Inklusion

Training mit Wasserrauschen: In Hanau steht Deutschlands einziges inklusives Fitnessstudio

Auch im Rollstuhl sitzend kann man im Westpark trainieren, dem deutschlandweit bislang einzigen inklusiven Fitnessstudio. Beim Handergometer, das Michelle Fiedler demonstriert, ist sogar Wasserrauschen inbegriffen.
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Auch im Rollstuhl sitzend kann man im Westpark trainieren, dem deutschlandweit bislang einzigen inklusiven Fitnessstudio. Beim Handergometer, das Michelle Fiedler demonstriert, ist sogar Wasserrauschen inbegriffen.

Wenn Michelle Fiedler an der Handpedale dreht, dann rauscht’s. Je schneller, desto lauter. Das Schwungrad aus Plexiglas, das an eine Lostrommel erinnert, ist mit Wasser gefüllt, und das setzt sich mit jeder Umdrehung mehr in Bewegung. Ein handgemachtes Wasserrauschen. „Das beruhigt und hat fast was Meditatives“, sagt Fiedler. Doch darum geht es eigentlich nicht. Zumindest nicht in erster Linie. Es geht um Fitness. Das Handergometer ist eins von mehr als 50 Geräten, die im bundesweit einmaligen Westpark in Steinheim stehen. So heißt Deutschlands erstes und nach wie vor einziges inklusives Fitnessstudio, in dem Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam trainieren – und arbeiten.

Hanau/Steinheim – Michelle Fiedler, die das Handergometer vorführt, an dem man auch im Rollstuhl sitzend trainieren kann, ist eine von einem Dutzend Westpark-Mitarbeitern und für Verwaltungsangelegenheiten zuständig. Der Westpark gehört zum Behindertenwerk Main-Kinzig e. V. (BWMK), einem Sozialunternehmen mit mehr als 50 Standorten im Kreis und vielen Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Seit genau einem Jahr gibt es im früheren Aldi an der Otto-Hahn-Straße dieses besondere Fitnessstudio in Nachbarschaft zur Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Für 700 000 Euro wurde das Gebäude aufwendig umgebaut. Auf 1400 Quadratmetern präsentiert sich in modernen, zum Teil mit Pastelltönen akzentuierten Räumen der Westpark mit Fitness, Wellness und Physiotherapie.

Corona-Krise hatte auch Auswirkungen auf das inklusive Fitnessstudio in Hanau

Wie andere Studios auch, so wurde der integrative Westpark von der Corona-Krise gebeutelt. „Zwei Monate hatten wir alle komplett zu“, sagt Fitnesstrainer Cisco Geb. Mittlerweile sind auch die Duschen und die Saunen – darunter eine eigene Frauen- und eine Finnische Außensauna – längst wieder geöffnet. Und die anfangs wegen Corona mitunter zögerlichen Besucher kommen wieder. „Wir sind auf dem Weg zum Normalbetrieb“, sagt Geb. Und auf gutem Weg, ein selbst gestecktes Ziel zu erreichen: Nach einem Jahr wollte der Westpark 500 Mitglieder haben. „Gut 470 sind es derzeit“, berichtet Verwaltungsfrau Fiedler beim Rundgang. Angesichts der Covid-19-Pandemie sei man damit „sehr zufrieden“. Seit Kurzem gibt es sogar prominente neue Mitglieder: Die Basketballer der Hanauer White Wings trainieren dort.

Gerade hat der integrative Betrieb drei neue Mitarbeiter eingestellt. Menschen mit Handicap, die mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt einen bedeutenden Schritt in ihrer beruflichen Entwicklung machen. Jasmin Ahmet, die zuvor im 1-2-3-Lebensmittelmarkt in Kesselstadt sowie in Telefonzentrale und Handmontage der Steinheimer Werkstatt tätig war, arbeitet inzwischen im Westpark-Bistro. Sabrina Bansleben wechselte aus der Reha-Werkstatt in Großauheim nach Steinheim und ist für Empfang und Kundenservice zuständig. Und Andree Reininger, der zuvor in der Steinheimer Metallwerkstatt des Behindertenwerks gearbeitet hat, ist Trainerassistent im Westpark.

Hanau: Nutzer des Fitness- und Wellness-Parks in Steinheim seien eine „bunte Mischung“

Inklusionsbetriebe beschäftigen im Schnitt zwischen 30 und 50 Prozent Mitarbeiter mit Handicap, erläutert Janine Gropp von Ballcom. Die Agentur aus Heusenstamm unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit des Behinderten-Werks.  „Im Westpark kommen wir auf an die 40 Prozent“, sagt Fitnesstrainer Geb. Die Nutzer des Fitness- und Wellness-Parks in Steinheim seien eine „bunte Mischung“. Menschen ohne Handicap trainieren neben oder mit Leuten mit Beeinträchtigung, Jung neben Alt. „Und wir haben immer mehr Familien“, hat Michelle Fiedler festgestellt.

Der Westpark ist komplett barrierefrei. Alle Geräte können von Menschen im Rollstuhl genutzt werden; sie lassen sich oft mit nur ein, zwei Handgriffen umbauen. Und im Milon-Zirkel, einem Zusatzangebot mit einem Dutzend elektronisch gesteuerter Geräte, muss, wer auf die nächste Station wechselt, nur ein Chip-Armband hinhalten, und schon fährt das Gerät selbstständig in die vorher individuell gespeicherte Sitzposition und zeigt im Display auch die Trainingsvorgaben an.

Training im inklusiven Fitnessstudio in Hanau erfolgt ohne Mundschutz

Zwar ist beim Betreten oder Verlassen coronabedingt auch im Westpark Mundschutz zu tragen, trainiert wird aber ohne. Und auch Einschränkungen bei den Geräten, die nach jeder Benutzung desinfiziert werden, gibt es nicht, weil aufgrund der Raumgröße die vorgeschriebenen Abstände problemlos eingehalten werden können.

Nur bei den angebotenen Fitness-Kursen wurde abgespeckt. „Auspowern mit viel Bewegung quer durch den Kursraum ist tabu“, bedauert Trainer Geb. Auch das ist der Pandemie geschuldet. Dafür gibt es mehr stationäre Fitness-, Yoga- oder Qi-Gong-Übungen in auf dem Boden markierten Zonen. Und am Handergometer trainieren, das geht immer – selbst erzeugtes Wasserrauschen inklusive.

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