Streik

„Wir strecken die Hand aus“: ABB-Beschäftigte für Moratorium mit Konzernleitung

Halten trotz Abstands fest zusammen: die Mitarbeiter des Großauheimer Werks Hitachi ABB. Gestern trafen sich 300 Beschäftigte des von der Schließung bedrohten Werks und protestierten erneut.
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Halten trotz Abstands fest zusammen: die Mitarbeiter des Großauheimer Werks Hitachi ABB. Gestern trafen sich 300 Beschäftigte des von der Schließung bedrohten Werks und protestierten erneut.

Rund 300 Beschäftigte des Großauheimer Werks Hitachi-ABB Power Grids haben sich gestern bei einer Protestkundgebung gegen die angekündigte Schließung ihres Werks zum 30. Juni nächsten Jahres kämpferisch gezeigt – wenn auch auf Pappkisten, mit zwei Metern Abstand und mit Masken. Sie wollen eine Woche der betrieblichen Unruhe veranstalten, die die Unternehmensleitung von ihrer Kampfbereitschaft überzeugen soll.

Großauheim – Gleichzeitig sprachen sie sich für den Vorschlag des Ersten Bevollmächtigten der IG Metall Hanau-Fulda, Robert Weißenbrunner, aus, die Konzernleitung zum Abschluss eines Moratoriums mit IG Metall und Betriebsrat aufzufordern. Bis zum 30. Oktober habe Hitachi-ABB Zeit, seine Entscheidung zur Schließung des Standorts zurückzunehmen. „Wir strecken die Hand aus und sind um eine friedliche Lösung bemüht“, so Weißenbrunner vor den Toren des Unternehmens an der Brown-Boveri-Straße. Erst zum 1. Juli dieses Jahres war der Standort in Großauheim zu 80 Prozent von Hitachi übernommen worden (wir berichteten). Vor gut drei Wochen wurden die rund 500 Mitarbeiter von der Ankündigung, dass der Standort Mitte nächsten Jahres geschlossen werden soll, kalt erwischt.

Der Betriebsratsvorsitzende Thorsten Karg schwor die Kollegen darauf ein, jetzt an einem Strang zu ziehen. „Wer mit Leidenschaft für eine Sache kämpft, kann nur gewinnen“, rief er seinen Kolleginnen und Kollegen zu. Sämtliche Beschäftigten würden in den kommenden Tagen und Wochen bei allen Entscheidungen von Betriebsrat und Gewerkschaft und von allen Schritten der Verhandlungen mit der Unternehmensleitung informiert und darin einbezogen. „Wie engagiert ihr seid, zeigt sich daran, wie viele von euch heute zur Kundgebung gekommen sind“, so Karg weiter.

Vom großen Engagement zeuge auch die Tatsache, dass der Organisationsgrad der Kollegen in der Gewerkschaft IG Metall von bislang 60 auf nunmehr 80 Prozent gestiegen sei.

Karg und Weißenbrunner klärten die Versammelten über die Strategie von Betriebsrat und Gewerkschaft auf. Ziel aller Maßnahmen sei, den Standort zu erhalten und alle Arbeitsplätze zu sichern. „Keiner kann euch versprechen, dass wir mit unserem Kampf Erfolg haben werden“, sagte Weißenbrunner. Doch man werde alles dafür tun. Um den Standort zu erhalten, werde man den ökonomischen Druck so hoch wie möglich halten. Der Betriebsrat werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen. Zwar könne er Entscheidungen des Konzerns nicht mit rechtlichen Mitteln verhindern. Doch könne er immerhin für die Durchsetzung eines Sozialplans sorgen.

Außerdem werde man mehr öffentlichen Druck erzeugen, kündigte Weißenbrunner an. Daher wolle man regelmäßiger als bisher zu Kundgebungen und Protestveranstaltungen aufrufen. Dass die Politik aktiviert sei und ihre Unterstützung zugesagt habe, sei ein weiteres Pfund in der Waagschale.

Der IG-Metall--Bevollmächtigte machte deutlich, dass die Mitarbeiter engagiert die Zukunft des Werks mitgestalten wollten. „Es hat sich bei der jüngsten Strategiesitzung eine kleine Gruppe gegründet, die über die Frage nachdenkt, wie das eine oder andere Produkt in der Zukunft aussehen kann“. Dass die Galvanik und die Vorfertigung sukzessive abgebaut würden, geschehe schließlich auch, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

„Wir verlangen vom Konzern, dass er zu seiner Entscheidung steht und die angekündigte Schließung zurücknimmt, forderte der IG Metaller. Denn es brenne derzeit an allen Ecken der Republik, nicht nur bei Thermo Fisher in Langenselbold, der Vacuumschmelze in Hanau und Norma in Maintal.

„Keine rosigen Aussichten“, formulierte es ein Teilnehmer der Kundgebung abschließend. „Wenn wir unseren Job verlieren, finden wir nie mehr was Neues!“

Von Jutta Degen-peters

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