkplatz und Parkhaus.
St.-Vinzenz-Krankenhaus: Die Einbußen sind extrem schwer zu beziffern. Der Großteil entsteht den Kliniken voraussichtlich daraus, dass die Ausgleichszahlungen für Einnahmeausfälle zum 30. September endeten, die Belegung der Häuser aber weiterhin geringer ist als üblich, unter anderem, weil Quarantänemaßnahmen immer wieder zu Bettensperrungen führen. Die bisher gezahlten Ausgleichszahlungen werden aufgezehrt durch den drastisch erhöhten Verbrauch von Schutzausrüstungen. In allen Bereichen müssen Mitarbeiter geschützt durch Mund-Nasen-Schutz – sprich FFP2-Masken – die Patienten versorgen. Hinzu kommen ein Fieberzelt und die Sicherung der Stationsbereiche. Die Ausgleichszahlungen scheinen nicht ausreichend, um die Erlösausfälle aus der verringerten Belegung aufzufangen.
Im St.-Vinzenz-Krankenhaus führen Quarantänemaßnahmen immer wieder zu Bettensperrungen.

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