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Videoüberwachung hilft den Juristen: Schläger vom Freiheitsplatz muss in Jugendhaft

„Alles sehr deutlich zu sehen“: Die Bilder aus den Kameras der Stadt Hanau haben eine schwere Straftat aufgeklärt.
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„Alles sehr deutlich zu sehen“: Die Bilder aus den Kameras der Stadt Hanau haben eine schwere Straftat aufgeklärt.

Nachdem er einen Mann auf dem Freiheitheitsplatz in Hanau brutal angegriffen hatte, stand ein 18-Jähriger vor Gericht. Nun wurde die Tat mit Hilfe der Hanauer Videoüberwachung aufgeklärt und der Angeklagte verurteilt.

Hanau – Im Verhandlungssaal haben Juristen meist unterschiedliche Meinungen. Diesmal herrscht aber in einem Punkt Einigkeit vor der 2. Großen Jugendkammer am Hanauer Landgericht unter dem Vorsitz von Dr. Katharina Jost: Die von der Stadt Hanau installierte Videoüberwachung hat zwar die brutale Attacke nicht verhindert, aber maßgeblich dazu beigetragen, die Tat aufzuklären, den Angeklagten zu überführen und die drastische Strafe zu verhängen. Der 18-jährige K. muss wegen gefährlicher Körperverletzung für drei Jahre und drei Monate in Jugendhaft.

In dem mehrtägigen Prozess haben sich die fünf Richter nicht unbedingt auf die Aussagen der Zeugen verlassen können, die teils widersprüchliche Angaben gemacht haben.

Daher sind die Videoaufzeichnungen aus der Nacht zum 1. Februar besonders wichtig. Die Überwachungskamera filmt, wie ein friedliches Treffen plötzlich eskaliert. Die Bilder decken äußerste Brutalität auf: K. schlägt seinen Kontrahenten zu Boden. Dann setzt er sich auf sein Opfer, schlägt ihm mit der Faust viermal ins Gesicht. Zum Schluss tritt er dem 34-jährigen Mann noch einmal gegen den Kopf.

Hanau: Der Schläger vom Freiheitsplatz habe auf den am Boden liegenden Mann getreten

„Der Mann lag bereits auf dem Boden und war außer Gefecht – das sprengt alle Grenzen“, so die Vorsitzende Richterin in der Urteilsbegründung.

Das städtische Überwachungsvideo hilft dem Gericht, den genauen Tatablauf zu rekonstruieren. „Das ist alles sehr deutlich zu sehen.“ Staatsanwältin Ariane Dinges ist der gleichen Ansicht und stützt das Plädoyer auf die „gute Videoaufnahme“. Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter, die das Opfer als Nebenklägerin vertritt, ist ebenfalls überzeugt: „Die hervorragende Videotechnik hat geholfen, diesen Fall zu lösen.“

Selbst Benjamin Düring, der Pflichtverteidiger von K., gibt zu Bedenken, dass es ohne diese Aufzeichnung schwer gewesen wäre, das genaue Tatgeschehen zu rekonstruieren.

Bewertungen der Tat vom Freiheitsplatz in Hanau gehen auseinander

Bei der Bewertung des brutalen Angriffs gehen die Meinungen allerdings auseinander. Staatsanwältin Dinges verweist auf die schweren Verletzungen, die das Opfer erlitten hat. K. habe „den Tod billigend in Kauf genommen“ und „kein Erbarmen“ gezeigt. Daher hält sie am Vorwurf der Anklage fest und beantragt eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags sowie eine Jugendstrafe von drei Jahren und acht Monaten. So sieht es auch die Nebenklage. „Im Gesicht des Opfers ist kein Knochen heil geblieben“, betont Berg-Ritter.

Verteidiger Düring hingegen verweist darauf, dass der 34-Jährige nicht ganz unschuldig an dem Geschehen gewesen sei. Dieser habe zunächst eine junge Frau begrapscht. Dann habe er K. geschubst und einen ersten Schlag versucht. „Mein Mandant hat nicht in Tötungsabsicht gehandelt“, betont Düring.

Dass der 18-Jährige allerdings keine Chance mehr auf eine Bewährungsstrafe bekommen soll, sieht selbst der Strafverteidiger, der wegen gefährlicher Körperverletzung eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren fordert.

Hanau: Schläger vom Freiheitsplatz hat bereits zehn Vorstrafen

Da K. nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wird, sind drei Jahre und drei Monate eine vergleichsweise hohe Strafe. Das liegt vor allem daran, dass der 18-Jährige bereits zehn Vorstrafen auf dem Kerbholz hat, darunter sogar einen 14-wöchigen Jugendarrest, was selbst von der Jugendgerichtshilfe der Stadt Hanau als „rekordverdächtig“ bezeichnet wird. Ansonsten gibt es selbst von dieser Seite keinen anderen Ausweg: „Die Hilfemaßnahmen mit erheblichem Stundenaufwand“ hätten keine Verbesserung gebracht.

Die Vorsitzende Richterin verdeutlicht, dass für K. das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Vor allem deshalb, weil der 18-Jährige sogar während der seit Juli laufenden Gerichtsverhandlung in der Untersuchungshaft gewalttätig geworden ist.

Angesichts der einschlägigen Vorstrafen wegen Körperverletzungen gebe es keine Alternativen zu einer Verbüßung hinter Gittern.

Schläger vom Freiheitsplatz (Hanau) habe nichts dazugelernt

„Sie haben nichts dazugelernt und einfach weitergemacht wie vorher“, so Jost, die K. „schädliche Neigungen“ attestierte – die juristische Voraussetzung dafür, dass nach dem Jugendstrafrecht eine Gefängnisstrafe angeordnet wird.

Bevor die Justizwachtmeister K. in Handschellen abführen, gibt ihm die Vorsitzende Richterin noch deutliche Worte mit auf den Weg: „Ich hoffe, dass Sie endlich begreifen, wie viel Glück Sie gehabt haben – denn dieser Angriff hätte noch schlimmer ausgehen können.“

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