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Flut an Beweisanträgen im Sekten-Prozess: Besonderer Zeuge soll befragt werden

Neue Zeugen und neue Gutachten sollen nun Aufklärung bringen. Die Verteidiger der wegen Kindermordes angeklagten Sylvia D. haben im Sekten-Prozess nun eine Flut an neuen Beweisanträgen gestellt. Mit einem besonderen Zeugen.

Hanau – Kann Oberbürgermeister Claus Kaminsky helfen, das Verfahren um den Kindermordprozess aus dem Jahr 1988 weiter aufzuklären? Zumindest glauben das Peter Hovestadt und Matthias Seipel, die beiden Verteidiger der wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. angeklagten Sylvia D., und haben in einem Beweisantrag gefordert, den Hanauer Rathauschef als Zeugen durch das Landgericht befragen zu lassen.

Kaminsky, so die Strafverteidiger, soll zu den internen Untersuchungen innerhalb der Verwaltung Stellung beziehen, die er bereits 2015 nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe in den Medien angekündigt hatte.

Martin D., der Sohn der Angeklagten, hatte ausgesagt, sich 1992 dem Jugendamt offenbart und über Kindesmisshandlungen innerhalb der obskuren Gemeinschaft um die angebliche Sektenanführerin D. berichtet zu haben. Das Amt, so Martin D., habe diese Hinweise jedoch ignoriert.

Sekten-Prozess: Verteidiger wollen Aussagen des Sohnes prüfen

Die Vermutung der beiden Verteidiger: Das Jugendamt soll offenbar recherchiert und empfohlen haben, dass Martin D. seine Vorwürfe bei der Polizei meldet. „Sollte das so sein, dann könnte Martin D. die Unwahrheit gesagt haben“, spekuliert Hovestadt.

Es ist nicht der einzige Antrag, den die beiden Rechtsanwälte an diesem 24. Verhandlungstag stellen. Es ist eine Flut von Anträgen. Insgesamt 20 Schriftstücke, in denen rund 45 Beweisanträge eingearbeitet sind.

Nun ist es in einem Strafverfahren gutes Recht der Verteidigung, Beweisanträge zu stellen. Auffällig ist in diesem Fall jedoch, dass dieses Konvolut sehr kurzfristig vorgelegt wird – und die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück den kompletten Vormittag damit beschäftigt ist, ein Schriftstück nach dem anderen entgegenzunehmen.

Sohn der Angeklagten im Sekten-Prozess soll als unglaubwürdig dargestellt werden

Die Zielrichtung ist klar: Martin D., der seine Mutter schwer belastet hatte, soll als unglaubwürdig dargestellt werden. Dazu bieten die beiden Verteidiger nun alles auf: Privatklagen, E-Mails zwischen den Söhnen und Eltern, Facebook-Chats, Medienberichte. Das alles soll nun, kurz vor dem geplanten Ende des Verfahrens, auf den Tisch. Neben Kaminsky sollen noch weitere Zeugen vernommen sowie zwei neue Gutachten in Auftrag gegeben werden.

Aktenberge: Im Verfahren gegen Sylvia D. haben die Verteidiger 45 Beweisanträge gestellt. (Symbolfoto)

Selbst zum Zeugen E., der gar nicht vernommen worden ist, wollen Hovestadt und Seipel Dokumente haben. Es gehe um die „gewisse Dynamik in den Zeugenaussagen“, die Entstehung der Anklage sowie den „Mitinitiator der sogenannten Sektenaussteiger“, wie Hovestadt es formuliert.

Vor allem der Zeuge S. habe alles darangesetzt, die Medienfirma der Familie D. in Misskredit zu bringen. Außerdem will die Verteidigung belegen, dass sich die Zeugen untereinander ausgetauscht hätten.

Gutachten des Rechtsmediziners soll im Sekten-Prozess überprüft werden

Auch das rechtsmedizinische Gutachten von Professor Marcel Verhoff, dem Leiter der Gerichtsmedizin Frankfurt, greifen die Strafverteidiger in einem ihrer Beweisanträge auf.

Verhoff hatte ausgesagt, es bestehe kein Zweifel, dass ein Sack, in den der vierjährige Junge verschnürt gewesen sein soll, die Todesursache gewesen ist. Nun, so die Verteidiger, soll ein erneutes Gutachten eingeholt werden, das eine angebliche Herzschwäche des Buben berücksichtige. Sogar ein „Akusikgutachten im Haus an der Keplerstraße“ wurde von den Verteidigern gefordert, um die Aussage des Hauptbelastungszeugen, er habe gehört, wie Jan H. in einem Sack geschriehen habe, ins Wanken zu bringen. Sogar bis Australien und Neuseeland sollen weitere Beweisanträge führen.

Da die Anwälte die Bitte des Schwurgerichts, Beweisanträge während der vierwöchigen Verhandlungspause rechtzeitig einzureichen, ignoriert und die 20 Schriftstücke, von denen einige offenbar schon Mitte Juli gefertigt worden sind, erst wenige Stunden vor Verhandlungsbeginn eingereicht haben, ordnete der Vorsitzende Richter nun eine Frist zur Stellung von weiteren Anträgen bis zum 19. August an. Dies geschehe wegen der „Besorgnis, dass der Prozess auf nicht absehbare Zeit verzögert werden könnte“.

Terminplanung des Sekten-Prozesses ist durch die neuen Anträge hinfällig geworden

Die Terminplanung des Gerichts ist damit ebenso hinfällig geworden. „Eine Bearbeitung dieser Anträge in kurzer Zeit ist nicht möglich“, so Graßmück. Die nächsten beiden Verhandlungstage sind daher aufgehoben worden, der Prozess auf den 21. August sowie auf drei weitere Verhandlungstage im September vertagt worden.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies steht den Anträgen überwiegend ablehnend gegenüber und kann sich die eine oder andere Spitze nicht verkneifen. „Die Substanzlosigkeit dieses Antrags zeigt sich schon durch die Verwechslung der Namen der Zeugen“, kanzelte er ein fehlerhaftes Dokument ab. Zudem basierten die Anträge laut Mies „nicht auf frischen Erkenntnissen“, manche seien „mit heißer Nadel gestrickt“, andere „völlig unbedeutend für die Beweisführung“.

Die Menge der plötzlich gestellten Anträge, die Monate nach den Zeugenvernehmungen nun vorgelegt werden, will der Ankläger nicht hinnehmen: „Es handelt sich ganz klar um Verschleppungsanträge“, kritisiert der Oberstaatsanwalt.

Der Fall: Kindermordprozess 

17. August 1988: Der vierjährige Jan H. stirbt in Hanau. Das Geschehen wird als Unfall eingeordnet und schließlich zu den Akten gelegt.

2014: Ein „Aussteiger“ erhebt schwere Vorwürfe gegen die Hanauer Sekte: Jan H. sei 1988 von Sektenanführerin D. ermordet und als „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet worden.

2015: Die Staatsanwaltschaft Hanau nimmt die Ermittlungen erneut auf.

6. Juli 2017: Die sterblichen Überreste von Jan H. werden auf dem Kesselstädter Friedhof exhumiert und untersucht.

22. Oktober: Prozessauftakt vor der Schwurgerichtskammer. Die Angeklagte schweigt, ihre Verteidiger streiten alle Vorwürfe ab. Claudia H., die Mutter von Jan H., wird als Zeugin vernommen.

24. und 29. Oktober, 5. November: Die Mutter von Jan H. berichtet über den Tag, an dem ihr Sohn gestorben ist und „vom Alten geholt wurde“.

7. November: Der Vater von Jan H. sitzt auf dem Zeugenstuhl.

12., 14. und 19. November: Eine 61-jährige, ehemalige Sektenanhängerin sagt aus und erhebt schwere Vorwürfe.

28. November und 12. Dezember: Die Adoptivtochter belastet ihre Mutter.

13. Januar und 4. Februar 2020: Manuel D., der Sohn der Angeklagten, erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Mutter.

11. Februar und 14. Mai: Cordula E., die „Freundin“ von D. streitet die Vorwürfe ab. E. hat die „Säcke“ genäht, in die die Kinder gesteckt worden sind. In einem von der Polizei abgehörten Telefonat gibt die Angeklagte zu, Jan am mutmaßlichen Tattag in einen solchen Sack gesteckt zu haben.

4. und 5. Juni: Die Staatsanwaltschaft rekonstruiert ein im Sack liegendes Kind. Martin D. erhebt als Zeuge Vorwürfe gegen seine Mutter. Die Verteidiger beantragen ein Glaubwürdigkeitsgutachten für mehrere Zeugen.

17. Juni: Der rechtsmedizinische Gutachter sagt aus, dass der verschnürte Sack die Ursache für den Tod des Kindes gewesen sein könnte.

18. Juni: Der rechtlicher Hinweis wird gegeben, dass eine Verurteilung wegen Mordes durch in Unterlassen in Betracht kommen könnte.

23. Juni: Der psychiatrische Gutachter diagnostiziert eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung. Er hält die Angeklagte jedoch für schuldfähig.

25. Juni bis 3. Juli: Das „Todesprotokoll“ des Walter D. sowie weitere Akten werden verlesen; ein ehemaliger Pfarrer berichtet.

4. August: Die Verteidiger stellen Beweisanträge.

Der Prozess wir am Freitag, 21. August, fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © Becker, Thorsten

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