19. Februar

Saida Hashemi, Schwester des getöteten Said Nesar, spricht über die sechs Monate nach dem Anschlag

Saida Hashemi, Schwester eines der Opfer, spricht bei der Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags von Hanau am 4. März im Congress Park Hanau (CPH).
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Saida Hashemi, Schwester eines der Opfer, spricht bei der Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags von Hanau am 4. März im Congress Park Hanau (CPH).

Saida Hashemi hat bei dem Anschlag ihren 21 Jahre alten Bruder Said Nesar verloren. Hier beschreibt die 24-jährige Lehramtsstudentin aus Kesselstadt, deren Eltern 1986 nach Hanau gekommen sind, wie es ihrer Familie nach der Tat geht.

Hanau - Ihre Worte stehen für die Empfindungen vieler anderer Mitglieder der Familien, die ebenfalls einen Angehörigen verloren haben. Saida, Älteste von fünf Geschwistern, die alle im Hanauer St. Vinzenz-Krankenhaus zur Welt kamen, beschreibt ihren Bruder als jemanden, der nur das Gute im Menschen gesehen habe. Said sei fleißig, wissbegierig und zielstrebig gewesen, hatte nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Maschinen-. und Anlagenführer bei Goodyear Dunlop abgeschlossen und eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker an der Ludwig-Geißler-Schule begonnen. Er wurde mit 21 Jahren aus dem Leben gerissen, als er in der Arena-Bar in Kesselstadt war..

Die Schwester des bei dem Anschlag vom 19. Februar getöteten Nesar Hashemi, Saida Hashemi, im Gespräch mit unserer Zeitung.
Wie sehr fühlen Sie sich Ihrer Heimatstadt verbunden?
Wir haben unser komplettes Leben in Hanau verbracht. Die Stadt ist uns sehr ans Herz gewachsen. Wir haben schon immer in Kesselstadt gelebt.
Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie heute, ein halbes Jahr nach dem Anschlag?
Nun ist die Tat knapp sechs Monate her, und wir haben das Gefühl, als wäre alles erst gestern passiert. Kaum zu glauben, dass schon ein halbes Jahr um ist. Mir geht die Nacht des 19. Februar nicht aus dem Kopf. Unsere Familie trauert sehr, und diese Trauer wird auch nicht vergehen. Wir können nur lernen, damit umzugehen. Der Schmerz sitzt tief. Meine Eltern trauern sehr. Sie sind jeden Tag mindestens einmal auf dem Friedhof und pflegen das Grab ihres Sohnes. Wenn sie mal nicht können, dann quält sie der Gedanke, dass sie ihren Sohn nicht besuchen konnten. Sie bringen ihm jede Woche frische Blumen mit. Meine Mutter ist schon Stammkundin am Blumenstand auf dem Hanauer Wochenmarkt und holt sich da oft die Blumen für das Grab ihres Sohnes.
Wie hat man sich um Ihre Familie gekümmert? Haben Sie das Gefühl, von der Stadt wurden genügend Anstrengungen unternommen?
In den sechs Monaten hat sich die Stadt Hanau gut um unsere Familie gekümmert. Sie standen uns bei der Beerdigung zur Seite, hat uns bei der Organisation und Umsetzung unterstützt. Herr Kaminsky hat uns kurz nach der Tat zu Hause besucht und mit uns gesprochen. Er hat uns Hilfe versprochen. Hilfe, die dafür sorgt, dass wir wieder ein „normales“ Leben führen können. Ein „normales“ Leben mit dem Hintergrund, dass man uns unseren Sohn und Bruder nicht wiedergeben kann. Wir stehen im Moment im guten Kontakt mit der Stadt, die nächsten Gesprächstermine stehen schon an.
Wie haben die Verantwortlichen des Bundes reagiert?
Vom Bund haben wir einen Opferbeauftragten zur Seite gestellt bekommen. Herr Professor Dr. Edgar Franke hat uns öfter in Hanau besucht und mit uns gesprochen. Er und sein Team sind ebenfalls jederzeit telefonisch erreichbar, und er hat uns seine Hilfe versprochen. Wir sind mit der Arbeit von ihm und seinem Team zufrieden.
Und die Unterstützung des Landes Hessen?
Vom Land Hessen hätten wir uns etwas mehr Beistand gewünscht. Herr Bouffier war während der Gedenkveranstaltung am 4. März in Hanau. Wir hätten uns eher ein ruhiges Gespräch mit ihm gewünscht, womit man uns das Gefühl gegeben hätte, man würde uns zuhören. In einem Schreiben vom 3. März wurde uns berichtet, dass „vor wenigen Tagen ein Beauftragter der hessischen Landesregierung für Opfer von schweren Gewaltverbrechen und Terroranschlägen“ ernannt wurde und er uns als Ansprechpartner zur Seite steht. Es hätte uns gefreut, wenn sich der Opferbeauftragte bei uns gemeldet und somit gezeigt hätte, dass er ein offenes Ohr für uns hat, so wie es die andere Opferbeauftragten gemacht haben. Nun liegt die schreckliche Tat knapp sechs Monate zurück. So langsam versucht man, auch mit uns Kontakt aufzunehmen, und nun finden die ersten richtigen Gespräche mit den Familien statt.
Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Wir sind im Moment auf der Suche nach einem neuen Zuhause. In unserer jetzigen Wohnung fühlen wir uns nicht mehr wohl. Die Trauer begleitet uns überall hin. Das Zimmer meines verstorbenen Bruders sieht genau so aus, wie er es am Abend des 19. Februar verlassen hat. Durch die coronabedingte Situation gestaltet sich die Suche nach einer Wohnung oder einem Haus sehr schwierig. Die Stadt hat uns hier ebenfalls Hilfe versprochen, auch wenn es im Moment nur schleppend vorangeht.
Empfanden Sie die Gedenkveranstaltungen in Hanau als würdig und angemessen?
Die Gedenkveranstaltung am 4. März in Hanau fand ich sehr gelungen. Alles war gut organisiert und durchdacht. Während der Veranstaltung sind sowohl Familienmitglieder als auch Politiker zu Wort gekommen. Ich fand es auch toll, dass die Hanauer Bürgerinnen und Bürger die Veranstaltung live auf dem Marktplatz und auf dem Freiheitsplatz mitverfolgen konnten. Danach wurde uns die Möglichkeit gegeben, vor Ort mit den Politikern zu sprechen. Es herrschte aber sehr viel Andrang, sodass ich nicht richtig mit den Politikern ins Gespräch kommen konnte.
Wie bewerten Sie, dass Bundeskanzlerin Merkel, Präsident Steinmeier nach Hanau kamen?
Ich fand es gut, dass viele hochrangige Politiker nach Hanau gekommen sind. Das ist meiner Meinung nach auch das Mindeste, was sie tun konnten, nachdem sich in Hanau eine Tragödie ereignet hat, die so viele Unschuldige das Leben gekostet hat, ein Terroranschlag, der um die Welt ging. Die Reden der Politiker klangen ganz nett, aber ich würde mir wünschen, dass die Politiker nicht nur reden, sondern auch handeln. Die Politik soll sich Gedanken darum machen, wie es überhaupt zu so einer schrecklichen Tat kommen konnte. Meinen Bruder kann mir keiner zurückgeben. Aber ich wünsche mir, dass sich so eine schreckliche Tat nicht wiederholt. Wir müssen an die Zukunft denken. Dafür müssen wir das Vergangene aufarbeiten. Dazu gehört auch die Frage, was dazu geführt hat, dass unschuldige Menschen sterben mussten.
Sie standen als Familien mit Ihrem Schmerz plötzlich im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wie sind Sie mit dem Rummel fertig geworden, und wie haben Sie die Medien erlebt?
Wir sind eine Familie, die sich nie in den Mittelpunkt gestellt hat. Wir führten ein Leben wie jeder andere Bürger. Morgens ging es zur Arbeit, beziehungsweise in die Schule. Mittags saß man zusammen am Tisch und hat gemeinsam gegessen. Am Nachmittag gingen wir unseren Freizeitbeschäftigungen nach. Mein kleiner Bruder wurde mitten aus dem Leben gerissen. Und mit seinem Tod hat auch unsere Welt aufgehört, sich zu drehen. Zu Hause steht die Zeit still, während draußen das Leben weitergeht. Nicht nur bei uns. Auch seine Freunde trauern sehr. Während unseren regelmäßigen Friedhofsbesuchen sehen wir sie öfters am Grab. Sie kommen auch regelmäßig vorbei und trauern. Said Nesar wäre dieses Jahr der Trauzeuge für einen Freund gewesen, der jetzt im August geheiratet hat. Auf eine Feier hat das Paar aufgrund seiner Trauer verzichtet.
Den Angehörigen der Opfer fiel eine besondere Rolle zu, weil sie als Sprachrohr von Menschen mit Migrationshintergrund in Hanau wahrgenommen werden. Sehen Sie darin eine Last, oder begreifen Sie dies vielmehr als Chance?
Seit der Tat bin ich täglich mit Menschen in Kontakt, die sich für unsere Geschichte interessieren und unsere Stärke bewundern. Ich werde oft über Social Media angeschrieben oder auf der Straße angesprochen und die Menschen bekunden ihr Beileid.. Einige Menschen erzählen mir auch ihre Geschichten, beziehungsweise wie es ihnen geht oder wie sie sich selbst fühlen. Ich bin gerne mit Menschen in Kontakt und rede oder schreibe gerne mit ihnen. Ich bin ein offener Mensch und höre gerne zu. Ich empfinde es nicht als Last, wenn Menschen auf mich zukommen und mit mir reden wollen.

Die Fragen stellte Jutta Degen-Peters

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