4. Dezember 1960

Rückblick: Johnny Cash zu Besuch in Hanau – und keiner erinnert sich daran

Am 25. April 1981 stand Country-Sänger Johnny Cash in Frankfurt auf der Bühne. Vom Auftritt in Hanau gibt es keine
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Am 25. April 1981 stand Country-Sänger Johnny Cash in Frankfurt auf der Bühne. Vom Auftritt in Hanau gibt es keine

Im Jahr 1960 spielte Johnny Cash in Hanau. Doch kaum einer kann sich daran erinnern. Wir haben einen Blick zurück geworfen

Hanau – Kaum einer in Hanau wird sich noch daran erinnern, dass die Country-Legende Johnny Cash hier einst aufgetreten ist. So wie die Zahl derer, die sich noch an die „Amis“ erinnern, im Schwinden begriffen ist, verblasst auch die Erinnerung an die Zeit vor einem halben Jahrhundert, als Hanau noch die größte Garnison der US-Army außerhalb der Vereinigten Staaten war. Heute noch davon Spuren zu finden, ist schwer. Es sei denn, man stößt zufällig im Internet auf ein Datum und einen Ort, eine kurze Notiz in der Vita der Country-Legende aus dem Jahr 1960. Dort steht: „4. December Hanau NCO Club“.

Rund 30 000 Soldaten, GIs im US-Jargon, und deren Angehörige, sowie Legionen von Zivilangestellten umfasste Ende der 1950er Jahre die Hanau Military Community, zu der auch der Fliegerhorst Langendiebach gehörte. Und diese wollten nicht nur über die PX mit Lebensmitteln versorgt werden; die Kinder sollten auch in amerikanische Schulen gehen, und auch für amerikanische Kultur war gesorgt: Kinos gab es in nahezu jeder Kaserne, Theater, freilich nicht solche, wo Shakespeare oder Schiller auf die Bühne kamen, gab es etliche, und in den diversen Clubs der Army gab es regelmäßig Auftritte von mehr oder weniger berühmten Sängern und Entertainern.

Nicht nur am Zahltag waren die GIs allenthalben gern gesehene Gäste. Der Dollar saß locker und war gegenüber der Mark deutlich überbewertet.

Die Army tat inmitten des Kalten Krieges einiges für das Wohlergehen ihrer Soldaten. Aber auch im Hanauer Stadtbild waren die GIs in Uniform und in Zivil deutlich präsent. Nicht nur in den einschlägigen Straßen mit den ebenso einschlägigen „Ami-Lokalen“ war nächtens und vor allem am Zahltag einiges los. Auch in den Geschäften waren die Amerikaner wegen ihre starken Dollars gern gesehene Kunden. Ihre Straßenkreuzer fielen im Stadtverkehr ebenso deutlich auf wie klapprige Rostlauben deutscher Fabrikate mit US-Army-Nummernschild, denn einen TÜV brauchten die „Besatzer“ nicht.

Zum „Kulturleben“ hinter den Kasernentoren gehörte auch eine Reihe von Clubs – von den nur Unteroffizieren vorbehaltenen NCO-Clubs (Roseland) bis zu den EM Clubs, die auch für untere Ränge offen waren, etwa dem Pioneer Club. Es wird wohl der Roseland NCO gewesen sein, in dem Cash auftrat, er war der größte und bekannteste. Quellen über den Auftritt von Cash sind rar. Aber er war da! Was genau hinter den Toren der US-Kasernen passierte, das ist nicht mehr so einfach zu rekonstruieren. Schließlich ist inzwischen in der Stadt eine ganze Generation aufgewachsen, welche die Amerikaner nicht mehr bewusst erlebt hat. Aus dem Stadtbild sind alle Spuren der US-Army verschwunden. Zaghafte Versuche in den letzten Jahren der Army-Präsenz Anfang des Jahrtausends noch schnell so etwas wie einen deutsch-amerikanischen Freundschaftsclub auf die Beine zu stellen, sind längst Geschichte, ebenso wie das über weite Strecken nicht unproblematische Verhältnis zwischen den Deutschen und den Amerikanern.

Die Pioneer-Kaserne in den 1960er Jahren. In der Bildmitte der Pioneer-Club, eine jener Einrichtungen hinter den Kasernentoren, wo die Army den GIs Unterhaltung bot.

Allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz blieb die vielgepriesene deutsch-amerikanische Freundschaft eher Fiktion. Denn vielfach waren die Amis lediglich ein Faktor im Wirtschaftsleben der Region. Zwar konzentrierte sich viel Gastronomie rund um die Kasernen, doch auch in der Innenstadt gab es Quartiere, die meist abends fest in amerikanischer Hand waren. Wo es aber ums Geld geht, da ist echte Freundschaft oft weit weg. Letztlich ging alles um die Dollars der GIs. Ein Dollar war damals 4,20 Mark wert, und in den einschlägigen Kneipen und Bars bekam der GI dafür neben der Gesellschaft gewisser Damen eine Flasche Bier, die anderswo 45 Pfennig kostete. Auf offizieller Ebene waren die Kontakte eher formell. Außer bei Anlässen wie den Empfängen zu Kommandowechseln oder zum Nationalfeiertag trafen sich Stadtspitze und Militärspitze nur, wenn es galt, Probleme zu lösen. Nur bei der Hanauer Polizei gab es offenbar tiefere Freundschaften, was dem Hanauer Polizeichef Lux Hobein zu mehreren Ehren-Sheriff-Titeln und in späteren Jahren sogar zu einem Empfang bei Präsident George Bush Senior verhalf.

In den 1960er Jahren war man als Folge der Bonner Politik der West-Einbindung, die mit der Währungsreform 1948 begonnen hatte, transatlantisch orientiert. Trotz der 1956 einsetzenden Wiederaufrüstung Deutschlands hatte man es sich im Schutze der amerikanischen Waffen im Ost-West-Konflikt auf der richtigen Seite gemütlich gemacht. Der Mauerbau 1961 bekräftigte dies. Charismatische Figuren wie, nein nicht Elvis, Figuren wie John F. Kennedy prägten das Bild der USA. Tausende säumten die Straße zwischen dem Fliegerhorst und Frankfurt, als der Präsident 1963 zum Staatsbesuch kam. Seine Ermordung in Dallas wurde hierzulande mit einer bis dahin nicht gekannten kollektiven Betroffenheit wahrgenommen.

Johnny Cash in einer Aufnahme aus der Frühzeit seiner Karriere. Am 4. Dezember 1960 kam er auf seiner US-Army-Tournee auch nach Hanau.

Doch Mitte der 1960er Jahre erfolgte ein Bruch: Der Vietnamkrieg, der erste per Farbfernseher beinahe in Echtzeit in die Wohnstuben in aller Welt transportierte Krieg, sollte nicht ohne Auswirkungen bleiben. Von den Zehntausenden gefallenen GIs war mancher Schwiegersohn, mancher Schwager eines Deutschen. Über eine persönliche Betroffenheit hinaus stellte sich natürlich die Frage, ob die Freiheit Deutschlands wirklich im Dschungel Vietnams verteidigt wurde, so wie man uns dies seit Jahren wieder vom Hindukusch erzählt. 1975 verloren die Amerikaner den Vietnam-Krieg. Eine daraus folgende Militärreform führte zur Abschaffung der Wehrpflicht, was auch die Struktur der überseeischen Garnisonen der US-Army tiefgreifend verändern sollte.

Damit war auch endgültig die Zeit vorbei, da ein Johnny Cash oder Carl Perkins durch die europäischen Garnisonen der Army tourten. Und Cash war da längst ein Weltstar. Dabei hatte alles in Germany begonnen: 1932 geboren, ging er zur U.S. Air Force, wo er ab 1951 wurde er auf dem Fliegerhorst Landsberg am Lech für den Militärgeheimdienst dem sowjetischen Funkverkehr belauschte. Im Musikhaus Ballach kaufte er für 20 Mark eine Gitarre und gründete seine erste Band, die „Landsberg Barbarians“. Bald trat er regelmäßig in den Clubs der umliegenden US-Garnisonen auf und spielte auch bei Wohltätigkeitsveranstaltungen der US-Army zugunsten hilfsbedürftiger deutscher Kinder. 1954 endete für Sergeant Cash die Zeit in Germany und in der US-Airforce. Doch er sollte zurückkommen.

Nach der Rückkehr in die Staaten hatte er geheiratet, als Elektrogerätevertreter gejobbt und nebenbei seine Band, die „Tennessee Three“, gegründet. Schon 1955 hatte er eine erste Scheibe bei dem legendären Sun-Label veröffentlicht. Als er Ende 1955 im Vorprogramm eines Elvis-Presley-Auftritts spielen konnte, war der Durchbruch geschafft. 1956 wurde er in die Grand Ole Opry in Nashville eingeladen. Das bedeutete den Ritterschlag in der Country Music. Bald war sein Name in den Charts und in aller Munde, und wenn er die Bühne trat mit den Worten: „Hello, I am Johnny Cash!“, dann geriet das Publikum stets aus dem Häuschen. Cash starb 2003, so ziemlich genau, als die US-Army begann, sich aus Europa zurückzuziehen. Aber während die Erinnerung an die Ami-Zeit nicht nur in Hanau schwindet, ist Cash noch immer weltweit unvergessen.

Nicht der Ort, wo Johnny Cash auftrat, aber die Jolly-Bar in der Leipziger Straße war dank ihrer amerikanischen Kundschaft eine der umsatzstärksten Kneipen in Hanau.

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