Kommunalwahl

Einstieg in Politik als Chance: Saida Hashemi kandidiert als Parteilose für die SPD-Liste

Parteimitglied ist sie nicht, aber trotzdem kandidiert Saida Hashemi für die Kommunalwahl auf der Liste der SPD.
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Sie will ins Hanauer Stadtparlament einziehen: Saida Hashemi kandidiert bei der Kommunalwahl

„Als Kind“, so sagt Saida Hashemi von sich selbst, „war ich eher schüchtern und still.“ Für eine Partei in einem Wahlkampf anzutreten, sich für Wahlkampfplakate und Internet-Seiten fotografieren zu lassen oder vor vielen Menschen aufzutreten, ist für die 25-jährige Hanauerin also ein größerer Schritt als für manch anderen. Aber: „Es kann nicht immer nur geredet werden, es muss auch gehandelt werden“, sagt sie beim Gespräch mit dem HANAUER ANZEIGER. Darum kandidiert sie für die Kommunalwahl am 14. März auf der Wahlliste der SPD. In die Partei ist sie aber noch nicht eingetreten.

Hanau – Saida Hashemi ist in Hanau und der Region keine Unbekannte. Sie ist die Schwester des beim Anschlag vom 19. Februar 2020 ermordeten Said Nesar, er war ihr kleiner Bruder. Und sie hat im CPH bei der großen Trauerfeier für die neun Opfer des rassistisch motivierten Anschlags eine viel beachtete Rede gehalten. Ihr heutiges politisches Engagement ist eng verknüpft mit dem, was damals und seitdem geschehen ist. „Viele Menschen kennen mich, haben meine Rede gesehen“, erzählt sie bescheiden. Für die angehende Mathematik- und Geschichtslehrerin, die gerade am Schulzentrum Hessen-Homburg in Hanau als Lehrerin arbeitet, sind das keine Lorbeeren, auf denen sie sich ausruht. Sondern Ansporn und Verantwortung, denen sie gerecht werden will. „Ich will Vorbild sein.“ Den Weg in die Politik sieht sie dabei als Chance. „Das ist mein erster Schritt, um etwas zu bewegen, um etwas machen zu können.“ Dass sie die Kraft und Entschlossenheit dazu hat, hat sie nicht erst mit ihrer Trauerrede gezeigt, für die sie damals nach dem Bundespräsidenten auf die Bühne des CPH gegangen ist.

Beeindruckende Rede in Schloss Bellevue

Vielleicht ist es diese zurückhaltende Entschlossenheit, die den sozialdemokratischen Oberbürgermeister Claus Kaminsky dazu bewogen hat, Saida Hashemi zu fragen, ob sie nicht bei der Kommunalwahl für das nächste Stadtparlament kandidieren will. So sehr hatte ihn ihre Rede im vergangenen September beim Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue beeindruckt. Sie überlegt lange über ihre Kandidatur, wird schließlich zum SPD-Parteitag im November eingeladen und dort auf Listenplatz 19 gewählt. „Ich lasse mich gerne auf Neues ein“, sagt sie mit einem Lächeln. Und auch wenn sie kein Parteimitglied ist, mit den Zielen der SPD kann sie sich identifizieren. „Außerdem schätze ich die Arbeit des Oberbürgermeisters sehr.“ Gerade in Hanau hätte die SPD viel geleistet und erreicht. „Die Stadt hat eine riesige Entwicklung durchgemacht, das ist bemerkenswert.“ Den Ausbau der Innenstadt und die fortschreitende Modernisierung von Schulen sieht Hashemi als größte Erfolge an. Das Thema Bildung sieht die junge Lehrerin neben der Integrationspolitik als einen ihrer Schwerpunkte in der politischen Arbeit.

Ganz bewusst hat sie Lehramt für Haupt- und Realschule studiert, weil sie Kindern und Jugendlichen denselben Weg eröffnen will, den sie gegangen ist. An der Otto-Hahn-Schule hat sie zuerst den Realschulzweig absolviert, dann ihr Abitur dort gemacht und schließlich an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Gerade unterrichtet sie eine zehnte Realschulklasse. Die Jugendlichen hätten viel Redebedarf, erzählt sie. „Ich habe immer ein offenes Ohr, gebe gerne Ratschläge, das schätzen die Schüler“, sagt sie. Und obwohl sie auch hier um ihre Verantwortung als Vorbild weiß, hat sie ihren Traumberuf gefunden: „Ich liebe meinen Beruf.“

Schwerpunkte sind Bildungs- und Intergrationspolitik

Bei allem was sie tut, sei es nun die Politik oder ihr Beruf – ihr verstorbener Bruder inspiriert sie, nicht aufzugeben. Zwar steht ihr noch heute die Tatnacht des 19. Februar lebendig vor Augen, wenn sie davon in vielen Einzelheiten erzählt, legt sich ein Schatten über ihr sonst fröhliches Gesicht. Aber Saida Hashemi ist an dieser Tragödie gewachsen und hat ihre Kraft entdeckt. Manchmal ist sie selbst erstaunt, woher sie diese Stärke nimmt. „Ich will mich nicht in der Trauer verlieren und mich dadurch nicht in die Knie zwingen lassen“, sagt sie, „man muss etwas machen, anstatt sich zu verstecken.“ Genau wie ihr ermordeter Bruder sieht sie sich als Hanauerin durch und durch. Und um das Leben in ihrer Stadt besser zu machen, will sie nun Stadtverordnete werden. Es gebe noch viel zu tun in der Gesellschaft, damit eine solche Tat wie am 19. Februar 2020 nicht wieder geschehe. Es gelte Parallelgesellschaften innerhalb der Stadtgemeinschaft zu verhindern und die Integration von Menschen mit ausländischen Wurzeln weiter zu fördern. „Wir müssen miteinander leben, nicht nebeneinander.“ Eine gute Bildung für alle sei dazu ein wichtiger Schritt. Sie freut sich trotz der Corona-Rahmenbedingungen auf den anstehenden Wahlkampf, hat dafür schon SPD-interne Online-Vorbereitungs-Treffen mitorganisiert und moderiert. Denn still und schüchtern ist Saida Hashemi schon lange nicht mehr. (Monica Bielesch)

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