Hanauer Soundmagier mit Schutzauftrag

Lasse Marc Riek fängt Geräusche ein

Achtung Aufnahme: Mit einem Schalltrichter ausgestattet sucht Lasse Marc Riek seinem Garten nach besonderen Geräuschen in der Natur. Aus den Klängen fertigt der Steinheimer Hörinstallationen an.
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Achtung Aufnahme: Mit einem Schalltrichter ausgestattet sucht Lasse Marc Riek seinem Garten nach besonderen Geräuschen in der Natur. Aus den Klängen fertigt der Steinheimer Hörinstallationen an.

Lasse Marc Riek hat einfach weitergemacht. Einfach weiter das getan, was ihn immer schon fasziniert und interessiert hat. Draußen in der Natur Klänge und Geräusche einfangen und daraus eine Soundinstallation machen.

Steinheim - Denn während in der Pandemie vieles nicht ging, verboten und geschlossen war: Die Natur war offen wie immer. Vor allem die nächste Umgebung direkt draußen vor der eigenen Haustür. Für alle, die Ohren hatten zu hören.

Und so hat der gebürtige Norddeutsche die Krise genutzt und das Beste daraus gemacht. Er hat sich mitten im Lockdown in seinen Garten im Hanauer Stadtteil Steinheim gestellt mit seiner Ausrüstung und hat die Geräusche aufgenommen. Eine Geräuschkulisse, die sich während Corona deutlich verändert hatte. Keine Flugzeuge mehr, kaum Autos die vorbeifahren, dafür Tiere, die plötzlich bis an die Haustür kamen.

Oft wochenlang auf Tour

Sonst ist Riek deutschlandweit oft wochenlang auf Tour, um begehrte Geräusche einzufangen. Immer auf der Jagd nach dem einen besonderen Klang. Auch mit dem Aschaffenburger Tonmeister Eckhard Kuchenbecker hat er schon Klangprojekte zusammen entwickelt: die Hörsaal-Veranstaltungen beispielsweise.

Sein Zuhause und die Klänge, die es bereithielt, habe er nie so richtig kennengelernt. Beruflich sei das, so der 45-Jährige, eine gute Erfahrung gewesen. Wie kann ich aus der Situation heraus weitermachen, ohne dass ich Opfer, aber auch nicht Täter werde, sei die Frage gewesen, die er sich dabei gestellt habe. Früh schon hat er sich um Stipendien bemüht, um seine Projekte finanzieren zu können - was auch gelang.

Lauttechnisch ist wieder alles auf Vor-Krisenniveau

Über den Zeitraum eines Jahres – von 28. März 2020 bis 28. März 2021 – hat der Künstler seine Erlebniswelt aufzeichnet. Aus den 1 100 Stunden Aufnahmematerial hat er 360 Stunden ausgewählt, die er aktuell im Rahmen seines Projekts „Corona Concrète“ im Atelier Orbit 24 in Frankfurt präsentiert. Vögel, Eichhörnchen, Waschbären, Insekten, das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume – und seltener menschliche Geräusche wie ein Lachen, Schritte im Gras, Geschirrklappern oder sogar ein vorbeifahrendes Auto.

Ein Garten in Steinheim. Ein Innenhof, wie er typisch ist mit einem hölzernen Tor, einem Schuppen und einem kleinen Garten mit Rasen und Gemüsebeeten. In den Bäumen hängen Nistkästen, an der Mauer sieht man ein Insektenhotel. Inzwischen ist lauttechnisch alles wieder auf Vor-Krisenniveau angekommen. Das Gespräch wird immer mal wieder unterbrochen von Flugzeugen, die über Garten und Haus hinwegdonnern, und Kirchenglocken, die läuten. Als er hierherzog, sei er nächtelang schlaflos gewesen und habe wach gelegen wegen des Fluglärms. Die Zeit ohne habe er genossen, auch wenn er längst an die Geräusche gewohnt ist.

„Wir müssen in Zukunft viele Dinge anders machen“

„Die Krise ist etwas Wundervolles, weil sie zeigt, wo wir stehen und wer wir sind. Aber man muss es halt da durch schaffen, ohne wirklich Schaden zu nehmen“, gibt Riek zu. Er selbst ist zweimal an Corona erkrankt gewesen und leidet nach wie vor an Long Covid. Wochenlang hat er sich mit Fieber in den Garten geschleppt, um Geräusche aufzunehmen, um irgendwie weiterarbeiten zu können. Vorbei ist das für ihn noch lange nicht.

Trotzdem begreift er die Krise als Chance. „Wir müssen in Zukunft viele Dinge anders machen. Wenn wir verstehen, dass jedes Lebewesen seinen Platz auf dieser Erde hat, weil es in einem größeren Zusammenhang steht, dann können wir auch leichter einsehen, die Umwelt zu schützen“, sagt Riek. „Wenn du einen Eisvogel hörst und etwas über ihn weißt, dann fällt es dir leichter, etwas für ihn zu tun, damit er seinen Lebensraum nicht verliert“, sagt er und erzählt dann, wie verstörend er es fand, als der Virologe Christian Drosten den Ursprung des Coronavirus in der Pelzindustrie in China vermutete. „Das sind Tiere und die werden zu Pelzkragen verarbeitet. Und dann bahnt sich darüber ein Virus seinen Weg. Da wird man schon nachdenklich, was der Mensch alles so der Natur antut“, sinniert der Künstler.

Umhängetasche und Schalltrichter in der Hand

Für Riek bedeutet seine Arbeit Respekt vor der Natur zu haben. Schließlich sei es kein neuer Gedanke, dass man die Natur schützen und erhalten wolle. „Es ist absurd, denn auf der einen Seite fliegen wir personalisiert zum Mond, auf der anderen Seite bekommen wir diesen Naturschutz nicht auf die Reihe“, meint er. Wenn durch seine Hörinstallation eine Sensibilität bei den Menschen für die Natur entstünde, wäre das schon ein kleiner Erfolg. „Das würde mich freuen.“

Riek ist selbst im Naturschutz tätig. Er betreut ehrenamtlich Knicks. Das sind auf Wällen wachsende Hecken, die Felder oder Äcker teilen, die wichtig für Vögel und Kleintiere sind.

Eine Umhängetasche, einen Schalltrichter in der Hand, so zieht Lasse Marc Riek los. Seit letztem Sommer auch wieder zu weiter entfernten Punkten und Orten in der Region. Dabei ist Geduld gefragt. „Ich sitze manchmal Tage, bis ich das Geräusch habe, was ich möchte. Das ist wie eine Meditation. Verbunden mit der Natur und mit sich selbst“, erläutert er seine Arbeit. Tagelang streift er durch die Gegend, übernachtet im Zelt oder unter freiem Himmel, bei karger Kost und mit wenig Schlaf. Alleine fühlt er sich dennoch nicht. „Weil ich mich zurücknehme, still bin, kommen die Tiere näher. Dadurch fühle ich mich mit ihnen verbunden“, sagt Riek.

Etwas enttäuscht und wehmütig

Eine Innigkeit zwischen Mensch und Tier, Tier und Mensch. Das ist am Ende ein und dasselbe. „Die Leute hören heute nicht mehr richtig hin. Meine Arbeit kann ihnen helfen, die verlorene Fähigkeit wieder zu entdecken“, so der Klangkünstler.

Und sein Hinterhof ist für eine Zeit lang der Trichter gewesen, der das alles eingefangen hat. Man merkt Riek an, dass er enttäuscht, traurig, wehmütig ist, dass diese Zeitspanne vorbei ist. „Aber jetzt haben wir die Möglichkeit, daraus etwas zu machen“, sagt er und sieht dem Schmetterling hinterher, der sich von der Blumenwiese erhoben hat und durch den Innenhof in den Sommerhimmel empor gaukelt. Fast lautlos, aber eben doch hörbar für den Klangmagier Riek, der so vielen wie möglich etwas von der schützenswerten Schönheit der Natur damit erzählen möchte.

Von Bettina Kneller

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