Zwei Anti-Rassismus-Initiativen geehrt

Anschlag in Hanau: Aachener Friedenspreis geht an zwei Initiativen von Angehörigen

Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat, will die antirassistische Arbeit an Schulen fördern.
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Für ein friedliches Zusammenleben, gegen Rassismus: Serpil Temiz Unvar, Mutter von Ferhat Unvar, will die antirassistische Arbeit an Schulen fördern. Nun wurde ihre Hanauer „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“ zusammen mit der „Initiative 19. Februar Hanau“ mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. (Archivbild)

Der Aachener Friedenspreis geht an zwei Initiativen von Angehörigen der Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau. Beide kämpfen gegen das Vergessen und Verdrängen.

Hanau/Aachen – Der Aachener Friedenspreis 2021 wird an zwei nach den rassistisch motivierten Morden von Hanau gegründete Initiativen sowie eine Frauen-Organisation in Nigeria verliehen. Das teilte der Verein Aachener Friedenspreis am Dienstag (21.09.2021) in Aachen mit. Die mit insgesamt 4000 Euro dotierte Auszeichnung soll am 13. November verliehen werden.

Der Preis für die „Initiative 19. Februar Hanau“ und die „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“, die von den Opfer-Angehörigen gegründet worden sind, solle ein Zeichen der Solidarität und Unterstützung setzen, erklärte der Verein. Die Hinterbliebenen der Morde sorgten mit ihrem Engagement gemeinsam dafür, „dass rassistische Morde im Bewusstsein aller bleiben, damit sich das gesellschaftliche Klima verändert und rassistische Ressentiments nie wieder Menschenleben kosten“, schreibt der Verein des Friedenspreises in seiner Begründung.

Bei dem Terror in Hanau tötete ein 49-Jähriger am 19. Februar 2020 neun Menschen mit ausländischen Wurzeln an zwei Tatorten in der Stadt. Danach erschoss er seine Mutter und sich selbst. Das Bundeskriminalamt klassifiziert den Anschlag von Hanau als rechtsextrem und rassistisch motiviert. Er ist nur einer in einer langen Reihe rassistisch motivierter Anschläge in Deutschland.

 „Initiative 19. Februar Hanau“: Hinterbliebene setzen sich für lückenlose Aufklärung des Anschlags in Hanau ein

Die Bildungsinitiative, die nach einem der Opfer das Hanauer Anschlags benannt und von dessen Mutter, Serpil Temiz Unvar, ins Leben gerufen worden ist, will für das Thema Rassismus an Schulen sensibilisieren und Betroffenen eine Anlaufstelle bieten. Die Initiative hat beispielsweise bereits eine Umfrage zu Rassismus an 13 Schulen gemacht, wird Workshops anbieten, auch für Lehrkräfte, um sie zu sensibilisieren.

Ziel sei es, aufzuklären, Räume für Diskussion zu schaffen, das friedliche Zusammenleben und die Chancengleichheit zu fördern. Dabei sollen junge Menschen zu Experten ausgebildet werden, die sich aktiv gegen Rassismus im Alltag und in Institutionen einsetzen, so die Gründerin Serpil Temiz Unvar.

Die „Initiative 19. Februar“ setzt sich vor allem für die Hinterbliebenen der Opfer ein und drängt auf eine lückenlose Aufklärung der Geschehnisse. „Die Schüsse kamen nicht aus dem Nichts, sondern sind Folge der allgegenwärtigen rechten Hetze und des alltäglichen Rassismus. Doch nicht nur das: Sie sind auch das Ergebnis einer jahrzehntelangen politischen Verharmlosung von Rassismus und rechtem Terror, von fehlender Aufklärung und Vertuschung“, schreiben die Initiatoren der Initiative damals zu ihrer Gründung.

Aachener Friedenspreis für Angehörige der Opfer des Attentats in Hanau

Die Initiative sieht eine „Kette des Versagens vor, während und nach der Tat“, wie die Sprecherin Newroz Duman im Hinblick auf den Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag in Hanau im Interview mit dem Hessischen Rundfunk sagte.

Der Aachener Friedenspreis

Der Aachener Friedenspreis wird seit 1988 vergeben. Der Verein Aachener Friedenspreis hat fast 400 Mitglieder, darunter Einzelpersonen, aber auch die Stadt Aachen und kirchliche Organisationen. Ausgezeichnet werden Menschen und Gruppen aus dem In- und Ausland, die zur Verständigung beitragen Ziel ist es, den Initiativen zu mehr öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen und dadurch die in schwierigen Bedingungen arbeitenden Gruppen vor Repressionen und Gewalt schützen.

Weiterer Preisträger in diesem Jahr ist die Fraueninitiative „Women‘s Interfaith Council“ aus Nigeria. Hier setzen sich muslimische und christliche Frauen für eine Kultur des Friedens ein.

Duman monierte zudem, „dass staatlicherseits keine Verantwortung übernommen wird und dass es keine Konsequenzen geben wird“. Hessen brauche einen Fonds, „der dezidiert für Opfer rechter Gewalt aufgelegt wird“, forderte sie im Gespräch mit dem HR. In unmittelbarer Nähe zu einem der Tatorte in Hanau gründete die Initiative bereits ein soziales Zentrum als Ort für Begegnung und Beratung.

Auch der Verein Aachener Friedenspreis warnte davor, rechte Tendenzen in der Gesellschaft zu bagatellisieren. „Wir müssen uns jeden Tag selbst reflektieren, wo auch wir rassistische Muster in uns tragen“, erklärte Vorstandsmitglied Benedikt Kaleß: „Wir dürfen aber auch die Verharmlosung von rechten Umtrieben nicht länger tolerieren.“ (Julian Dorn)

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