Sich im Chaos den Überblick verschaffen

Im Gespräch: Polizist Marcel Z. war in der Nacht des Anschlags vom 19. Februar als Einsatzleiter vor Ort

Fahrzeuge von Polizei und Rettungsdiensten säumen in der Nacht des 19. Februars die Straßen rund um den Heumarkt. ARCHIV
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Fahrzeuge von Polizei und Rettungsdiensten säumen in der Nacht des 19. Februars die Straßen rund um den Heumarkt. ARCHIV

„Ich bin nach Hause gekommen, habe den Fernseher angeschaltet und mir angeschaut, was ich erlebt habe“ – so beschreibt Marcel Z. ein Jahr nach dem Attentat von Hanau die Stunden nach Dienstende an jenem 20. Februar. In bewegten Bildern hat er die schreckliche Tat nochmals an sich vorbei ziehen lassen. „Ich habe dadurch versucht, das, was in der Nacht passiert ist, zu verarbeiten.

Hanau - Die Nachtschicht des Beamten – den wir hier Marcel Z. nennen, weil er seinen richtigen Namen (der der Redaktion bekannt ist) nicht in der Zeitung lesen möchte – beginnt an jenem 19. Februar wie jede andere. Gemeinsam mit sechs Kollegen startet er um 19 Uhr mit einer Besprechung in seinen Dienst auf der Polizeistation Hanau I. Der 29-Jährige wird zur Streifenfahrt eingeteilt. Zusammen mit einem Kollegen geht es im Polizeiauto durch die Innenstadt. Ein Abend wie jeder andere, sagt Z. „Plötzlich kam der Funkspruch. Es war kurz vor zehn. Schüsse am Heumarkt“, erinnert er sich. „Man geht dann nicht unbedingt davon aus, dass etwas so Schlimmes passiert ist. In den meisten Fällen ist so etwas blinder Alarm“, sagt Z.

Doch an diesem Abend ist schnell klar, wie ernst die Lage ist. „Wir waren relativ schnell vor Ort. Es herrschte Chaos“, beschreibt Z. Er erinnert sich an „sehr viele Leute auf der Straße“, die wild durcheinander gerannt seien. „Sie waren aufgeregt, verängstigt. Das wurde auf den ersten Blick deutlich“, beschreibt Z. die sogenannte chaotische Phase, wie es im Polizeijargon heißt.

Aufgabe ist, den Einsatz zu koordinieren

„Es ging dann in erster Linie darum, sich einen Überblick zu verschaffen. In solchen Situationen ist das extrem schwierig. Man muss möglichst schnell eine Richtung reinbekommen, das ist ganz wichtig.“ Spätestens als Z. den ersten Verletzten auf dem Boden liegen sieht, wird ihm klar, wie ernst die Situation ist. „Ich habe mich dann mit den Kollegen ausgetauscht, die inzwischen auch am Einsatzort waren. Dabei erfolgt vieles intuitiv. Man muss sich aufeinander verlassen können und als Team zusammen arbeiten.“

In den folgenden Minuten kommen immer mehr Einsatzkräfte an den Heumarkt. „Es waren innerhalb weniger Minuten mehrere Polizeistreifen vor Ort. Dann wurde der Einsatzleiter bestimmt. In diesem Fall ich. Seine Aufgabe ist es, den Einsatz zu koordinieren.

„Absolute Ausnahmesituation“

Eine Aufgabe, die bei derartigen Einsätzen dem Beamten mit der größten Erfahrung übertragen wird. „Eine große Aufgabe mit großer Verantwortung, der es gilt, sich zu stellen“, sagt Z. Er ist seit 2011 bei der Polizei. Seit 2014 in Hanau. Dennoch – einen derartigen Einsatz hat er noch nie zuvor erlebt.

Zunächst ist völlig unklar, ob der Täter noch vor Ort ist, ob er sich möglicherweise unter die durcheinanderlaufenden Menschen gemischt hat. „Man muss sich in dem ganzen Chaos den Überblick verschaffen. Sehen, wer wichtig ist, herausfinden, wer den Täter gesehen hat und wer verletzt ist. Die Stimmung ist aufgeladen, sehr emotional. Immer wieder kommen Menschen auf dich zu, in Hektik, fragen, wollen erzählen, sind laut. Eine absolute Ausnahmesituation“, beschreibt Z. die Lage. Und noch immer ist nicht klar, ob der Täter noch vor Ort ist.

Absichern, Menschen beruhigen

Zwischen 50 und 100 Menschen sind zu diesem Zeitpunkt am Heumarkt. „Und die "Midnight Bar" war voll. Dann kamen immer mehr Zeugen, die übereinstimmend berichteten, dass der Täter vom Tatort geflüchtet ist“, sagt Z. Wohin ist unklar. „Kommunikativ ist das sehr schwierig. Die Menschen sind in einer absoluten Ausnahmesituation. Und trotz der angespannten und gefährlichen Lage muss man ganz sensibel vorgehen.“

Z. koordiniert das Vorgehen von der Straße aus. Absperren, Gefahrenbereiche sichern. Und immer wieder die Menschen beruhigen. „Zwei Kollegen sind dann in die Bar rein. ‘Da liegt ein Toter drin’“, erinnert sich Z. an den Satz, der deutlich macht, wie schlimm dieser Einsatz wirklich ist. „Ich selbst habe den Toten auch gesehen. In so einer Situation hast du aber gar keine große Zeit, darüber nachzudenken. In dem Moment geht es nur darum, deinen Job gut zu machen. Du funktionierst.“ Emotionen, sagt Z., kommen erst im Nachhinein.

„Mir wurde erst zu Hause richtig klar, was ich da überhaupt erlebt habe“

Bis 7 Uhr am Morgen geht die Schicht des Polizeioberkommissars. Bis sieben Uhr am Morgen ist er am Heumarkt. Durchgefroren. Ohne Essen. Und emotional aufgeladen. „Um 8 Uhr war ich zu Hause. Wenn man dann heimkommt, da legt man sich nicht ins Bett und schläft. Dann fängt man an nachzudenken.“ Tausend Gedanken, etliche Bilder hat er im Kopf. „Als ich das erste Mal nach meinem Dienst wieder auf mein Handy geschaut habe, war es voll mit Nachrichten und der Frage, ob es mir gut geht.“

Bis 14 Uhr am Nachmittag sitzt Z. an diesem Tag vor dem Fernseher. Schaut sich immer wieder die Ereignisse dieser Nacht an. „Mir wurde erst zu Hause richtig klar, was ich da überhaupt erlebt habe.“

„Ich bin gerne Polizist“

Er habe viel mit seiner Frau über das Geschehene gesprochen. Es sei ganz wichtig, eine Möglichkeit zu haben, die „Bilder im Kopf“ loszuwerden. „Meine Frau hat manchmal Angst um mich. Vielleicht empfindet man das als Polizist manchmal als übertrieben. Aber ich kann die Sorge verstehen. Und in dieser Nacht war sie auch berechtigt.“ Z. betont erneut: „Man muss das unbedingt irgendwie verarbeiten.“ Seitens der Polizei gebe es diesbezüglich gute psychologische Betreuungsangebote. „Es ist wichtig, dass die Polizei auch nach ihren eigenen Leuten schaut. Auch denen muss es nach so einem Einsatz wieder gut gehen.“ Denn so ein Erlebnis mache etwas mit einem.“

Trotz allem sagt er: „Ich bin gerne Polizist. Ich arbeite gerne in diesem Beruf. Nach solchen Einsätzen denkt man anders über manche Dinge. Und man zeigt in gewissen Situationen noch mehr Fingerspitzengefühl.“ Seit Ende 2020 versieht Z. seinen Dienst auf einer anderen Polizeistation im Main-Kinzig-Kreis. Doch das, was der junge Polizist in der Nacht des 19. Februar in Hanau erlebt hat, wird ihn weiter begleiten.

Von Kerstin Biehl

In der Nacht des Attentats: Eine Polizistin und zwei Rettungssanitäterinnen stützen eine Verletzte am Heumarkt.

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