Sechster Standort in Hessen

Neues Grundbildungszentrum im Kulturforum Hanau unterstützt Betroffene

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Das Grundbildungszentrum im Kulturzentrum Hanau

Jeder achte Mensch in Deutschland kann schlecht lesen und schreiben. Im Bildungszentrum soll diesen Menschen geholfen werden.

Hanau – Überträgt man die Ergebnisse einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen Studie auf Hanau, dann leben in der Brüder-Grimm-Stadt wohl mehr als 12000 Erwachsene, die erhebliche Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Speziell diesen Menschen soll mit einem sogenannten Grundbildungszentrum geholfen werden.

Hanau ist der mittlerweile sechste Standort eines solchen Zentrums in Hessen, nachdem mit Unterstützung des Landes bereits ähnliche Projekte in Gießen, Kassel, Frankfurt, Darmstadt-Dieburg und Wiesbaden aufs Gleis gesetzt wurden. In der zweiten Förderphase, für die sich Hanau erfolgreich beworben hatte, werden nun parallel zum Hanauer Grundbildungszentrum ähnliche Angebote in Offenbach, Friedberg und Butzbach aufgebaut. Unterstützt werden die Zentren auch mit Mitteln aus dem EU-Sozialfond.

In der Brüder-Grimm-Stadt ist das Grundbildungszentrum ein Kooperationsprojekt des städtischen Fachbereichs Bildung, Soziale Dienste und Integration mit der Volkshochschule und dem Kulturforum, wo das Zentrum im dortigen Bildungsberatungsbüro des Hessencampus eine Anlaufstelle hat.

Projektkoordinatorin ist Dr. Judith Lechner von der Volkshochschule, die das Vorhaben im Ausschuss für Schule und Kultur der Stadtverordnetenversammlung vorstellte. Sie verwies auf die sogenannten leo. – Level One Studie von 2018, die die s Bundesregierung in Auftrag gegeben hat, um die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland zu untersuchen.

Bund und Länder hatten 2016 gemeinsam mit zahlreichen Verbänden und Institutionen die „Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung“ ausgerufen. Wobei die Fachleute nicht mehr von Analphabeten sprechen, sondern von „Menschen mit geringer Literalität“, da viele der Betroffenen zumindest auf einem sehr niedrigen Niveau lesen und schreiben können und man einer Stigmatisierung vorbeugen will.

Laut dieser Studie haben etwa 12,1 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erhebliche Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, insgesamt also 6,2 Millionen Menschen, wobei Männer mit einem Anteil von 58,4 Prozent häufiger betroffen sind. Lechner: „Die Studie zeigt, dass dieses Problem keineswegs auf bestimmte Schichten oder Milieus beschränkt ist und dass es auch nicht in erster Linie Menschen mit Migrationshintergrund betrifft.“

So haben mehr als 52 Prozent der Menschen mit geringer Literalität Deutsch als Herkunftssprache. Ebenfalls überraschend: 76 Prozent der Menschen mit geringer Literalität haben einen Schulabschluss, über 35 Prozent sogar einen mittleren beziehungsweise hohen Schulabschluss.

Dass so viele Menschen von dem Problem betroffen sind, hat viele Gründe. Sie können von Negativerfahrungen und mangelhafter Unterstützung in Schule und Elternhaus über ein zu geringes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten bis hin zu Diskriminierungserfahrungen oder körperliche Ursachen reichen.

Im Grundbildungszentrum Hanau soll Betroffenen gezielt geholfen werden. Es bietet dienstags von 10 bis 17 Uhr eine offene Sprechstunde an, es können aber auch individuelle Beratungstermine vereinbart werden. Ansprechpartnerin ist Dr. Judith Lechner (06181/9238037).

Dr. Judith Lechner, Projektkoordinatorin

Lechner: „Ähnlich wie die bereits erfolgreich im Kulturforum angelaufene Lernwerkstatt wollen wir mit dem Grundbildungszentrum niedrigschwelliges Angebot machen, an das sich neben Betroffene auch Menschen wenden können, die Angehörige, Arbeitskollegen oder Freunde haben, denen das Grundbildungszentrum Hanau helfen könnte.“ So will man auch über das Kommunale Center für Arbeit (KCA) und der Agentur für Arbeit auf das neue Angebot aufmerksam machen.

„Um individuell helfen zu können, bedarf es zunächst eines ausführlichen Interviews mit dem Betroffenen, um zu klären, wo genau die Schwierigkeiten liegen und was die Ursachen dafür sein können“, erläutert Dr. Lechner. Dazu gehörten auch praktische Tests. Anschließend würden gemeinsam mit dem Betroffenen Lernziele definiert und Lernstrategien aufgestellt Dazu könne die Teilnahme an Alphabetisierungskursen und ähnlichen Angeboten ebenso zu gehören wie etwa eine individuelle Unterstützung und Lernbetreuung durch Ehrenamtliche, erläutert Dr. Lechener.

Zur Zeit nehmen vier Betroffene Angebote des Grundbildungszentrums wahr. Diese Zahl soll deutlich ausgebaut werden. Dazu gehört auch, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. So plant das Grundbildungszentrum Hanau eine Veranstaltung im Rahmen des Lesefestivals „Hanau liest ein Buch“, und am 8. September kommt anlässlich des Weltalphabetisierungstages ein prominenter Besucher: Reck-Olympiasieger und Weltmeister Fabian Hambüchen ist hessischer Botschafter für das Thema Alphabetisierung und Grundbildung.

Er ist der Ansicht: „Bildung ist die Voraussetzung für unser Wertesystem. Das Grundrecht auf Bildung steht jeder und jedem zu. Wer nicht lesen oder schreiben kann, muss sich dafür nicht schämen, sondern soll mutig die Chance ergreifen, dies zu erlernen.“

VON DIRK IDING

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