Trauerfeier

Nach rassistischem Anschlag in Hanau: Eine Stadt hält den Atem an 

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Hanau trauert um die Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar. 

Selten war es in Hanau so still. Die Trauerfeier für die Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar ergriff eine ganze Stadt. 

  • Große Trauerfeier nach rassistischem Anschlag von Hanau
  • Rund 2000 Menschen kommen, Angehörige der Opfer sprechen
  • Hohe Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld

Hanau – Wer den Hanauer Marktplatz und den Freiheitsplatz seit Jahren zu verschiedenen Zeiten erlebt hat, stellte am gestrigen Abend fest: So still war es dort noch nie. Und noch nie waren Trauer und Andacht so greifbar.

Schätzungsweise 2000 Menschen, davon rund 1500 auf dem Marktplatz, hatten sich trotz der nasskalten Witterung versammelt, um auf zwei Großleinwänden die Übertragung der Trauerfeier aus dem Congress-Park zu verfolgen. „Die Stadt wird innehalten und still stehen“, hatte Oberbürgermeister Claus Kaminsky am Vormittag gesagt. Und Hanau stand gestern Abend für geraume Zeit still, vereint in Trauer und im Andenken an die Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar.

Als die Trauerfeier beginnt, wirkt es, als würden die Menschen auf dem Freiheitsplatz kollektiv den Atem anhalten. Ein älterer Mann hält das ausgedruckte Bild mit dem Schriftzug „Die Opfer waren keine Fremden“ in den Händen. Während Cassandra Steen singt, wischt er sich eine Träne aus dem Auge.

Trauerfeier in Hanau: Tränen fließen auf dem Marktplatz

Auch auf dem Marktplatz weinen beim Eröffnungslied „Gebt mir mein Leben zurück“ einige Menschen. Und bei der Rede von Kemal Koçak, Freund vieler der Opfer, fassen sich etliche an den Händen, manche umarmen sich. Es ist einer der eindrücklichsten Momente eines bewegenden Abends auf den beiden zentralen Plätzen in der Hanauer Innenstadt.

Nach Koçaks Rede folgt Applaus, auch nachdem die Angehörigen der Opfer gesprochen haben und nach den Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Ein großes Banner zeigt während der Übertragung auf dem Marktplatz die Namen der Opfer des rassistischen Terroranschlags. 

Lange ist unklar, wie viele Menschen überhaupt kommen würden. Verantwortliche von Stadt und Polizei stehen noch gut eine Stunde vor Beginn der Übertragung mit Journalisten zusammen, spekulieren. Zu diesem Zeitpunkt haben sich nur sehr wenige Menschen eingefunden. Die meisten noch am Brüder-Grimm-Denkmal, wo ein Meer an Kerzen und Fotos der Ermordeten an den Anschlag erinnert. TV-Teams und Fotografen filmen dort oder führen Interviews. Freunde von Fatih Saraçoglu einem der Anschlagsopfer, gruppieren sich um das Foto.

Hanau nach dem Anschlag: Hohe Sicherheitsvorkehrungen bei Trauerfeier

Ausnahmezustand herrscht seit dem späten Nachmittag aber auch in puncto Sicherheitsvorkehrungen in der Innenstadt. So viele Polizisten, so viel Sicherheitspersonal, so viele städtische Fahrzeuge und so viele Absperrungen an einem Tag hat Hanau zuvor noch nicht erlebt. „Mehrere hundert Beamte“ unter anderem der Bereitschaftspolizei, so Polizeisprecher Rudi Neu, sind im Einsatz, dazu die Hanauer Stadtpolizei, aber auch ein privater Sicherheitsdienst, der unter anderem Taschenkontrollen durchführt.

Ab 16 Uhr wird die Innenstadt dichtgemacht. Große Fahrzeuge von Stadtreinigung und Feuerwehr werden in Position gebracht, blockieren die Zufahrten zu Markt- und Freiheitsplatz. Vorsichtsmaßnahmen. Trotz allem „soll es eine würdige Trauerfeier werden“, sagt Rudi Neu noch vor deren Beginn.

Am Forum Hanau blockieren Müllfahrzeuge die Zufahrt zum Freiheitsplatz. Dort versammeln sich etwa 500 Menschen, um die Übertragung der Trauerfeier zu sehen. Fotos: Stassig

Auch die Busse fahren die beiden zentralen Plätze nicht mehr an. Die Einfahrt zur Tiefgarage am Forum Hanau bleibt zwar über die Hospitalstraße für den Autoverkehr frei, nutzen wird sie aber im Verlauf des Abends kaum jemand. Der Schlossplatz am Congress-Park ist auch für Fußgänger abgeriegelt. „Hier ist kein Durchgang mehr“, informieren Polizisten die Passanten, die aus der Graf-Philipp-Ludwig-Straße den Platz queren wollen, erklären ihnen, dass sie über Metzger- oder Nordstraße und Sandeldamm auf die andere Seite gelangen. Einige bleiben trotzdem kurz an der Absperrung stehen in der Hoffnung, vielleicht einen Blick auf prominente Gäste zu erhaschen.

Trauerfeier nach Anschlag: Hanau hält in Trauer inne

Die Altstadtgassen sind still und fast menschenleer. An Lokalen und in Schaufenstern hängen Plakate im Gedenken an die Opfer. In der Innenstadt haben zu diesem Zeitpunkt schon die ersten Läden geschlossen. „Seit einer Stunde ist es ganz ruhig geworden“, beobachtet der Mitarbeiter eines Fast-Food-Lokals am Freiheitsplatz.

An der Fahrgasse und der Hammerstraße haben am späten Nachmittag nur noch einzelne Geschäfte geöffnet. Am Abend, als draußen die Trauerfeier übertragen wird, sind auch im Einkaufszentrum Forum Hanau die meisten Türen geschlossen. Alle Geschäftigkeit ist weg. Die Stadt hält inne in der Trauer um die Ermordeten vom 19. Februar.

Von Katrin Stassig und Christian Spindler

Rund anderthalb Monate nach dem Terroranschlag in Hanau haben 18 Rapper einen Song für die Opfer produziert.

Kurz nach dem Anschlag in Hanau hauen Mitarbeiter des Bundestags auf den Putz: Sie feiern eine Party, während draußen der Ermordeten gedacht wird.

Ein Vierteljahr nach dem rassistisch motivierten Anschlag bezeichnet Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Aufklärung und Konsequenzen von Hanau als bisher „unzureichend“.

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