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„Putin ist verrückt“: Ukrainerinnen aus Hanau bangen um Familien

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Von: Kerstin Biehl

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Lyudmyla Taruopolska (links) und Irina Pisarevska sind mit ihren Verwandten in der Heimat über WhatsApp in ständigem Kontakt. Sie hoffen, dass Internet- und Telefonverbindungen stabil bleiben.
Lyudmyla Taruopolska (links) und Irina Pisarevska sind mit ihren Verwandten in der Heimat über WhatsApp in ständigem Kontakt. Sie hoffen, dass Internet- und Telefonverbindungen stabil bleiben. © Kerstin Biehl

Lyudmyla Taruopolska und Irina Pisarevska aus Hanau durchleben schreckliche Stunden und Tage. Per Smartphone halten sie Kontakt in die Ukraine.

Hanau - „Um 5 Uhr morgens hat am Donnerstag mein Handy geklingelt. Ich habe noch geschlafen. Mein Sohn war dran. Seine Worte weiß ich noch genau: ‘Der Krieg ist da’.“ Lyudmyla Taruopolska erzählt mit zitternder Stimme. Die 74-jährige Hanauerin hat zwei Söhne. Beide leben in der Ukraine. Maxim, der Jüngere, hat ihr die Nachricht über Putins Krieg überbracht.

Der 45-Jährige lebt mit Frau und zwei kleinen Kindern im Ballungsraum Dnipro. „Noch ist es dort ruhig“, sagt Taruopolska, die am Freitagmorgen (25.2.2022), kurz vor unserem Gespräch mit Maxim telefoniert hat. „Es gibt einen Keller. Wenn Bomben kommen, gehen sie da runter.“

Vladimir, der ältere Sohn, wohnt in Kiew – dort wo gestern die ersten russischen Truppen eingezogen sind. „Er ist schon am Donnerstag raus aus der Stadt. Schon um 6 Uhr am Morgen hat er Kiew verlassen“, sagt die Rentnerin. Im Auto sei er jetzt unterwegs in Richtung Westukraine. Zu Freunden. „Sie glauben, dass es dort sicherer ist. Weg von den großen Städten.“

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Sie habe sich am Donnerstag erst noch gewundert, darüber, dass Vladimir so schnell die Stadt verlässt. „Jetzt bin ich so froh, dass er die Lage richtig eingeschätzt hat“, sagt Taruopolska. Mit diesen Worten kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Angst habe sie – auch, weil ihre beiden Söhne zur Armee müssen. „Es müssen jetzt alle Männer zwischen 18 und 60 dort hin. Aber was soll das bringen? Meine Söhne sind dafür nicht ausgebildet.“ Doch raus aus der Ukraine, nach Deutschland kommen, können sie auch nicht. Seit Donnerstag dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht mehr verlassen – wegen des angeordneten Militärdiensts.

Lyudmyla Taruopolska, die seit 1998 in Deutschland lebt und damals, gemeinsam mit ihrem Mann, als jüdische Immigrantin in die Grimmstadt kam, ist froh, dass zumindest ihre Enkelin, Vladimirs erwachsene Tochter, in Berlin lebt. „Gestern war sie dort auf einer Friedensdemo.“ Niemand, sagt Taruopolska, die sich im Vorstand der jüdischen Gemeinde in Hanau engagiert, habe gedacht, dass so etwas passieren kann. Sie habe auch viele Verwandte in Russland, die auch nie gedacht hätten, dass Putin so weit gehen würde. „Es ist einfach furchtbar.“

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Auch Irina Pisarevska hält direkten Kontakt in ihr Heimatland. „Mein Ex-Mann, der Vater meiner Tochter, lebt in der Ukraine. Er ist Berufssoldat. Selbst er sagt, dass er nicht wirklich daran geglaubt hat, dass Putin Krieg führen wird – zumindest nicht im kompletten Land.“ Als sie am Donnerstag mit ihm telefonierte, habe er von im Schnitt 50 Männern in der Stunde gesprochen, die sich freiwillig zum Militärdienst melden. Und von langen Menschenschlangen, die anstehen, um Blut zu spenden, für Verwundete.

„Das Problem sind Lebensmittel und Wasser. Die Vorräte werden bald aufgebraucht sein. Putin schürt Panik und Angst“, sagt die 50-Jährige. Auch sie ist seit 1998 in Deutschland, kam ebenfalls als jüdische Immigrantin und ist heute die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Hanau. Pisarevska weiter: „Putin will die Ukraine als Russland haben, er fragt die Ukrainer nicht, ob sie es wollen. Er will es und er macht es. Unberechenbar.“

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Taruopolska: „Niemand kann doch etwas gegen Russland machen. Putin kann jederzeit ein anderes Land angreifen, wenn er schlechte Laune hat.“ Die Russen, sagt sie, hätten genauso Angst. Angst vor Putin. „Sie trauen sich nicht, etwas zu sagen. Denn dann werden sie getötet. Auch die russischen Soldaten haben Angst vor ihm. Und die jetzt verhängten Sanktionen werden nicht viel helfen. Putin hat seine Unterstützer. China, Weißrussland.“

Irina Pisarevska und Lyudmyla Taruopolska tragen ihre Handys jetzt immer bei sich. Vor allem Taruopolska. Sie wartet auf Nachricht von den Söhnen. „Wir telefonieren viele Male am Tag. Bisher geht das noch. Auch das Internet. Aber ich habe Angst. Davor, dass die Verbindung abbricht.“

Gestern Nachmittag schickt Pisarevska noch eine WhatsApp-Sprachnachricht in die Redaktion: „Dnipro wird bombardiert, wir haben Nachricht erhalten.“ Zehn Menschen seien getötet worden, es gebe sehr viele Verletzte. „Wir versuchen, den Kontakt zu den Leuten dort nicht zu verlieren.“ (Von Kerstin Biehl)

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