Forscher widmen sich Zukunftsthemen

Wissenschaftler in Hanau forschen an Utopie: eine Welt ohne Abfälle

Mehr als 28 Millionen Euro kostet der Fraunhofer-Neubau an der Aschaffenburger Straße. Im Sommer dieses Jahres sollen dort die Forscher einziehen.
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Mehr als 28 Millionen Euro kostet der Fraunhofer-Neubau an der Aschaffenburger Straße. Im Sommer dieses Jahres sollen dort die Forscher einziehen. 

Es klingt wie ein blumiger Traum: Eine Welt ohne Abfälle. Doch Wissenschaftler in Hanau arbeiten konkret daran, diese Utopie in die Tat umzusetzen.

Hanau - Prof. Dr. Anke Weidenkaff hat eine Vision. Ihr schwebt „eine Welt ohne Abfälle“ vor. Doch für die habilitierte Chemikerin ist das nicht nur ein blumiger Traum. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen von der Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS mit Sitz in Hanau und Alzenau arbeiten hart daran, dass diese Vision tatsächlich eines Tages Realität wird. „Denn letztlich“, so sagt die Leiterin der Fraunhofer-Einrichtung, „bleibt der Menschheit ja auch überhaupt nichts anderes übrig, als die Kreislaufwirtschaft zu perfektionieren, denn alle natürlichen Ressourcen auf unserem Planeten sind endlich. “.

Es ist also eine der zentralen Zukunftsaufgaben, an der in Hanau und Alzenau intensiv geforscht und gearbeitet wird. Und dafür bekommen die rund 90 Mitarbeiter der verschiedenen Forschungsteams des Fraunhofer IWKS in den nächsten Monaten noch deutlich bessere Rahmenbedingungen. Denn an beiden Standorten entstehen zur Zeit neue Labor- und Bürogebäude, die im Sommer dieses Jahres bezogen werden sollen.

Auf dem Gelände der früheren Wolfgang-Kaserne, das seinerzeit von der Stadt Hanau voller Stolz über die Ansiedlung des hochkarätigen Wissenschaftsbetriebs flugs in „Fraunhofer Science Park“ umgetauft wurde, gehen die Arbeiten an dem mehr als 28 Millionen Euro teuren Neubau gut voran. Das Land Hessen stellt dafür 15 Millionen Euro zur Verfügung, ergänzt durch Bundesmittel in Höhe von 13,5 Millionen Euro. Bei einem Ortstermin ist die Vorfreude von Prof. Dr. Anke Weidenkaff auf die Inbetriebnahme des neuen Hauses an der Aschaffenburger Straße deutlich spürbar.

Mehr als 28 Millionen Euro kostet der Fraunhofer-Neubau an der Aschaffenburger Straße. Im Sommer dieses Jahres sollen dort die Forscher einziehen. 

Dort entstehen in einem Gebäude mit einer Nutzfläche von rund 2 600 Quadratmetern hochmoderne Arbeitsplätze für rund 80 Mitarbeiter, die laut Weidenkaff ihren Forschungsschwerpunkt im Bereich der Elektromobilität haben werden. Noch arbeiten die Forscher unweit von ihren künftigen Arbeitsplätzen in angemieteten Räumen von Umicore, eines von gleich mehreren Hanauer Unternehmen, mit denen die Fraunhofer-Einrichtung auf verschiedenen Feldern inzwischen sehr eng zusammenarbeitet.

Anke Weidenkaff leitet seit Oktober 2018 die ehemalige Fraunhofer-Projektgruppe für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie, die im Jahr 2011 mit ihren Standorten in Hanau und Alzenau gegründet worden war und die zunächst noch zum Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC mit Sitz in Würzburg gehörte. Inzwischen ist die Projektgruppe in den Rang einer eigenständigen Fraunhofer-Einrichtung aufgestiegen – auch ein Beleg für die Bedeutung der Arbeit, die dort geleistet wird.

Und in Hanau werden sich die Forscher mit einem besonders spannenden Thema beschäftigen: der Zukunft der Elektromobilität. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen bis 2030 rund sechs Millionen Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen rollen - mit dem heutigen Stand der Technik ist das kaum vorstellbar.

Kleiner Etikettenschwindel: Ein eigenständiges Institut ist die Fraunhofer-Einrichtung IWKS (noch) nicht.

Eine zentrale Aufgabenstellung werde es sein, die Lebensdauer von Batterien signifikant zu erhöhen und ein verbessertes Batterierecycling für die Elektromobilität zu entwickeln, erläutert Prof. Weidenkaff. „Für die Herstellung von leistungsfähigen Lithium-Ionen-Akkumulatoren werden heute große Mengen an wertvollen Rohstoffen wie Kobalt, Lithium, Nickel und Kupfer benötigt, die nach Lebensende der Batterien möglichst im Wertstoffkreislauf erhalten bleiben sollten. Dies erfordert eine geschlossene Recyclingkette“, sagt Anke Weidenkaff, die auch eine Professur an der Technischen Universität Darmstadt innehat. Dort ist unter ihrer Leitung das neue Fachgebiet „Materialchemie/Wertstofftechnik und Ressourcenmanagement“ entstanden.

Die heute für die Batterieherstellung noch notwendigen Rohstoffe müssen fast alle aus Ländern außerhalb der Europäischen Union importiert werden. Gleiches gilt für die Herstellung von Magneten, die wichtige Bestandteile der Elektromotoren sind. Sie enthalten unter anderem die sogenannten Seltenen Erden, auf deren Export China fast ein weltweites Monopol hat. Daraus ergeben sich ökonomische Abhängigkeiten, die es neben allen ökologischen Aspekten nur noch dringender machen, eine effiziente Kreislaufwirtschaft insbesondere auf dem Gebiet der Elektromobilität zu entwickeln.

„Dazu müssen wir aber zunächst noch die Prozesse, die sich in einer Batterie oder einem Magneten während der Anwendung und Alterung wirklich abspielen, noch viel besser verstehen“, sieht Prof. Dr. Weidenkaff gerade in diesem Bereich die Grundlagenforschung noch längst nicht an ihrem Ende. Und sie hegt die „aus meiner Sicht durchaus berechtigte Hoffnung, dass es uns über das Verstehen dieser Prozesse auch gelingen kann, nachhaltigere Ersatzstoffe für die natürlichen Rohstoffe zu entwickeln, die heute noch in der Elektromobilität eingesetzt werden müssen.“

Von Dirk Iding

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