Gedenken an 19. Februar

Überlebender des Anschlags sorgt für Unruhe im Netz: Beitrag von Piter Minnemann zieht Hetze nach sich

Sieht sich Vorwürfen ausgesetzt: Piter Minnemann. Der Überlebende des Anschlags vom 19. Februar sprach im Dezember bei der Mahnwache in Kesselstadt zu Angehörigen und Freunden der Opfer. Gegenüber dem HA distanziert er sich von jeglicher Hetze und Aufrufen zu Gewalt. archiv
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Sieht sich Vorwürfen ausgesetzt: Piter Minnemann. Der Überlebende des Anschlags vom 19. Februar sprach im Dezember bei der Mahnwache in Kesselstadt zu Angehörigen und Freunden der Opfer. Gegenüber dem HA distanziert er sich von jeglicher Hetze und Aufrufen zu Gewalt.

Er gehört zu den Überlebenden des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar 2020. Nun sorgt Bilal Piter Minnemann aus Hanau für Aufregung im Internet.

  • Vor kurzem wurde der Opfer des rassistischen Anschlags vom 19. Februar in Hanau gedacht.
  • Der CDU-Politiker Heiko Kasseckert bekommt Hasskommentare wegen eines Fotos.
  • Bilal Piter Minnemann kritisierte den Politiker zuvor als einen „ekelhaften Heuchler“.

Hanau – Bilal Piter Minnemann ist eines der Gesichter und Stimmen des Attentats vom 19. Februar 2020 geworden, bei dem ein 43-Jähriger neun Menschen mit Migrationshintergrund tötete, dann seine Mutter erschoss und anschließend sich selbst richtete. Minnemann hat den Angriff am zweiten Tatort, der „Arena Bar“ in Kesselstadt, er- und überlebt. Rund um den Jahrestag war der Augenzeuge, der bei Kundgebungen und zuletzt auch bei der Mahnwache in Kesselstadt das Wort ergriff und sich das Datum 19.02.2020 auf die Brust tätowieren ließ, ein gefragter Gesprächspartner für Journalisten und Podcaster. Aber nicht nur mit dem „Spiegel“ oder der „Zeit“ hat der 19-jährige Minnemann gesprochen, sondern auch mit Ahmad Armih, der sich selbst „Abul Baraa“ nennt. Als „Abul Baraa“ sei Armih ein bundesweit einflussreicher Hassprediger, schrieb vor einem Jahr die FAZ.

Vor zwei Jahren sei die Polizei gegen Armih vorgegangen, weil er Geld für islamistische Kämpfer nach Syrien transferiert haben soll. In einem Telefongespräch für den Youtube-Kanal von Armih sprach Minnemann mit diesem über seine Beweggründe, warum er zwei Tage nach den Attentaten zum Islam konvertiert war. Es sei ihm lediglich wichtig gewesen, eine Plattform zu nutzen, um seine Geschichte zu erzählen, betont Minnemann auf Nachfrage, warum er mit dem als salafistischen Prediger bekannten Armih gesprochen habe. Der 19-Jährige distanzierte sich ansonsten von Abul Baraa. „Ich habe ihn nie getroffen und habe auch keinen weiteren Kontakt zu ihm.“

Hanau: Minnemann rief zum Protest gegen CDU-Landtagsabgeordneten Heiko Kasseckert auf

Minnemann selbst ist nach Recherchen unserer Zeitung kein unbeschriebenes Blatt. Er soll in den vergangenen Jahren bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein, unter anderem wegen Körperverletzungen. Aktuell ist er vor dem Amtsgericht Hanau in einem Verfahren wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Raubs angeklagt. Diese Tat soll er während laufender Bewährung begangen haben.

Wie jetzt bekannt wurde, ist Minnemann auch Initiator eines Aufrufs gegen den CDU-Landtagsabgeordneten Heiko Kasseckert, der sich in den sozialen Netzwerken vor einigen Tagen verselbstständigt und den Staatsschutz auf den Plan gerufen hat.

Minnemann, Überlebender von Hanau, distanziert sich von Aufrufen zur Gewalt

Kasseckert, die CDU-Bundestagsabgeordnete Katja Leikert und Vertreter der Hanauer CDU hatten am 19. Februar zum Gedenken an die Opfer und als Zeichen gegen Gewalt einen Kranz am Heumarkt niedergelegt, so wie andere Parteien auch an diesem Tag. Das Foto, das hier entstand, wurde von Kasseckert sowohl auf Instagram als auch auf Facebook gepostet. Auf beiden Plattformen rief Minnemann dazu auf, den Post von Kasseckert zu kommentieren, bezeichnete ihn darin als „ekelhaften Heuchler“, der für PR-Zwecke pose, obwohl er sich zuvor für das Abräumen des Brüder-Grimm-Denkmals stark gemacht habe und forderte seine Netzfreunde auf, das Foto entsprechend zu kommentieren. Diesem Aufruf folgten von Freitag bis Mittwoch allein auf Instagram fast 2000 Menschen. Auch Familienmitgliedern von Kasseckert wurde gedroht.

Auf Nachfrage unserer Zeitung distanzierte sich Minnemann gestern von jeglicher Hetze und Aufrufen zu Gewalt, die seinem Post zu dem Kasseckert-Foto gefolgt waren. „Das war nicht von mir gewollt, ich habe nur dazu aufgerufen, dass die Leute ihre Meinung sagen.“ Wenn einige Leute das übertrieben hätten, könne er dafür nicht verantwortlich gemacht werden. „Es ging mir in erster Linie darum zu zeigen, was er (Kasseckert) gemacht hat“, so Minnemann. Und dass der Politiker die Meinung der Menschen dazu sehe.

Heiko Kasseckert sitzt für die CDU im Hessischen Landtag

Hanau: Nach Hasskommentaren gegen CDU-Abgeordneten - Staatsschutz schaltet sich ein

Aufgrund des Inhaltes der größtenteils Hass- und Hetzkommentare haben sich Innenministerium, Polizei und Staatsschutz eingeschaltet und die Bedrohung als so ernstzunehmend eingestuft, dass die Wohnung und auch das Büro des Landtagsabgeordneten aus Langenselbold durch eine polizeiliche Schutzmaßnahme überwacht werden. In einem Fall laufen Ermittlungen wegen konkreter Bedrohung, zudem wurden insgesamt über 70 Strafanträge gestellt, bestätigt er auf Nachfrage unserer Zeitung. „Der Sachverhalt zeigt, dass eine sachliche Auseinandersetzung offenbar kaum mehr möglich ist. Unsere Gesellschaft muss sich gegen jede Art von Radikalismus wehren. Die Bedrohung gegen meine Familie und mich haben eine Grenze überschritten. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass Meinungsfreiheit durch solche Methoden eingeschränkt wird“, so Kasseckert, der den Facebook-Post bereits gelöscht hat.

Die Hetze gegen Kasseckert ist kein Einzelfall. Kurz nach dem Jahrestag hatte Hanaus OB Claus Kaminsky Anzeige gegen einen Internet-Hetzer gestellt, der sich selbst „Volkslehrer“ nennt. Dieser hatte gegen die Opfer des Anschlags von Hanau gehetzt. Auch Landrat Thorsten Stolz (SPD) hatte den Beitrag an die Polizei weitergeleitet. Es ermittelt der für politisch motivierte Straftaten zuständige Staatsschutz. Minnemann hatte in diesem Fall auf Instagram vor dem „Volkslehrer“ gewarnt. Anfang Februar war bekannt geworden, dass das Amtsgericht Hanau eine Geldstrafe von 5400 Euro gegen einen 25 Jahre alten Mann aus dem Main-Kinzig-Kreis verhängt hat, der Hanaus OB Kaminsky im Netz mehrfach beleidigt und bedroht hatte.

Hanau: Hagen Kopp von der „Initiative 19. Februar Hanau“ nimmt Minnemann in Schutz

In dem gemeinsamen Brief der Familien, deren Angehörigen bei dem Attentat am 19. Februar 2020 ermordet wurden, distanzieren sie sich „klar und eindeutig von Beleidigungen oder Verunglimpfungen“. „Jegliche Form von Beleidigungen oder Drohungen, insbesondere in sozialen Netzwerken, sind weder von uns initiiert noch werden diese von uns unterstützt oder befürwortet. Dies ist uns an dieser Stelle ausgesprochen wichtig klarzustellen.“

Für die „Initiative 19. Februar Hanau“ sagte Hagen Kopp, dass es natürlich zu verurteilen sei, wenn im Netz gegen andere Menschen Drohungen ausgesprochen werden. Aber Piter Minnemann hätte in seinem ersten Post weder Heiko Kasseckert beleidigt noch zu Hass oder Hetze aufgerufen. Vielmehr sei es verständlich, dass das Foto der Kranzniederlegung nicht kommentarlos stehen gelassen worden sei, da es einer gewissen Heuchelei nicht entbehre. (Von Monica Bielesch, Thorsten Becker Und Yvonne Backhaus-Arnold )

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