Zwangspause

Corona-Krise bringt Schausteller-Familien aus Hanau in Notlage 

Center-Managerin Diana Schreiber-Kleinhenz probiert die gebrannten Mandeln am Stand vor dem Forum.
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Center-Managerin Diana Schreiber-Kleinhenz probiert die gebrannten Mandeln am Stand vor dem Forum.

Die rund zehn Schausteller-Familien aus Hanau haben es derzeit schwer. Die Not macht erfinderisch. 

Hanau – Wer derzeit früh morgens aus dem Fenster schaut, wenn die Müllabfuhr kommt, mag sich erstaunt die Augen reiben: Am Steuer „seines“ Müllwagens könnte dieser Tage Karl-Heinz Eberhardt sitzen, der sonst als Schausteller seine Fahrgeschäfte und Buden beaufsichtigt.

„Die Notlage der Schausteller zwingt zu außergewöhnlichen Maßnahmen“, erklärt der Vorsitzende des Schaustellerverbandes, Bernhard Weingärtner. Diese Notlage ist auch der Grund dafür, dass aktuell einige Stände am Busbahnhof und anderen Stellen in der Stadt oder den Stadtteilen zu finden sind, etwa beim Einkaufszentrum in Klein-Auheim oder an der Ecke Martin-Luther-King-Straße/Alter Rückinger Weg.

Schausteller Karl-Heinz Eberhardt ist derzeit in Hanau als Müllfahrer unterwegs.

Die Schausteller sind besonders stark von der Coronakrise betroffen „Wir haben praktisch ein ganzes Jahr lang ‘Berufsverbot’“, formuliert Eberhardt. Das letzte Geld habe man am 22. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt verdient. Danach kam der Anschlag vom 19. Februar. Die Schausteller bauten ihre bereits aufgestellten Buden für das Faschingsgeschäft ganz selbstverständlich wieder ab. „Schon an dem schlimmen Abend war uns klar: Wir können ja nicht Fasching feiern, wenn nebenan Menschen gestorben sind“, erinnert sich Weingärtner. Auch, wenn es an dieser Entscheidung keinen Moment lang Zweifel gegeben hat: Für die Unternehmer bedeutete es zum Teil heftige Einbußen. Der Mann aus Frankenthal, der mit dem Riesenrad angereist war, und ein weiteres größeres Fahrgeschäft aus Saarbrücken büßten nach den Worten Weingärtners je 3000 Euro ein.

Den Schaustellern sind alle Einnahmen weggebrochen. Da die Volksfeste abgesagt wurden, dürfen sie nun Stände auf öffentlichen Plätze betreiben, wie hier in Klein-Auheim. 

Als die Schausteller, von denen es rund zehn Familien in Hanau gibt, dachten, jetzt könnten sie ihr Geschäft wieder aufnehmen, machte ihnen die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung. „Uns geht es finanziell schwer an den Kragen“, sagt Weingärtner, der mit dem Bundesverband der Schausteller in einer groß angelegten Plakataktion auf die Misere seines Berufsstandes aufmerksam machte. Unter anderem hängt ein Plakat an der Steinheimer Mainbrücke.

Bis August sei den Schaustellern eine Sperre auferlegt. Doch Weingärtner rechnet damit, dass für sie die Zwangspause noch viel länger andauern wird. Die Volksfeste wurden ja alle abgesagt, weil diese stets mit großen Menschenmengen verbunden sind. Auch das Bürgerfest, für die Schausteller immer eine sichere Bank, wurde gestrichen. Viele weitere Feste im September und Oktober sind ebenso gecancelt. „Jetzt schauen wir auf den nächsten Weihnachtsmarkt“, sagt Weingärtner. Und auch da wisse niemand, wie sich die Lage bis Dezember gestaltet.

In ihrer Not hatten sich die Schausteller hilfesuchend an Stadtrat Thomas Morlock (FDP) gewandt. Viele seien in der Lage, schwere Fahrzeuge und auch Spezialmaschinen zu steuern. So boten sie ihre Dienste an. Der Stadtrat habe sich kooperativ gezeigt. Seit zwei Monaten sitzen jetzt drei Schausteller am Steuer von städtischen Müllfahrzeugen und bessern so ihre knappen Kassen etwas auf. Auch dabei habe man sich einer bundesweiten Aktion angeschlossen, die unter der Überschrift „Hand in Hand“ für die Unterstützung der notleidenden Schausteller warb.

Obendrein wurde den Schaustellern ermöglicht, an öffentlichen Plätzen Stände aufzubauen, um ihnen auf diese Weise einen kleinen Ausgleich für die entgangenen Volksfeste zu ermöglichen. „Wir haben am Busbahnhof einen Reibekuchen- und einen Imbissstand aufbauen können“, sagt Weingärtner. Jetzt kommen zwei weitere Stände hinzu. Am Forum haben noch einen Stand für kandierte Früchte und einer mit gebrannten Mandeln geöffnet.

Für Center-Managerin Diana Schreiber-Kleinhenz war es auf Anfrage der Stadt eine Selbstverständlichkeit, einen Platz für die Schaustellerfamilie Eiserloh zu finden. „Das ist auch für uns eine Bereicherung.“ So betreiben Wolfgang und Markus Eiserloh am Forum nun auch einen Stand mit Soft- und Crushed Eis und einen mit gezuckerten Südfrüchten. 

Von Jutta Degen-Peters und Reinhard Paul

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