Fleischkonsum

Regionale Metzger verständigen sich auf bessere Bezahlung: Ein Züchter berichtet

Seit die Afrikanische Schweinepest nach Deutschland vorgedrungen ist, stehen die Bauern noch stärker unter Druck, als dies nach dem Fleischskandal bei Tönnies in Niedersachsen und durch die Corona-Krise der Fall war. Um ihnen zu helfen, haben sich Metzger und Händler in der Region auf eine solidarische Aktion verständigt.
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Seit die Afrikanische Schweinepest nach Deutschland vorgedrungen ist, stehen die Bauern noch stärker unter Druck, als dies nach dem Fleischskandal bei Tönnies in Niedersachsen und durch die Corona-Krise der Fall war. Um ihnen zu helfen, haben sich Metzger und Händler in der Region auf eine solidarische Aktion verständigt.

Erhard Schneider sind Schweine von Kindesbeinen an vertraut. Der Landwirt aus Roßdorf wuchs mit den Tieren auf, die damals noch auf der Weide standen. Heute hat der 66-Jährige 120 Zuchtsauen im Stall. Er mästet und verkauft an Metzger und Kunden, die Wert darauf legen, Fleisch aus regionaler Haltung zu beziehen. Für Schneider und seine Kollegen war daher die Initiative von Ralf Kauffeld, Geschäftsführer des Schlachthofs Aschaffenburg, ein Strohhalm in schweren Zeiten: Kauffeld überzeugte seine Kunden davon, den örtlichen Schweinezüchtern anstelle des zurzeit bei 1,27 Euro notierten Kilopreises 1,47 Euro pro Kilo Schweinefleisch zu zahlen – ein Preis, mit dem man „gerade mal so eben über die Runden kommt“, wie der gelernte Metzger Kauffeld aus eigener Erfahrung weiß.

Hanau – Die Diskussionen über Fleischkonsum und Tierzucht reißen nicht ab. Erhard Schneider erinnert daran, dass der Skandal bei der Fleischfabrik Tönnies aufgrund von Corona-Erkrankungen von Mitarbeitern zunächst zu einer geringeren Nachfrage an Schweinefleisch führte. Als China den Import von Schweinen stoppte, ging der Preisverfall weiter. Der Züchter aus Roßdorf denkt an bessere Zeiten zurück: „Wir kamen von einem Preishoch von zwei Euro pro Kilo“, sagt er. Binnen drei Wochen sei der Preis erst auf 1,50 Euro abgesackt und danach durch die Schweinepest weiter abgestürzt auf den Tiefstwert von 1,27 Euro. „Damit kann kein Züchter überleben“, sagen Kauffeld und Schneider übereinstimmend. Laut Schneider, der in dritter Generation im alten Antoniterkloster Schweine züchtet – also dort, wo bereits im 15. Jahrhundert Schweinezucht betrieben wurde – braucht ein Landwirt 1,80 Euro, um seine Kosten zu decken. „Wir sind sehr dankbar, dass die Metzger in der Region und Großkunden wie Eidmann sich solidarisch erklärt haben, und uns freiwillig einen höheren als den notierten Preis bezahlen“, erklärt er (wir berichteten). Damit seien zumindest die ärgsten Härten abgefedert.

Dennoch fragt sich Schneider, wie die Zukunft der Schweinezüchter vor Ort aussehen wird. Sein Sohn ist heute 26 Jahre alt und in den Betrieb eingestiegen. Doch angesichts der Ungewissheit, die immer neue Verordnungen und Pläne von Umwelt- oder Landwirtschaftsministerium verhießen, weiß er nicht, ob sich die Zucht längerfristig lohnt. Als Beispiel führt Schneider das neue Kastrationsgerät mit Narkose an (10 000 Euro), das er gerade angeschafft hat. Die diskutierten neuen Haltungsformen mit mehr Auslauf und Offenstall-Haltung seien mit den bestehenden Ställen nicht umzusetzen. Stelle ein Bauer einen Neubau hin, müsse er die Abschreibung über 30 bis 40 Jahre strecken. „Aber einen Abnahmevertrag über eine so lange Zeit wird uns keiner geben“, ist Schneider überzeugt.

Lokale Anbieter „garantieren Transparenz, gesunde Tiere und kurze Transportwege““

Für Ralf Kauffeld, dessen Eltern einst eine Fleischagentur auf dem Hanauer Schlachthof betrieben, ist es daher ein zentrales Anliegen, dass den Landwirten um die Ecken nicht immer neue Steine in den Weg gelegt werden. „Wir brauchen die regionalen Anbieter. Denn sie garantieren Transparenz, gesunde Tiere und kurze Transportwege“, betont er. Der Kunde wolle heute wissen, woher das Tier stamme, von dem er ein Kotelett oder Schnitzel kauft. Immer neue Skandale in Großbetrieben sorgten dafür, dass zumindest eine Zeit lang Kunden besorgt und auch bereit seien, einen höheren Preis für Qualitätsware zu zahlen. „Leider“, so Kaufeld, „hält dieses Bewusstsein meist nicht sehr lange an.“

Ralf Kauffeld aus Aschaffenburg und sein Sohn wollen die Züchter in der Region mit ihrer Aktion unterstützen.

Daher setzt der Schlachthofleiter auf Aufklärung und auf das, was sich als „Arterhaltung“ bezeichnen ließe. Kleinere Schweinemastbetriebe wie Hruby in Hasselroth, Thomas Stefan in Reichelsheim oder auch Schneider in Roßdorf sollen nach dem Wunsch Kauffelds auch in zwei, fünf oder zehn Jahren noch überlebensfähig sein. „Das geht aber nicht, wenn sie ein Ferkel für 80 Euro gekauft haben und es dann für 120 Euro wieder verkaufen sollen.“ Bei den Landwirten, mit denen der Schlachthofbetreiber zu tun hat, hat er den Satz „dann suche ich mir lieber ‘nen anderen Job“ schon oft gehört.

„Das dürfen wir nicht zulassen“, sagt Kaufeld und ist bereit, sich dafür auch kräftig zu engagieren. Beim regionalen Vermarkter wisse man im Zweifelsfall, dass man einen guten Landwirt vor sich habe, der vernünftig produziere, jeden Tag im Stall stehe und beim Füttern dabei sei. „Ist der Stall einmal leer, weil die Leute aufgegeben haben, fängt keiner mehr an“, hat der Fleischer schon oft erlebt.

Metzger wollen wissen, welches Fleisch sie verkaufen

Auch die Metzger in der Region wollen gerne wissen, was sie ihren Kunden verkaufen. Und das könnten sie, wenn sie die Landwirte persönlich kennen und in Reichweite haben. Laut Kauffeld bezieht etwa die Metzgerei Kraut in Freigericht ihre Schweine vom Betrieb Hruby aus Niedermittlau, die Firma Schmidt in Schöneck bekomme ihr Fleisch von Stelz in Altenstadt.

Auch Erhard Schneider in Roßdorf hat Kunden, die in seiner Nähe wohnen. Die schätzen an ihm, dass er ganz dicht dran ist an seinen Tieren. Er hält sie im „geschlossenen System“, wie er sein Haltungssystem beschreibt. Die Schweine werden bei ihm geboren, großgezogen und verkauft. Schweine von außen kämen nicht dazu, betont er. Denn so werde die Infektionsgefahr gering gehalten. „Ich brauche so gut wie keine Antibiotika“, freut sich der 66-Jährige über seinen gesunden Bestand. Die Tiere werden gefüttert mit Gerste und Weizen aus eigenem Anbau. Die Gerste, die zusätzlich gebraucht wird, kauft er aus Roßdorf dazu.

Gesunde Tiere aus regionaler Haltung: Das bedeutet kurze Transportwege und wenig Stress für die Schweine.

Dass die Tiere maximal 40 Kilometer weit zu den Kunden gefahren werden müssen und ein bis zwei Tage Ruhe haben, bevor sie geschlachtet werden, ist ein weiterer Pluspunkt, den Schneider ins Feld führt.

Wer sich also darüber freut, dass er Fleisch aus regionaler Zucht genießen kann, sollte sich über solche Vorzüge im Klaren sein. Und auch darüber, dass diese nicht mit der Massentierhaltung vergleichbar sind – nicht im Bezug auf das Tierwohl her und auch nicht im Hinblick auf die Preise.

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