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Prozess um Gewaltexzess: Scharfe Bilder, undeutliche Aussage

Tatort Freiheitsplatz: Ein Team der Spurensicherung versucht, den Beginn des Gewaltexzesses in der Innenstadt zu rekonstruieren. 
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Tatort Freiheitsplatz: Ein Team der Spurensicherung versucht, den Beginn des Gewaltexzesses in der Innenstadt zu rekonstruieren.

Im Frühjahr 2020 kam es in der Hanauer Innenstadt zu einem Gewaltexzess. Nun will das Gericht die Hintergründe klären. Doch dies erweist sich als schwierige Angelegenheit.

Hanau – Das Foto aus einer der Überwachungskameras am Freiheitsplatz ist im Dunkeln aufgenommen, aber gestochen scharf und zeigt ein Pärchen auf dem Busbahnhof. „Das sind wir. Mein Freund und ich“, bestätigt die Zeugin, die auf der Bühne des Paul-Hindemith-Saals des Congress Parks auf dem Zeugenstuhl sitzt.

Die 27-Jährige ist wohl die Einzige, die den Gewaltexzess vom 28. April von Anfang bis zum blutigen Ende als unbeteiligte Augenzeugin mitbekommen hat. Ihr Freund Erlando H. sitzt derweil am vierten Verhandlungstag im Saal auf der Anklagebank.

Kein geregelter Tagesablauf in der Wohnung des Paares

Die Situation ist der jungen Dame sichtlich unangenehm. Vor allem die weiteren Bilder, die vom Gericht auf die große Leinwand projiziert werden. Dort ist ein Mann zu sehen, der zunächst mit seiner Hose beschäftigt ist und dann auf der Finanzamtsseite des Platzes gegen eine der Bäume uriniert. „Er hat in unsere Richtung gepinkelt“, sagt die 27-Jährige aus. Dieses provozierende Verhalten ist der Auslöser für das Geschehen gewesen.

Dann sei es zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen. Am Ende werden bei dem handfesten Streit zwischen Syrern und Albaner vor dem Klinikum zahlreiche Beteiligte zum Teil lebensgefährlich verletzt – neun von ihnen müssen sich derzeit vor dem Landgericht verantworten, unter anderem wegen versuchten Totschlags.

Mit H. sei sie seit Herbst 2019 „zusammen“, sagt die Zeugin aus. Einen geregelten Tagesablauf habe es in der gemeinsamen Wohnung nicht gegeben. Arbeit? Fehlanzeige.

Zeugin kann sich an wenig Details erinnern

„War er denn die ganze Zeit da?“, will die Vorsitzende Richterin Dr. Katharina Jost wissen. „Ja“, antwortet die 27-Jährige, muss sich jedoch kurz darauf korrigieren: „Von Oktober bis Februar hat er in Untersuchungshaft gesessen, in dieser Zeit war er nicht da.“ Das überrascht einige Juristen im Saal, denn offenbar ist H. in Frankfurt bereits verurteilt worden.

Zwar hat die junge Dame das Geschehen vom Freiheitsplatz über die Langstraße und die „Schlägerei“ vor dem Klinikum aus nächster Nähe mitbekommen, allerdings kann sie sich an überraschend wenig erinnern – und sie scheint es mit der Wahrheit nicht ganz so genau zu nehmen.

Denn während bislang zahlreiche Beteiligte von Messern auf beiden Seiten gesprochen hatten, will sie diese nicht gesehen haben. Überhaupt habe ihr Freund niemals ein Messer besessen, behauptet die Frau standhaft. Nur dass die „gegnerische Seite“ mit „langen Stöcken“ und angeblich einem Baseballschläger bewaffnet gewesen sei, daran kann sie sich recht rege erinnern.

Zeugin soll weiter befragt werden

Allerdings habe ihr Freund schließlich „mehrere Stichverletzungen“ gehabt, die sie versorgt habe. Leicht zu erkennen: Diese Zeugin sagt eindeutig für die „albanische Seite“ aus, spricht mehrfach davon, dass „wir überfallen wurden“ und es ihren Freunden lediglich darum gegangen sei, sich zu „verteidigen“. Dann schwenkt sie um und bezeichnet das Geschehen wieder als „Schlägerei“, an der beide Seiten beteiligt gewesen seien.

Am Montag, wenn der Prozess fortgesetzt wird, soll die Zeugin weiter zu den Geschehnissen befragt werden.

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