TÜV-Skandal

Skandal beim TÜV in Hanau: Leiter winkt Autos gegen Schmiergeld durch

TÜV-Plakette wird auf das Nummernschild geklebt
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Prüfplaketten trotz „erheblicher Mängel“: Für Gefälligkeitsgutachten sollen zwei TÜV-Prüfer in Hanau die Hand aufgehalten haben.

Jahrelang sollen sechs Männer in Hanau gegen Geld dafür gesorgt haben, dass nicht mehr ganz fahrtüchtige Autos TÜV-Plaketten erhalten. Nun stehen sie vor Gericht.

  • Sechs Männer stehen in Hanau vor Gericht, ihnen wird Bestechung und Bestechlichkeit vorgeworfen.
  • Zwei der Angeklagten waren beim TÜV beschäftigt.
  • Sie sollen nicht mehr fahrtüchtige Autos und Lkw einfach durchgewunken haben.

Hanau – „Bis dass der TÜV uns scheidet. . .“. Dieser Satz gilt für viele Autobesitzer. Vor allem, wenn für den Wagen, der schon einige Jahre und Kilometer auf dem Buckel hat, der nächste Prüftermin ansteht. In Hanau sollen sechs Männer über Jahre dafür gesorgt haben, dass nicht mehr ganz so fahrtüchtige Karossen und deren Halter weiterhin vereint geblieben sind. Und das mit amtlicher Genehmigung – und auf wundersam-abenteuerliche Art und Weise.

Eine Vorliebe für ältere Autos ist nicht der Antrieb dafür gewesen, wie die Kriminalpolizei herausgefunden haben will. „Die Anklage lautet auf Bestechung und Bestechlichkeit“, berichtet Oberstaatsanwalt Dominik Mies auf Anfrage.

Die Vorwürfe sind haarsträubend: Gegen Bargeld sollen unzählige Personenwagen und sogar Lastwagen teilweise ohne eine qualifizierte und vom Gesetz geforderte unabhängige Prüfung einfach „durchgewunken“ worden sein. Alle Fahrzeuge erhielten neue TÜV-Plaketten, obwohl sie teilweise erhebliche technische Mängel hatten. Die sechs Männer, die eine florierende Geschäftsbeziehung gepflegt haben sollen, treffen sich in der kommenden Woche wieder: auf der Anklagebank der 5. Wirtschaftsstrafkammer des Hanauer Landgerichts. Vier von ihnen sind Werkstattbesitzer oder Fahrzeugvorführer, die sich wegen Bestechung verantworten müssen. Im Fokus stehen zwei Männer, die beim TÜV angestellt waren. Ihnen wirft die Staatsanwaltschaft Bestechlichkeit in insgesamt 69 Fällen vor.

Auch der ehemaliger Leiter der TÜV-Servicestelle an der Bruchköbeler Landstraße in Hanau steht vor Gericht

Das Pikante an der Sache: Bei einem der Angeklagten handelt es sich um den – ehemaligen – Leiter der TÜV-Servicestelle an der Bruchköbeler Landstraße. Ihm wirft die Anklagebehörde zudem noch in 46 Fällen vor, seinen Untergebenen zu Straftaten verleitet zu haben. Nach dem Ergebnis der Ermittlungen soll es bei der Technischen Überwachung in Hanau, die in staatlichem Auftrag handelt, in den Jahren 2011 bis 2013 ein korruptes Netzwerk gegeben haben. Sowohl in Hanau als auch an Prüfstützpunkten im Main-Kinzig-Kreis und in der Wetterau seien die Fahrzeuge entweder nur vorgefahren oder nur innerhalb weniger Minuten „geprüft“ worden und hätten ihre Plaketten erhalten, so der Pressesprecher der Hanauer Staatsanwaltschaft weiter.

Wie aus Insiderkreisen zu erfahren ist, sollen in den Räumen des TÜV in Hanau sogar „Stapel von Fahrzeugbescheinigungen“ vorgelegt worden sein, ohne dass die Autos überhaupt auf dem Hof gestanden oder beispielsweise eine Bremsenprüfung durchlaufen hätten.

Die amtlichen Stempel gab es trotzdem, die Plaketten „zum Mitnehmen“ für die Vorführer dazu – die Fahrzeugbesitzer blieben ahnungslos und freuten sich lediglich darüber, dass sie ihre Autos für zwei weitere Jahre fahren durften.

Hanau: TÜV-Prüfungen wurden für Bargeld schnell und wohlwollend erledigt

Der „Schmierstoff“ für diese besonders schnellen und wohlwollenden amtlichen Prüfungen: Bargeld. So sollen „auf den Klemmbrettern“ der Prüfer unter den Kfz-Papieren jeweils Euro-Scheine im Nennwert zwischen zehn und 20 Euro gesteckt haben. Pro Prüftag sollen die beiden Angeklagten „rund 50 Euro in bar“ in die eigene Tasche gesteckt haben.

Ein Insider, der unsere Zeitung auf diesen Fall aufmerksam gemacht hat, geht davon aus, dass es sich bei dem „Hanauer TÜV-System“ um eine jahrelange Praxis gehandelt habe, an der ausschließlich die beiden amtlichen Prüfer beteiligt gewesen sind. Die vor dem Landgericht Hanau angeklagten 69 Fälle seien nur die „Spitze des Eisbergs“. Insgesamt sollen die Angeklagten „mehrere tausend Euro“ für die Gefälligkeitsgutachten kassiert haben.

So sollen die Fahrzeugvorführer aus den Werkstätten immer gezielt auf diese beiden Prüfer zugegangen sein und sich in den Räumen des Hanauer TÜV teilweise „wie zu Hause“ gefühlt haben.

TÜV Hessen kam den Tätern in Hanau selbst auf die Spur

Abenteuerlich soll in diesem Fall auch die Ermittlungsarbeit gewesen sein. Denn es ist der TÜV Hessen selbst gewesen, der den mutmaßlichen „schwarzen Schafen“ in den eigenen Reihen auf die Schliche gekommen ist.

Nach einem Anfangsverdacht sind beide Männer auf dem Gelände des Hanauer TÜV gezielt beobachtet worden. Dem dabei verdeckt eingesetzten internen Kfz-Sachverständigen sollen die Haare zu Berge gestanden haben: Innerhalb kürzester Zeit sei eine stattliche Anzahl von Fahrzeugen „ohne Mängel“ geprüft worden – obwohl das technisch gar nicht möglich gewesen sei.

Der TÜV schaltete daraufhin die Polizei ein und erstattete Strafanzeige gegen die eigenen Mitarbeiter. Mit hohem Aufwand sollen Kriminalisten dann über Wochen ermittelt haben. Dabei seien den beiden Verdächtigen auch „präparierte Autos“ untergejubelt worden. Auch sie hätten den Hanauer TÜV „ohne Mängel“ und mit neuen Plaketten wieder verlassen.

TÜV in Hanau: Ermittler ließen über 100 Autos erneut prüfen

Die Ermittler setzten schließlich unabhängige Kfz-Sachverständige ein, die über 100 Autos einer erneuten Prüfung unterzogen: Der überwiegende Teil der Fahrzeuge soll „erhebliche Mängel“ gehabt haben und hätte niemals eine Prüfplakette erhalten dürfen. Schließlich schritt die Polizei ein, der TÜV Hessen kündigte beiden Mitarbeitern fristlos.

Der Prozess vor der 5. Wirtschaftsstrafkammer unter dem Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident Dr. Mirko Schulte beginnt am Donnerstag, 30. Juli. Insgesamt sind sieben Verhandlungstermine bis in den August anberaumt worden.

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