Corona-Pandemie

Veranstaltungsbranche in Existenznot: Lokale Musiker und Konzertpromoter leiden unter der Corona-Krise

Veranstalter hatten Hygienekonzepte erarbeitet: Dennoch wurde die Kulturbranche im November wieder in den vollständigen Lockdown geschickt. Das empfinden auch lokale Agenturen als ungerecht.
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Veranstalter hatten Hygienekonzepte erarbeitet: Dennoch wurde die Kulturbranche im November wieder in den vollständigen Lockdown geschickt. Das empfinden auch lokale Agenturen als ungerecht.

Theater und Kinos sind wieder geschlossen, Konzerte finden auch keine mehr statt: Der zweite bundesweite Lockdown trifft neben der Gastronomie vor allem die Veranstaltungsbranche hart. Dabei hatte diese wie die meisten Bar- und Restaurantbetreiber gute und funktionierende Hygienekonzepte erarbeitet, damit wenigstens ein bisschen Kultur möglich ist. Die Zukunft in diesem Geschäft scheint ungewiss – weil sie kaum planbar ist. Auch lokale Veranstalter haben darunter zu leiden.

Region – Die Star Concerts Veranstaltungs GmbH hat ihren Sitz in Erlensee. Seit mehr als 20 Jahren organisiert die Agentur über 100 Konzerte und Theateraufführungen pro Jahr in ganz Deutschland, präsentiert beispielsweise die Amigos, das Kikeriki-Theater, The 12 Tenors, die Johann-Strauss-Operette Wien und die bekannten Gospelkonzerte in Hanau.

In der Corona-Krise haben die Promoter zwar immer noch zu tun, sagt Henrik Starischka, Geschäftsführer von Star Concerts, im Gespräch mit unserer Zeitung, aber in erster Linie als „Verleger“. „Unsere Hauptarbeit besteht derzeit darin, Termine zu verlegen“, beschreibt Starischka. Denn das ist das Dilemma: Neue oder zusätzliche Corona-Verordnungen, in denen die erlaubte Höchstzahl an Personen in öffentlichen Veranstaltungen festgelegt wird, werden oft kurzfristig erlassen, die Eventbranche lebt jedoch von der langfristigen Planbarkeit.

Starischka nennt als Beispiel die Tournee der Johann-Strauss-Operette. Mit der Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár hätte das Ensemble ab dem 27. Dezember dieses Jahres eigentlich auf eine deutschlandweite Tour mit insgesamt 40 Auftritten, unter anderem in Bad Orb, gehen sollen. Geplant wurde die Gastspielreise im Herbst 2018. „Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits Hallen in ganz Deutschland gebucht und Mietverträge abgeschlossen“, macht Starischka deutlich.

Tourneeplanung sei unter aktuellen Umständen nicht möglich

Anzahlungen wurden geleistet, ein Jahr im Voraus die Künstler engagiert, Kulissen hergestellt, Kostüme ausgeliehen und Hotelzimmer reserviert; Fahrer und Fahrzeuge (Reisebus, Technik-Van bis hin zum 40-Tonner) wurden gebucht. Im Herbst dieses Jahres sollten die Proben beginnen, doch die Pandemie machte die Pläne zunichte. Nun ist die Tournee um ein Jahr verschoben, auf Dezember 2021/Februar 2022. In der Branche rechne man damit, so Starischka, dass man frühestens im Herbst 2021 wieder spielen könne.

Zwar gilt der aktuelle Lockdown nur bis zum 30. November, doch wer weiß denn, was danach ist? „Bundesweit werden von Woche zu Woche Bestimmungen geändert, gelockert und die Lockerungen dann doch wieder zurückgenommen“, so der Promoter aus Erlensee. Unter diesen Bedingungen sei eine Tourneeplanung natürlich nicht möglich, was bleibe, sei die Absage. Dies treffe dann nicht nur Veranstalter, die auf den bereits entstandenen Kosten sitzen bleiben, sondern alle beteiligten Berufsgruppen wie Künstler, Techniker, Bühnenhelfer, Produktionsleiter, Regisseur, Fahrer, Veranstaltungsbetreuer, Caterer, Einlasspersonal und viele mehr.

Doch selbst in Zeiten wie im Sommer, als Veranstaltungen mit deutlich reduzierter Zuschauerzahl sowie Hygiene- und Abstandsregelungen nach dem ersten Lockdown wieder erlaubt waren und auch stattfanden, rechnet sich das Geschäft nicht. „Für Veranstaltungshallen, in denen 1000 bis 1200 Besucher bequem Platz finden, durften beispielsweise nur maximal 100 Karten verkauft werden. Während subventionierte Veranstalter damit durchaus eine gewisse Zeit umgehen können, ist dies für privatwirtschaftlich arbeitende schier unmöglich“, sagt Starischka. Alle Kosten wie etwa Hallenmiete, Künstlergage, Kosten für Techniker und Crew, Einlasspersonal, Caterer, Hotelzimmer, Werbung lägen hier zu 100 Prozent beim Veranstalter. „Mit 100 verkauften Tickets können nicht annähernd die Kosten gedeckt werden.“ Dadurch bestehe laut Starischka für Veranstalter quasi ein Berufsverbot.

Agentur hält sich „mit Kurzarbeit und Galgenhumor“ über Wasser

Auch die traditionellen Gospelkonzerte, die seit mehr als 20 Jahren an den Weihnachtsfeiertagen unter anderem in Hanau ihre regelmäßigen und treuen Besucher haben, sind betroffen. Zum Gospelkonzert in der Hanauer Christuskirche hätten – nach den Einschränkungen, die vor dem zweiten Lockdown galten – 85 Zuhörer kommen dürfen. Im Mittelschiff der Christuskirche stehen normalerweise bis zu 600 Sitzplätze zur Verfügung. Angesichts dieser Zahlen wird deutlich, dass die Veranstalter „massiv drauflegen würden“, so Starischka. Zudem sei eine Planung unter den gegebenen Umständen gar nicht möglich. „Gemeinsam mit den Fans, die die Gospelkonzerte jedes Jahr mit uns feiern, haben wir auf ein Wunder gehofft, leider vergebens.“

Zum festen Star-Concerts-Team werden freie Mitarbeiter für die jeweiligen Aufträge dazu gebucht. Freelancer werden diese in der Branche genannt. Unterstützung aus dem Hilfspaket der Bundesregierung für die Kultur- und Kreativwirtschaft hat die Agentur bereits beantragt. Bis dahin halten sie sich „mit Kurzarbeit und Galgenhumor“ über Wasser. Dass der Eventbranche mit dem zweiten Lockdown im November nun wieder alle Termine verboten wurden, empfindet Starischka als unfair. Denn die Veranstalter seien durchaus in der Lage, vernünftige Hygienekonzepte zu erstellen und diese auch realistisch umzusetzen. Feste Sitzplätze für die Nachverfolgbarkeit der Kontakte, gelenkte Besucherströme und eingeschränktes Catering machten die Veranstaltungen überschaubar. Auch Abstandsregeln würden, falls nötig, in Kauf genommen.

„Wir sind bereit, mit den zahlreichen Einschränkungen verantwortungsbewusst umzugehen, wenn man uns lässt. Was wir brauchen, ist eine Perspektive, um zeitnah wieder wirtschaftlich arbeiten zu können, und Gleichbehandlung mit anderen Branchen, für die offensichtlich und aus unerfindlichen Gründen andere Regeln gelten“, mahnt Starischka.

Tiefe Enttäuschung auch bei der Neuen Philharmonie Frankfurt

Auch die Neue Philharmonie Frankfurt, die ihren Geschäftssitz in Hanau hat, macht ihrem Frust auf ihrer Internetseite Luft: „Nach Monaten des Stillstands hatten wir uns einiges vorgenommen für die letzten zwei Monate des Jahres: Konzerte, Projekte, eine Tournee – alles mit ausgefeilten Hygienekonzepten und gerechnet auf die sich ständig ändernden erlaubten Besucherzahlen. Plakate waren gedruckt, Programmhefte geschrieben, Solisten engagiert, Musiker gebucht, Säle gemietet. Nun macht die eskalierende Pandemie alle Pläne zunichte.“

Wie alle Orchester der Republik sei man von der pauschalen Schließung der Kulturinstitutionen tief enttäuscht. Kein einziges Konzert sei zu einem Infektionsherd geworden. Dass nun trotzdem sämtliche Konzerte verboten wurden, sei daher nicht nachvollziehbar. „Und dass in Folge unsere Musikerinnen und Musiker weiteren Monaten ohne Einnahmen entgegensehen, bereitet uns große Sorgen.“

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