Gerichtsverfahren

„Wir wurden verraten und verkauft“ – Ehemalige Kleiderfabrik-Mitarbeiterin erhebt Vorwürfe

„Das war beschämend und demütigend“: Christine Meyer schaut auf die „Villa“ der ehemaligen Kleiderfabrik, für die sie über 30 Jahre gearbeitet hatte.
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„Das war beschämend und demütigend“: Christine Meyer schaut auf die „Villa“ der ehemaligen Kleiderfabrik, für die sie über 30 Jahre gearbeitet hatte.

Seit April stehen die Chefs der Herrenkleiderfabrik J. Philipp in Wilhelmsbad vor dem Landgericht Hanau. Eine ehemalige Mitarbeiterin erinnert sich.

Hanau - Seit April müssen sich vier Chefs der Herrenkleiderfabrik J. Philipp in Wilhelmsbad wegen der Vorwürfe des Bankrotts sowie der Insolvenzverschleppung vor der Wirtschaftsstrafkammer am Hanauer Landgericht verantworten. Doch was ist aus den Angestellten geworden? Sie standen im Frühjahr 2015 von einem Tag auf den anderen auf der Straße. Gekündigt, ohne Sozialplan, ohne Abfindung.

Christine Meyer (Name geändert) ist eine von ihnen. Sie steht an der Hochstädter Landstraße und blickt auf das ehemalige Firmengelände des weit über die Grenzen der Stadt bekannten Unternehmens. Dort sind derzeit Bauarbeiter damit beschäftigt, den neuen Wohnpark zu errichten. Geblieben ist nur der Name „Wohnpark Kleiderfabrik“.

Geblieben ist aber auch das alte Verwaltungsgebäude der in den 1930er Jahren gegründeten Firma. Es steht unter Denkmalschutz. „Das war unsere Verwaltung, das Gebäude wurde bei uns im Werk "die Villa" genannt“, berichtet die 59-Jährige, die sich erinnert: „Ich habe dort im September 1982 als Auszubildende begonnen, meine Lehre als Bürokauffrau nach zwei Jahren abgeschlossen. Später bin ich zur Chefsekretärin ernannt worden.“

Gebäude der Fabrik in Hanau: Für Meyer „eine schöne Zeit“

Mit dem Gebäude verbindet sie heute noch „eine großteils schöne Zeit in dem Unternehmen“. Doch die endete abrupt: „Bis dann die ganze Katastrophe über uns hereingebrochen ist“, sagt Meyer. Zunächst habe es die Übernahme durch das Unternehmen Clinton aus Hoppegarten bei Berlin gegeben. „Es wurden zunächst große Lobreden geschwungen. Die Herren aus Hoppegarten kamen immer und haben und gesagt: "Wir machen die Firma wieder ganz groß. Wir werden hier eine Menge Geld investieren"“.

Doch für sie sind das am Ende nur leere Manager-Luftblasen gewesen. Im Herbst 2014 spitzte sich alles zu. „Herr V., unser damaliger Geschäftsführer hat teilweise stundenlang mit Berlin telefoniert, als ob er nichts alleine entscheiden könnte. Wegen jeder Kleinigkeit, als ob er alle Befehle aus Hoppegarten bekommt.“ Meyer spürte als eine der ersten, wohin die Reise geht: „Ich wurde plötzlich in ein anderes Gebäude umgesiedelt. Sehr wahrscheinlich mit dem Gedanken, dass ich in der Villa keine Interna mitbekommen kann. Dann wurden mir alle Hauptaufgabengebiete entzogen.“

Pleite der Firma wird nun vor dem Landgericht Hanau unter die Lupe genommen

Im Nachhinein ergibt sich für sie ein klareres Bild: „Zuerst erschien es nur so, als ob die unser Know-how in Hanau abziehen wollten für den Betrieb in Hoppegarten. Ich bin mir heute aber sicher, dass diese Firmenbeerdigung von langer Hand geplant gewesen ist.“ Die Folgen für die langjährige Mitarbeiterin: „Ich saß acht Stunden ohne eine Aufgabe in meinem Büro. Das war beschämend und demütigend, denn mein Dienst ist jahrelang immer geschätzt worden. Plötzlich so degradiert worden zu sein, hat sehr wehgetan.“ Die gesundheitlichen Folgen des Mobbings für Meyer: Sie ist im Krankenstand. „Es hat lange gedauert, aber zum Glück geht es mir langsam wieder besser“, sagt sie heute.

Dass die Pleite ihrer ehemaligen Firma nun vor dem Landgericht Hanau unter die Lupe genommen wird, erfüllt sie keineswegs mit Rachegedanken. „Damit habe ich nach über sechs Jahren gar nicht mehr gerechnet. Doch ich finde das toll und es macht mich richtig froh, dass die Sache nicht im Sande verlaufen ist, sondern dass die Staatsanwaltschaft weiter ermittelt hat.“

Verfahren um die Kleiderfabrik aus Hanau: Meyer hat keine großen Erwartungen

Auch die Arbeit von Insolvenzverwalter Frank Schmitt lobt sie. „Als er kam, waren wir froh, dass sich endlich jemand, der vom Staat eingesetzt wurde, um uns kümmert. Wir haben ihm sogar applaudiert.“ Schmitt hatte aber keine Chance, die bereits ausgeräumte Fabrik ohne Maschinenpark zu retten. Aber er hat die Zahlen zusammengetragen und ist nun einer der wichtigsten Zeugen in dem Strafprozess gegen die Ex-Chefs.

Meyer verknüpft „keine große Erwartungen“ an den Ausgang des Verfahrens. „Alleine schon die Tatsache, dass die Herrschaften für jeden Verhandlungstag von Berlin nach Hanau reisen müssen – ich kenne die Herrschaften. Sie waren so arrogant zu uns. Alleine das ist Genugtuung für mich.“

Meyer erhebt schwere Vorwürfe gegen die ehemaligen Chefs der Kleiderfabrik aus Hanau

Meyer ist wohl nicht die einzige. „Für viele von uns war es wie ein Schlag in die Magengrube. Es gab Kollegen, die noch viel länger bei Philipp waren. 40 Jahre und teilweise noch länger. Wir haben keinen Cent bekommen. Weder Insolvenzgeld noch eine Abfindung. Gar nichts. Viele von uns standen plötzlich vor dem Nichts.“ Den Prozess vor dem Landgericht werde sie weiter verfolgen. Sie überlässt es den Richtern, ob es am Ende etwas Strafrechtliches zu be- oder verurteilen gibt.

Die 59-Jährige hat längst einen Schlussstrich gezogen und kommt zu einem moralischen Urteil, das sehr eindeutig ausfällt: „Wir wurden verraten und verkauft. Das war einfach unmenschlich, wie mit uns umgegangen wurde. Es wurde nie an die Mitarbeiter gedacht . . . Die sind über Leichen gegangen.“

Kleiderfabrik aus Hanau: Prozess geht weiter

Derweil lief der Prozess um die Pleite der Herrenkleiderfabrik Philipp weiter. Zwei Stunden dauert die Aussage von Jürgen F., dem Chef der Firma Clinton bei Berlin. Der 58-Jährige liest Seite um Seite vor. Seine Einlassung hat er sogar in einem Aktenordner zusammengefasst – mit vielen Anlagen, die sein Anwalt der Strafkammer überreicht. F. alle Anklagevorwürfe der Insolvenzverschleppung und des Bankrotts von sich und betont immer die großen Ziele, die er und sein Bruder gehabt hätten, als sie das Hanauer Traditionsunternehmen übernommen haben. „Wir sind angetreten, eine neue Camp-David-Welt zu schaffen“, betont F. und berichtet intensiv über Treffen mit wichtigen Designern und Ikonen für das Modelabel, für das auch Dieter Bohlen wirbt. „Ich habe ihn aber noch nie persönlich getroffen.

“Die Vision von F. im Jahr 2013: „Wir wollten aus Hanau eine neue schwarze Welt machen.“ Angesichts der Tatsache, dass bei Philipp 2015 die Lichter an der Hochstädter Landstraße ausgingen und es ein düsteres Ende wurde, könnte das makaber klingen. Doch als „schwarze Welt“ ist in der Fachsprache die Produktion seriöser Herrenkollektionen gemeint. In Hanau, so der Plan, sollten künftig keine Anzüge von der Stange mehr produziert werden – nur noch extravagante Maßarbeiten. „Ganz nah an Frankfurt mit den vielen Anzugträgern.“ Das Geschäftsmodell hätte sich am Ende gerechnet, zusammen mit dem damals bei den regionalen Kunden beliebten Werksverkauf, der einen jährlichen Umsatz von zwei Millionen Euro gehabt hätte.

Kleiderfabrik aus Hanau: „Rest der Firma hat rebelliert“

Doch das Unternehmen sei zuvor schon marode gewesen. Durch die Umstrukturierung hätten rund 30 der 140 Arbeitsplätze wegrationiert werden müssen. Dann seien „die Gewerkschaft und der Betriebsrat“ auf den Plan getreten.  Plötzlich sei das „Klima vergiftet“ gewesen, der „Rest der Firma hat rebelliert“, versucht F., anderen die Mitschuld zu geben und fügt fast schon trotzig hinzu: „Wer nicht gerettet werden will, der ist nicht zu retten.“ Er selbst habe stets Gutes im Sinn gehabt, wiederholt F. fast gebetsmühlenartig und fügt am Ende hinzu: „Ich war persönlich betroffen, es tut mir auch um die Arbeitsplätze persönlich leid.“ Mit dem bitteren Ende habe er selbst aber nichts zu tun gehabt, beteuert er.


Zuvor haben die Verteidiger der vier ehemaligen Geschäftsführer an diesem Verhandlungstag schwere Geschütze aufgefahren und stundenlange Erklärungen abgegeben. Ziel der juristisch ausgefeilten und sogar mit Gleichnissen der griechischen Philosophie gewürzten Frontalangriffe sind die Aussagen des Insolvenzverwalters (wir berichteten) sowie die beiden Wirtschaftsgutachter, die ausgesagt hatten, die Wilhelmsbader Firma könnte sogar bereits Mitte November 2014 pleite gewesen sein.

Kleiderfabrik aus Hanau: Verteidiger fahren schwere Geschütze auf


Das exakte Datum der Zahlungsunfähigkeit ist Kern dieses Strafverfahrens. Denn: Offiziell hatte Dr. S., der letzte Philipp-Geschäftsführer, erst im März 2015 die Insolvenz angemeldet. Inzwischen zeichnet sich ab, dass der Prozess länger dauern könnte als bislang geplant. So hat die Kammer acht weitere Verhandlungstermine bis Anfang Juli anberaumt. (Thorsten Becker)

Wie berichteten bereits vom Prozessauftakt am Landgericht Hanau zum Fall der Herrenkleiderfabrik Philipp aus Hanau.

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