Themenwoche 19. Februar

Mutter eines Hanauer Anschlagsopfers setzt sich für antirassistische Bildungsarbeit ein

Serpil Unvar hat am 19. Februar 2020 ihren Sohn Ferhat verloren. Jetzt hat die Mutter von vier Kindern die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.
+
Serpil Unvar hat am 19. Februar 2020 ihren Sohn Ferhat verloren. Jetzt hat die Mutter von vier Kindern die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.

„Rassismus“, sagt Serpil Unvar, „ist nicht angeboren.“ „Kein Kind hat am Anfang Vorurteile. Sie entstehen erst durch äußere Einflüsse“, ergänzt Abdullah Unvar. Die Mutter und der Cousin des am 19. Februar 2020 ermordeten Ferhat Unvar haben sich seit der schrecklichen Tat vor einem Jahr intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Und eine antirassistische Bildungsinitiative gegründet.

Hanau – „Ich bin Mutter von vier Kindern. Ferhat war mein ältestes Kind“, erzählt Serpil Unvar gestern in der Aula der Eugen-Kaiser-Schule. Es ist die Auftaktveranstaltung der Initiative, die nach ihrem Sohn benannt ist. Ferhat habe Mathematik und Philosophie gemocht, viel gelesen, sei sehr interessiert und offen gewesen. „Aber es gab immer wieder Probleme in der Schule. Er musste zweimal die Schule wechseln“, sagt sie über ihren Sohn, der mit 22 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. Er habe Diskriminierung und Rassismus erfahren, Aussagen wie ‘Du wirst es nie zu etwas bringen’ hätten ihm die Motivation genommen. „Die Probleme in der Schule haben unser Verhältnis belastet“, beschreibt die Mutter und sagt, dass sie damals nicht genau gewusst habe, wie sie sich verhalten soll, wie sie ihren Sohn hätte stärken und schützen können. „Ich wünsche mir starke Mütter. Deshalb ist mein Ziel die antirassistische Bildungsarbeit, als Brücke zwischen Müttern, Kindern und der Schule.“ Durch ihre Initiative sollen Schulen gestärkt werden, um dieses komplizierte Thema Rassismus gemeinsam anzugehen.

Der Schlüssel für eine buntere Gesellschaft liegt in der Bildung

Abdullah Unvar erklärt, dass die Familie in all ihrer Trauer erkannt habe, dass der Schlüssel für eine bessere, offenere und buntere Gesellschaft in der Bildung liege. „Deshalb müssen wir in der Schule ansetzen. Kinder müssen früh verstehen, dass Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft keinen Platz haben.“

Konzepte, erklärt der Cousin des Getöteten, könne die Bildungsinitiative, da noch in der Aufbauphase, aktuell noch nicht vorlegen. „Wir haben das nicht studiert, wir haben das nur erlebt. Aber wir haben viel Unterstützung von außen, von Fachleuten.“ Zum Beispiel von der Schulleiterin der Eugen-Kaiser-Schule, Martina Schneider, die mit der Initiative kooperieren möchte. Oder Bisenk Ergin, Antidiskriminierungstrainerin und Referentin für politische Bildung, die sich bei der Initiative engagiert und betont, wie wichtig das präventive Arbeiten sei. „Wir sind in Hanau und der Region schon gut vernetzt, können eine wöchentliche Beratung im Kulturforum anbieten und wollen jetzt mit digitalen Workshops in Schulklassen starten.“ Schon jetzt ist der Andrang bei der Initiative riesig. Abdullah Unvar spricht von mehreren 100 Anfragen täglich. Von Müttern, von Jugendlichen. „Könnt ihr mir helfen?“, sei die meistgestellte Frage.

Bereits zwei Projekte angestoßen

Auch Mathusa Emmanuel engagiert sich als aktives Mitglied der Bildungsinitiative. „Wir möchten Probleme lösen, nicht die Schuldfrage stellen. Wir möchten mitreden, statt über uns reden zu lassen“, betont sie und untermauert das durch zwei bereits angestoßene Projekte: einer Umfrage an Hanauer Schulen zu Rassismus und einer von der Initiative geschaffenen Videobotschaft die verdeutlicht, dass Rassismus nach wie vor ein aktuelles gesellschaftliches Problem ist.

Bewegende Worte findet OB Claus Kaminsky für das, was Serpil Unvar in ihrer Trauer geschaffen hat: „Wenn Ferhat auf das mutige und tapfere Wirken seiner Mama herunterblickt, dann ist er unglaublich stolz. Wir sind es auch. Was Sie tun, ist ein unglaublich hoffnungsvolles und Kraft spendendes Signal.“ Er lobt, dass die Initiative in die Zukunft gerichtet ist, mit anpacken will. Und sichert dafür „nach Kräften“ Unterstützung zu.

Und Serpil Unvar macht mit all ihrer Kraft deutlich: „Egal wie lang der Weg dauert – ich werde den Kampf gegen den Rassismus nicht aufgeben. Bis zu meinem letzten Atemzug. Für Hanau und für Ferhat.“ (Von Kerstin Biehl)

Das Logo der Initiative zeigt das Bild von Ferhat Unvar. Sein kleiner Bruder Mirza hat es gezeichnet.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare