Erkenntnisse über Märchen

Professor Heinz Rölleke: Grimms taten Stiefmüttern bitter Unrecht

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Stammgast bei den Festspielen: Heinz Rölleke.

Alte Geschichten ausgraben, niederschreiben und unsterblich machen. Möglicherweise hätte das gereicht, um den Brüdern Grimm bleibenden Ruhm zu sichern. Laut Heinz Rölleke haben Jakob und Wilhelm allerdings weit mehr getan.

Hanau – In den Volks- und Hausmärchen hat der Zeitgeist zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Erkenntnissen des weltweit renommierten Grimm-Forschers tiefe Spuren hinterlassen und gewissen sozialen Gruppen - etwa den Stiefmüttern - bitter Unrecht getan.

Seine Wissenschaft, die Germanistik, verdankt dem mittlerweile 82-jährigen Gelehrten viel. Aufgrund seiner Forschungen ist heute bekannt, woher und aus welcher Zeit die meisten Grimm-Märchen ursprünglich stammen. Als Dauergast bei den Hanauer Brüder-Grimm-Festspielen betätigt sich Rölleke jedes Jahr als Künstler – eine Art Magier im Rückwärtsgang, der Märchen zu entzaubern und so das Vergnügen daran erstaunlicherweise noch zu steigern vermag.

So verfolgten zahlreiche Zuhörer am Sonntag gespannt und amüsiert, wie sich der Märchenprofessor im Roten Saal von Schloss Philippsruhe „Schneewittchen“ vorknöpfte – bestenfalls in zweiter Linie, so viel war schnell klar, eine Geschichte für Kinder und als solche Ursprung bleibender Schäden. Den Grimms, meint Rölleke, verdankt die Welt das Klischee der bösen Stiefmutter. Im ursprünglichen Volksmärchen aus dem 16. Jahrhundert und mehreren ähnlichen Sagen trachte die leibliche Mutter, getrieben von Neid und Eifersucht, die Tochter aus dem Weg zu schaffen. So etwas ging nun gar nicht in der deutschen Klassik mit ihrem sakrosankten Mutterbild.

Mindestens ein halbes Dutzend Märchen haben die Grimms, besonders Jakob, laut Rölleke so den gängigen Vorstellungen ihrer Epoche angepasst und „diesen armen Frauen“, den Stiefmüttern, „gewiss einen Bärendienst erwiesen“. Die Idee sozialer Gerechtigkeit macht der Professor als weiteres Zeitzeichen aus: In der Zwergenhütte nascht Schneewittchen von allen sieben Tellerlein, um niemandem die ganze Mahlzeit zu stehlen. Ähnlich handelt später jener Wichtel, dessen Bettchen die Dame in Beschlag nimmt: Stundenweise und reihum nächtigt er bei den Kollegen und verschafft so allen eine gleichermaßen unruhige Nacht – kollektiv unbequem, aber gerecht.

Den derart erhobenen pädagogischen Zeigefinger hat der Professor als Verbindungsglied zwischen Grimm-Märchen ausgemacht, soweit es darin - wie in „Schneewittchen“, „Dornröschen“ und „Frau Holle“ - um Reifeprüfungen für junge Mädchen geht. Tüchtig, fleißig im Haushalt, fair im Umgang mit den Zwergen hält sich Schneewittchen zunächst glänzend, versagt aber, wo es um Demut und Mäßigung geht. Die Strafe ist der Todesschlaf als Geduldsprobe, bevor der obligatorische Prinz erscheint.

Gleichfalls vom Lebensgefühl ihrer Zeit gefärbt haben die Brüder Grimm der Nachwelt die „Bremer Stadtmusikanten“ vorgestellt. An Geschichten über Außenseiter, die gemeinsam stärker sind, sei die europäische Überlieferung reich, weiß der Professor. Mit Esel, Katze, Hund und Hahn sei indessen ein Quartett von Unterprivilegierten beisammen, das im Gesellschaftsbild der 1830er Jahre eine verblüffend genaue Entsprechung finde.

„Literatur von unten“, sagt Rölleke und erklärt, warum dieses Märchen – bei Grimms die Ausnahme – in einer real existierenden Stadt verortet ist. Demnach war der westfälische Adelige, der den Brüdern die Erzählung zukommen ließ, auf Bremen nicht gut zu sprechen, wollte sich die Bürgerstadt doch eine Musikkapelle zulegen, was damals noch als Vorrecht des Adels galt. Den Grimms, so meint Rölleke, sei wohl entgangen, dass ihr Gewährsmann ihnen da eine von ihm eigenhändig manipulierte Satire-Fabel unterjubelte.

Von Oliver Klemt

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