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Strafkammer schmeißt Dolmetscher raus: Angeklagter muss seine Angaben wiederholen

„Erhebliche Zweifel an der Dolmetscherleistung“: Haarsträubende Übersetzungen haben beim Mammutprozess um den Gewaltexzess verzögert.- 
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„Erhebliche Zweifel an der Dolmetscherleistung“: Haarsträubende Übersetzungen haben beim Mammutprozess um den Gewaltexzess verzögert.- Symbol

Der Prozess gegen die neun Angeklagten, die sich nach der schweren Massenschlägerei im April in der Innenstadt vor dem Hanauer Landgericht wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen, könnte länger dauern als zunächst geplant. Denn bereits am zweiten Verhandlungstag hat sich eine neue, große Hürde gezeigt – von ganz unerwarteter Seite: Massive Verständigungsprobleme sorgen für Verzögerungen.

Hanau – Am Angeklagten Azad S., der vor der 2. Großen Strafkammer unter der Vorsitzenden Richterin Dr. Katharina Jost über seine Sicht der Dinge berichtet, liegt es nicht. Sehr wohl aber an seinem zugewiesenen Dolmetscher. Der scheint zum Auftakt des zweiten Verhandlungstags vergessen zu haben, um was ihn die Vorsitzende bereits zum Prozessauftakt gebeten hatte: „Benutzen Sie bitte das Mikrofon, damit wir Sie alle hören können.“ Das scheint im Saal des Congress Parks dann zu funktionieren.

Doch der Sprachkundige, der das in Nordkurdisch Gesagte von S. ins Deutsche übersetzen soll, scheint noch andere Marotten zu haben: Während S. seine Aussage macht, gestikuliert der Dolmetscher ausgiebig und ausschweifend. „Bleiben Sie doch bitte einfach ruhig sitzen – und übersetzen Sie“, ermahnt ihn die Vorsitzende. Danach wird sie noch deutlicher: „Hören Sie bitte damit auf. Ich kann Sie doch nicht anbinden!“

Das alles wäre noch unter der Rubrik „Unterhaltsam“ einzuordnen. Doch es wird noch schlimmer. Zunächst ist es noch der Angeklagte S. selbst, der in gebrochenem Deutsch den Dolmetscher korrigiert. Als S. dann den Satz sagt, in dem das Wort „Freiheitsplatz“ zweimal vorkommt, der deutsche Satz des Dolmetschers aber ganz anders lautet, wird schnell deutlich: Der Dolmetscher, der eigentlich dazu verpflichtet ist, „getreu und gewissenhaft zu übersetzen“, hat massive Probleme, den regionalen Dialekt des Angeklagten überhaupt zu verstehen.

Übersetzer klärt die Verwirrung im Gerichtssaal auf

Zum Glück ist der Synchronübersetzer nicht alleine im Saal. Schließlich greift ein fachkundigerer Übersetzer ein. Es gebe in der kurdischen Sprache vier Dialekte, die sehr unterschiedlich seien, erklärt er. „Das brauchen wir jetzt nicht“, kommentiert die Vorsitzende diese neue Erkenntnis. Dann ziehen sich die fünf Richter zur Beratung zurück.

Als die Kammer dann wieder zusammentritt, folgt der umgehende Rausschmiss, weil es „erhebliche Zweifel an der Dolmetscherleistung“ gibt. Der gerichtlich vereidigte Übersetzer darf nach Hause gehen. Ob er die gesetzlich festgesetzte Vergütung von 75 Euro pro Stunde inklusive Anreisezeit erhält, dürfte zweifelhaft sein.

Doch die Vorsitzende reagiert sofort: Aus Heidelberg reist innerhalb kürzester Zeit ein neuer Dolmetscher an, der sich zum Glück nahtlos in die Riege der übrigen Sprachkundigen einreiht und fleißig Wort für Wort überträgt.

Angeklagter muss seine komplette Aussage wiederholen

Für Azad S. hat diese Auswechselung jedoch Folgen: „Ich muss Sie leider bitten, das Ganze von vorne zu erzählen“, so die Vorsitzende, die sich jedoch zuvor vergewissert, dass der entlassene Dolmetscher nicht noch größeren Schaden angerichtet hat. Jost kann durchatmen: Die Anklageschrift und alle anderen Aussagen sind wohl richtig übersetzt worden. Azad S. hat alles verstanden.

Nach dem Hin und Her wiederholt S. seine Aussage. Der 26-Jährige ist nämlich die eigentliche Ursache für den Gewaltexzess. Er ist derjenige, der an diesem Abend als „Wildpinkler“ auf dem Freiheitsplatz unangenehm auffällt und von einem Albaner zunächst gerügt und dann beleidigt wird. Daraus entwickelt sich ein verbaler Streit auf der Strecke vom Freiheitsplatz bis zum Klinikum. Dort kommt es zum Showdown, als mindestens neun Männer aufeinander losgehen.

Das wilde Urinieren ist dem 26-Jährigen sichtlich peinlich. „Ich schäme mich.“ Bei der nachfolgenden Auseinandersetzung will er stets das Opfer gewesen sein. Sein Kontrahent habe gedroht: „Ich bringe dich um!“ Sowohl in der Rosenstraße, als ihn Albaner mit gezückten Messern bedroht hätten als auch schließlich auf dem Parkplatz vor dem Klinikum sei es zur Konfrontation gekommen. Dort hätten sich die Angreifer zunächst auf ihn gestürzt und schwer verletzt. Der erste Kontrahent vom Freiheitsplatz, der 26-jährige Albaner Eraldo H., habe ihm dort ins rechte ins Auge gestochen.

Auch der dritte Angeklagte sagt aus

Die anderen hätten auf ihn eingestochen und -getreten. „Plötzlich haben sie dann von mir abgelassen.“ Er kann sich danach nicht mehr an weitere Details erinnern und habe sich nur noch blutüberströmt in die Notaufnahme des Klinikums geschleppt. Heute leide er immer noch unter gesundheitlichen Problemen.

Schließlich kann auch noch der dritte Angeklagte, Ali S., Angaben machen. Das übernimmt sein Pflichtverteidiger Matthias Reuter. Ali S. weiß an diesem Abend nichts von der Auseinandersetzung, hört aber plötzlich seinen Bruder Alan auf der Straße laut schreien. „Als ich meinen Bruder hörte, habe ich versucht, hinterherzurennen. Ich hatte nur Hausschuhe an und konnte nicht so schnell rennen.“

Mit einem Wischmopp kommt er zum Showdown: „Die Schlägerei war schon im Gange.“ Er schlägt einmal zu, um seinem Bruder zu helfen. Doch dann wird es blutig: „Ich hatte Angst und bin so schnell es ging weggerannt. Ich habe meine Hausschuhe dort einfach stehen lassen, um schneller rennen zu können.“ Die Hauptverhandlung wird am Dienstag, 1. Dezember, fortgesetzt.

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