Standesbeamter geht in Rente

Werner Fischer hat in Hanau Tausende Paare getraut

Einen regelrechten Heiratsboom löste Werner Fischer in seiner Anfangszeit als Standesbeamter aus.
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Einen regelrechten Heiratsboom löste Werner Fischer in seiner Anfangszeit als Standesbeamter aus.

Wie viele Eheschließungen fallen in die durchschnittliche Berufslaufbahn eines Standesbeamten? „Hochgerechnet auf meine 35 Berufsjahre komme ich bestimmt auf weit über 5000“, lacht Werner Fischer.

Hanau - Wer in den vergangenen Jahrzehnten in Hanau geheiratet hat, dürfte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht an dem lebensfrohen 61-Jährigen vorbeigekommen sein. Doch jetzt, nach 23 Jahren als Standesbeamter in Hanau und zwölf weiteren in Mittelbuchen, schließt Werner keine Ehen mehr, sondern nur noch seine Berufslaufbahn ab. Diese begann 1975 mit der Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter bei der Stadt Hanau, wo er nach einem obligatorischen Zwischenstopp bei der Bundeswehr wenig später in der Ausländerbehörde unterkam.

Im Jahr 1986 begann er dann seine Karriere als Standesbeamter, zunächst in der Außenstelle in Mittelbuchen. „Da habe ich im Jahr teilweise bis zu 15 Trauungen gemacht, das war ein richtiger Heiratsboom damals“, erinnert er sich. Der Grund für den Ansturm auf die Außenstelle? „Ich hatte halt viele Freunde und Bekannte im heiratsfähigen Alter und die wollten dann eben alle gerne von mir getraut werden“, lautet Fischers Erklärung.

Manchmal acht Trauungen in Folge

Der Wechsel ins Standesamt Hanau im Jahr 1998 bedeutete auch ein Ende dieser vertrauten Atmosphäre. Denn neben der malerischen Atmosphäre des Schlosses Philippsruhe und dem direkten Blick auf den Main, hat das Standesamt noch eine weitere Besonderheit zu bieten. Als eines der wenigen in ganz Deutschland bietet es Trauungen auch samstags und sonntags sowie in den Abendstunden an, erzählt Fischer.

Die Folge? „Gut 50 Prozent der von uns durchgeführten Eheschließungen sind von auswärtigen Paaren gewesen. Die kamen manchmal teilweise extra aus München oder Hamburg angereist.“ Doch gerade die Möglichkeit, sich auch am Wochenende trauen zu lassen habe dabei für manch anstrengenden Arbeitstag gesorgt. „An manchem Samstag hatte ich dann schon mal acht Trauungen in Folge.“

Vor lauter Gesang die Unterschrift vergessen

Bei so viel Hektik könnten auch schneller Fehler passieren, gibt er zu. So habe er etwa an einem heißen Sommertag nach der siebten Eheschließung vergessen gehabt, das Brautpaar die Heiratsurkunde unterschreiben zu lassen. „Die hatten einen Opernsänger dabei, der nach dem Ja-Wort singen sollte“, erinnert er sich. „Und der singt und singt, und hörte gar nicht mehr auf. Alle schwitzten, und nachdem ich das Schlusswort gesprochen habe, gehen alle raus und plötzlich merke ich, dass die Unterschrift gefehlt hat“, blickt er lachend zurück.

Was ihm über all die Jahre besonders an seiner Tätigkeit gefallen hat? „Man hat mit Menschen aller Couleur zu tun, und die Leute haben ganz unterschiedliche Vorstellungen – die einen mögen es ganz klassisch und möchten alles in weiß haben, während die anderen nicht mal eine Traurede wollen.“ Allerdings sei die Arbeit in den letzten 20 Jahren auch deutlich anspruchsvoller geworden. Nicht mehr nur das Ausstellen von Geburts-, Trau- und Sterbeurkunden sei in seinen Aufgabenbereich gefallen. Ebenfalls musste mit deutschen Auslandsvertretungen konferiert werden, um Geburtsurkunden von Heiratswilligen zu prüfen und mögliche Scheinehen zu verhindern.

Zu den ebenfalls weniger erfreulichen Tätigkeiten gehörten sogenannte Notfalltrauungen. Es sei häufiger vorgekommen, dass er eine Ehe am Krankenhausbett geschlossen habe, „und ich nur wenige Tage später den Tod eines Ehepartners beurkunden musste.“ Von Änderungen im Namensrecht über die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe bis hin zu Trauungen unter strengen Corona-Bedingungen – in seiner Laufbahn hat Fischer einiges erlebt. Sein Fazit nach 35 Berufsjahren: „Mir hat einfach immer die Arbeit mit Menschen, auch aus den verschiedensten Kulturen, Spaß gemacht.“ Auf seinen wohlverdienten Ruhestand freut sich Fischer dennoch. Nicht nur, weil er nun mehr Zeit mit Hof und Garten sowie seinem Enkelkind verbringen können wird. Gemeinsam mit seiner Frau hat er auch vor, „in Mittelbuchen etwas auf die Beine zu stellen“. Sie wollten „aktiv werden“ und eventuell eine Art lokalen Mittagstisch anbieten, „damit das öffentliche Leben hier nicht einschläft“, sagt Fischer.

Von Joel Schmidt

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