Kultur

Siegfried und der schwule Drache: Kikeriki-Theater lässt im Amphitheater die Puppen tanzen

Ließen die Puppen tanzen: Detlev Kühner, Roland Hotz und Bernd Körner (von links).
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Ließen die Puppen tanzen: Detlev Kühner, Roland Hotz und Bernd Körner (von links).

„Hört ihr Leut‘, heut wird gezeigt, was die Sage sonst verschweigt. Denn nun erfahren Sie mal, wie es damals wirklich mit dem Helden Siegfried war“, versprach Roland Hotz vom Darmstädter Kikeriki-Theater bei deren Gastspiel an zwei Abenden im gut besuchten Amphitheater.

Hanau – Zum wiederholten Mal war das erfolgreiche Puppentheater für Erwachsene mit dem ganz besonderen Charme in Hanau zu erleben und auch dieses Mal konnte sich das Publikum für die spezielle Kikeriki-Version einer klassischen Vorlage vollauf begeistern.

Das Kikeriki-Theater interpretierte das Nibelungen-Epos allgemein und im Besonderen die sagenhafte Vita des blonden (beinahe) unverwundbaren Helden Siegfried wie immer nach eigenem Gutdünken und mit breit aufgestelltem Humor zur Freude seiner Fans. So wurde aus der berühmten Vorlage die „Nibelungen-Entzündung“, ein wunderbar absurdes Spiel mit anarchisch derben Noten – komödiantisches Erwachsenen-Theater mit aus Blechdosen und Küchenutensilien fantasievoll gefertigten Puppen und Schauspielern, die vor keinem Schenkelklopfer zurückschreckten. Mit dabei waren ebenfalls als „isländischer“ Pianist Steffen Stütz sowie die Kikeriki-Urgesteine Bernd Körner und Detlev Kühner als „Helden in Strumpfhosen“, die ordentlich vom Leder zogen – „uff Darmstädterisch“ – und an den Stabpuppen glänzten. Jede Puppe war von den Spielern als Unikat hergestellt worden und man entdeckte allerlei vertraute Küchenutensilien wie Quirle, Reiben, Koch- und Sieblöffel. Letztere wurden zum Beispiel für die bombastische Oberweite Gunthers peitschenschwingender Domina „Brunhild“ benutzt.

Schon nach relativ kurzer Zeit wurde dem Publikum klar, dass der „völlig verblondete“ Siegfried mit der pinken Sonnenbrille von seinem Heldensockel zu stürzen drohte. Dazu gehörte auch, dass er den Drachen nicht erlegte, sondern ihm erlag, war doch der genoppte, grüne Lindwurm mit der roten Wuschelfrisur, eine „näselnde Tunte“, der nur schmusen wollte. Und der blonde Siggi war letztlich nur ein Schwätzer, der den Drachen nicht erschlug, wie er behauptete, sondern gemeinsam mit ihm ein paar Wellnessbäder in Tannenöl nahm.

Held mit Sonnenbrille: Siegfried ist angetan vom „Gerät“ Kriemhild.

Zwerg Alberich, der nur aus Nase bestehende Giftmischer, der in einer „67-Quadratmeter-Wohnung der Wohnungsbaugesellschaft mit Gärtsche“ haust, sorgte dann für Siegfrieds Unsichtbarmachung, wobei der kleine Jutesack-Gauner eigentlich nichts anderes als ein gewöhnlicher Drogenhändler war, der aus dem charakterschwachen Siegfried mit seinem „Zaubersaft“ schnell einen Junkie machte. So endet die Mär um Männlichkeit und Ehre nicht besonderes ritterlich, als Siegfried mit einer Überdosis von dem „gude Säftsche“, einem klassischen „Goldenen Schuss“, sein nicht besonders heldenhaftes Ende fand.

Lang anhaltender Beifall belohnte die vier Darsteller für die gelungene Aufführung. (Von Andrea Pauly)

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